Investitionen
Immobilien sind out, Kühe in: Jetzt kommt die Börse auf den Bauernhof

In Krisenzeiten besinnen sich die Franzosen auf sichere Wertanlagen. Sie investieren nicht in Aktien oder Immobilien, sondern in Kühe. Die Kleinanleger erzielen keine Riesengewinne, aber sie erhalten eine feste Rendite.

Stefan Brändle, Saint-Victor-de-Cessieu
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Kleinsparer investieren statt in Gold in Milchkühe. TORRE/keystone

Kleinsparer investieren statt in Gold in Milchkühe. TORRE/keystone

Achtung, Vieh auf der Strasse: Die rot umrandete Warntafel am Dorfeingang lässt keinen Zweifel zu, wer in Saint-Victor-de-Cessieu (Zentralfrankreich) den Ton angibt. Stetes Muhen empfängt den Besucher auch auf dem «Bauernhof der glücklichen Kühe», wie Richard Durand sein Gut nennt. Selbst ganz zufrieden, präsentiert der 49-jährige Landwirt seine hundert prächtigen Milchkühe mit Namen wie Honolulu, Hawaii oder Tartine, zu Deutsch Butterbrot.

Fünf Prozent garantierte Rendite

«Seine» Kühe sind es aber nur zum Teil: Ein gutes Drittel der gefleckten Holstein-Herde gehört nicht Durand, sondern privaten Anlegern. Sie haben eine oder mehrere Kühe zum Stückpreis von 1320 Euro erworben. So wie andere Leute auf Gold oder Immobilien setzen, investieren diese Kleinsparer in Milchkühe. «Mit einer jährlich garantierten Rendite von fünf Prozent», präzisiert mit Nachdruck Pierre Marguerit, dessen Vereinigung «Élevage et Patrimoine» (Aufzucht und Vermögen) in Frankreich 30 000 Kühe auf über 800 Bauernhöfen verwaltet.

Die Rendite erfolgt in Natur. Wer zum Beispiel zwanzig Kühe kauft, kriegt am Jahresende eine junge Kuh, im Jargon Färse genannt. Seine Herde umfasst dann 21 Stück. Natürlich kann man seine Anteile auch kurzfristig abstossen; dann wird man in bar ausbezahlt. Wer ganz aussteigt, muss im Normalfall nur einige Tage warten, bis eine neue Anlegerin oder ein neuer Anleger auftritt.

«Aber wir suchen eher langfristige Anleger, denn die Grundidee dahinter ist, dass man mit einem Bauern gemeinsame Sache macht», erklärt Marguerit während seines Besuchs auf Durands Hof unweit von Lyon. «So ermöglicht man einem Milchproduzenten, seinen Hof auszubauen oder in andere Bereiche zu diversifizieren.»

Richard Durand sparte einige zehntausend Euro, weil er 37 seiner glücklichen Kühe nicht selber kaufen musste, sondern mieten konnte. «Mit dem Geld richtete ich eine kleine Molkerei ein. Das lenkt ein wenig vom eintönigen Unterhalt meiner Herde ab», meint der Landwirt, der seine mundigen Fruchtjoghurts, Quarkkäse und Dessertcremen selber in die Schulkantinen rund um Saint-Victor-de-Cessieu verkauft.

Zum Schluss blieb offenbar sogar ein wenig Geld für eine Stereoanlage: Durch den Stall rieselt sanfte Unterhaltungsmusik. «Hardrock mögen meine Kühe gar nicht», schmunzelt der Bauer. «Mozart und Strauss schon eher.»

Immer mehr Kuh-Investoren

Laut dem Kuh-Makler Marguerit entdecken aber auch die Franzosen die Vorteile dieses Systems, das «dem friedlichen und unverrückbaren Rhythmus der Natur folgt», wie es in seiner Werbebroschüre heisst. «Dank der breiten Abstützung», so liest man weiter, «hilft es über konjunkturelle Schwankungen hinweg.»

Seit Beginn der Finanzkrise steigt die Zahl der Kuh-Investoren in Frankreich jährlich um 2,5 Prozent. Dieser Anstieg ist steiler als jemals zuvor in der Geschichte der Kuh-Börse, deren Spuren im Agrarland Frankreich bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Damals vermieteten reiche Klöster ihre Herden an umliegende Bauern. Dieses mittelalterliche System, «Gazaïlle» genannt, mutierte über die Jahrhunderte, bis daraus in den Siebzigerjahren «Élevage et Patrimoine» entstand.

Seine Kleinanleger erzielen keine Riesengewinne. Aber sie erhalten eine feste Rendite, die nicht durch Abschreibungsverluste oder irgendwelche Unterhaltsgebühren geschmälert wird. Eine Versicherung schützt gegen Krankheiten des Rindviehs. Bei seinem Tod geht das Eigentumsrecht zudem auf eine junge Kuh über. Der Investor trägt also nicht einmal ein Gesundheitsrisiko.

Verzicht auf Werbung

Wenn das Anlegen in Milchkühe auch in Frankreich erst ortsweise bekannt ist, hat dies seinen Grund vor allem darin, dass die Kuh-Makler keinerlei Werbung betreiben; so war ihr System bisher nur in bäuerlichen Kreisen verbreitet. Dabei ist die Idee an sich sehr naheliegend: Laut Marguerit hat der französische Ausdruck «cheptel» (Viehbestand) die gleiche Wurzel wie «capital». In Krisenzeiten kommen jetzt auch die Städter aus Paris und Lyon zunehmend auf den Geschmack ländlicher Anlagen. Glücklicher Anlagen.

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