Wirtschaft

Ins Striplokal und auf Familienbesuch nach Australien über die Festtage: Die pikanten Spesen-Eskapaden des Pierin Vincenz

Pierin Vincenz – «nonstop über die Stränge gehauen».

Pierin Vincenz – «nonstop über die Stränge gehauen».

In der 350 Seiten dicken Anklageschrift der Zürcher Staatsanwaltschaft gegen den Ex-Raiffeisenchef Pierin Vincenz und weitere Angeklagte dreht sich ein beträchtlicher Teil um illegale Spesen. Die Strafverfolger listen einen Betrag von 251’000 Franken auf, welche der Ex-CEO der Raiffeisen in Rechnung gestellt hatte. Das meiste für pikante private Vergnügungen.

(red) In seiner Zeit als oberster operativer Chef der Raiffeisen habe Pierin Vincenz tun und lassen können, was er wollte. Das schreibt Journalist Lukas Hässig in der neuesten Ausgabe seines Onlinemagazins «Inside Paradeplatz». Vincenz habe «nonstop» über die Stränge gehauen und diese Eskapaden von seiner Firma zahlen lassen. «Es handelt sich nicht um einen Nebenschauplatz. Vielmehr kommt ein ausgeklügeltes System zum Vorschein – mit eigener Kostenstelle, Vertrauensanwalt, willigen Sekretärinnen», heisst es im Artikel.

Beträge bis fünf Millionen

Die Kostenstelle für seine «Privatvergnügen» hatte die Nummer 950000 und habe dem ehemaligen Raiffeisen-CEO das Recht gegeben, mit alleiniger Unterschrift Beträge bis fünf Millionen abzuzeichnen.

Bis 2011 seien diese privaten Spesen direkt über diese Kostenstelle des CEO gelaufen. Von dort seien sie in die Hauptbuchhaltung der drittgrössten Schweizer Bank gelangt und beglichen worden.

Ab 2011 habe sich dieser Ablauf geändert, heisst es weiter im Artikel. Damals sei der St.Galler Vertrauensanwalt Eugen Mätzler ins Spiel gekommen. Mätzler sei auch bei den Vorab-Investments involviert gewesen, über welche sein Klient schliesslich gestolpert sei.

Treuhandkonto bei der UBS

Sämtliche Löhne, Boni, PK-Beiträge und Spesen aller Mitglieder der Geschäftsleitung der Raiffeisen Schweiz unter Vincenz seien ab 2011 über Mätzler gelaufen. Der Anwalt habe dafür ein Treuhandkonto bei der UBS erstellt. Die jährliche Gesamtabrechnung für die Spesen habe er über die Kostenstelle 820080 laufen lassen.

Von dieser Kostenstelle – und nicht wie zuvor von der CEO-Kostenstelle 950000 – seien ab dann die Abrechnungen in die Finanzbuchhaltung der Raiffeisen gelangt. So sei es gelungen, die Spesen von Vincenz im Einzelnen nicht mehr sichtbar sein zu lassen. «Sie verschwanden im grossen Mätzler-Topf», heisst es im Beitrag des Onlinemagazins.

Auszug aus den teuren Privat-Eskapaden auf der Spesenabrechnung von Pierin Vincenz:

  • Im «King’s Club» in Zürich (Cabaret und Striplokal der Edelklasse) war Vincenz Stammgast. Die Staatsanwaltschaft hat 91’000 Franken für Champagner und Spass zusammengetragen. Die Beträge reichten von 53 Franken bis 4’945 Franken – letzteres für ein «Nachtessen/Ausgang TCMG», das war die Assetmanagement-Gruppe von Vincenz, aufgebaut mit Partner Beat Wittmann. 1’400 Franken teuer war ein «Nachtessen Ringier/Goodnews». Auch Leonteq, wo Vincenz später Präsident im Verwaltungsrat war, taucht auf den King’s Club-Rechnungen auf: 2’598 Franken waren es für ein «Nachtessen/Leonteq» im Frühling 2014.
  • War Vincenz in der Romandie, dann gings ins «Le Velvet» (7’000 Franken), ins «Crazy Paradise» (6’000 Franken) und ins «Pussy Cat» (2’500 Franken) in Genf sowie ins «Brummell» (1’700 Franken) in Lausanne.
  • In Bern war das favorisierte Lokal von Vincenz das «Chikito». Dort gab er 2’800 Franken aus, im «Perroquet» waren es mit 700 Franken vergleichsweise wenig.
  • Weitere Ausgaben auf der Spesenrechnung: 1200 Franken in der Aargauer «Laguna Bar», im «Du Pont» Luzern 6’000 Franken, im «Golden Club» (18’000 Franken) und im «Tiffany» St.Gallen (7’000 Franken) und im «Paradiso» Romanshorn (800 Franken).
  • Im Tessin bevorzugte er das «Cecildance» in Paradiso (11’000 Franken) sowie das «Il Nibbio» (8’400 Franken) und das «La Piccionaia» (900 Franken), beide in Lugano.
  • Auf der Spesenabrechnung findet sich ausserdem für ein Essen mit einer Tinder-Bekanntschaft in Zürich 700 Franken.
  • 3’778 Franken Spesen betreffen die Reparatur eines Hotelzimmers im Zürcher Businesshotel Park Hyatt: Der Schaden soll durch einen Streit mit einer Frau entstanden sein. Vincenz liess auch diese Angelegenheit über die Firmenkarte laufen. Es kam anschliessend zu einem Rechtsstreit mit der Frau. Diese wandte sich an die Kanzlei des Anwalts Valentin Landmann, Vincenz zur Seite stand Lorenz Erni. Er lancierte die Operation «Konsilium». Dabei ging es darum, eine Strafanzeige der Frau gegen Vincenz wegen Körperverletzung zu verhindern. Vincenz zahlte der Frau in der Folge in monatlichen Tranchen eine hohe Summe. Anwalt Erni stellte für seine Leistungen rund um «Konsilium» gemäss Auflistung der Staatsanwaltschaft total 31’000 Franken in Rechnung. Ebenfalls rund um «Konsilium» standen die Anwälte der Zürcher Wirtschaftskanzlei Niederer Kraft Frey (NKF) dem damaligen Spitzenbanker zur Seite. Dafür stellten die NKF-Juristen insgesamt 48’000 Franken in Rechnung. Das Geld erhielten sie bezahlt von der Raiffeisen Schweiz.
  • Mit Familien und Freunden bereiste Vincenz ausserdem die Welt: Zum Beispiel mit der Hobbykochgruppe befreundeter Ostschweizer Unternehmer namens «Fleur de Tiger». Die Gruppe gönnte sich eine Auszeit auf Mallorca. Dazu beauftragte Vincenz seine zwei Sekretärinnen mit der Organisation. Im Privatjet ging es nach Palma, am Flughafen wartete die Limousine. Verbucht wurden die Ausgaben unter «Reisespesen ÖVK (Bahn, Taxi, Tram, Flugzeug)».
  • Die Festtage 2014/15 verbrachte Vincenz mit seinen Töchtern und seiner Frau in Australien. Für 15’000 Franken flog der Raiffeisen-Chef nach Brisbane in Australien. «Flug Swiss Brisbain (sic!)», gab Vincenz raiffeisenintern an mit der Begründung, er würde dort Banker treffen.

Für den Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung.

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