Interview
«Die Entlassung Älterer wird enttabuisiert» – für Travailsuisse-Experte eine problematische Entwicklung

Thomas Bauer, Leiter Sozialpolitik bei Travailsuisse, sieht in der Enthemmung ein «verheerendes Signal».

Daniel Zulauf
Drucken
Teilen

Thomas Bauer war vor seinem Wechsel zu Travailsuisse stellvertretender Leiter Volkswirtschaft im Amt für Arbeit des Kantons Zürich. Dort sorgte er mit einer Studie für Aufsehen, welche eine markante Diskriminierung älterer Arbeitnehmender in der Finanzbranche nachgewiesen hatte.

73 Prozent der Firmen sind bereit, Menschen im Alter von über 55 Jahren einzustellen. Ist das ein gute oder eine schlechte Nachricht?

Thomas Bauer, Leiter Sozialpolitik bei Travailsuisse.

Thomas Bauer, Leiter Sozialpolitik bei Travailsuisse.

zVg

Thomas Bauer: Das ist eine schlechte Nachricht, denn sie heisst vor allem auch, dass mehr als ein viertel der Unternehmen offen dazu stehen, dass sie nicht bereit sind, Arbeitnehmende über 55 Jahren anzustellen. Das ist ein klares Zeichen einer Diskriminierung älterer Arbeitnehmender bei der Einstellung. Dieses Signal ist verheerend.

Sie hatten dieses Verhalten 2016 schon der Finanzbranche diagnostiziert – damals noch im Auftrag der Zürcher Regierung. Den Banken und Versicherungsfirmen dürfte das kaum gefallen haben.

Wir hatten die Frage der Diskriminierung sehr zurückhaltend formuliert. Trotzdem gab es eine harsche Reaktion. Gleichzeitig wurde die Aussage in sehr vielen Gesprächen aber bestätigt. Die Überraschung über unsere Erkenntnisse hielt sich darum letztlich in Grenzen. Wir haben statistisch gezeigt, was in der Branche bereits vielen bekannt war.

Wie sehen Sie die Branche jetzt?

Auch heute ist das durchschnittliche Alter beim Austritt aus dem Arbeitsmarkt in der Finanzbranche mit Abstand am tiefsten, was sich bei weitem nicht nur mit einem Wohlstandseffekt erklären lässt.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation der älteren Arbeitnehmenden im Arbeitsmarkt generell ein?

Wenn wir die Erwerbsbeteiligung anschauen, dann sehen wir, dass diese bei den 55- bis 64-Jährigen sehr viel tiefer liegt als bei Personen im mittleren Alter. Während etwa bei Arbeitnehmenden mit einem Lehr- abschluss im Alter von 40 bis 54 Jahren noch 86 Prozent der Leute erwerbstätig sind, so sind es bei den 55- bis 64-Jährigen noch gerade 71 Prozent. Wir haben somit einen starken Rückgang der Erwerbsbeteiligung mit zunehmendem Alter. Somit haben wir ein Problem.

Worin besteht das Problem?

Im Gegensatz zu früher verlieren Arbeitnehmende heute öfter die Stelle. Die Entlassung von älteren Arbeitnehmenden wird enttabuisiert. Sie finden gleichzeitig häufig nur schwer wieder eine neue Stelle. Dies zeigen Zahlen zu den Aussteuerungen, welche bei älteren Stellensuchenden höher sind als bei den Jungen. Wenn sie eine neue Stelle finden, dann ist diese zudem häufig schlechter als die vorhergehenden.

Was ist zu tun?

Es braucht weitere Massnahmen, welche einerseits im Bereich der Weiterbildungen ansetzen, andererseits aber auch beim Kündigungsschutz und der Diskriminierung.

Ist die Altersvorsorge unter den gegebenen Bedingungen überhaupt reformierbar?

Ja. Die Frage ist, wie und ob die verschiedenen Kräfte bereit sind, aufeinander zuzugehen. Wir haben in der beruflichen Vorsorge mit dem Sozialpartnerkompromiss zusammen mit dem Arbeitgeberverband und dem Gewerkschaftsbund einen grossen Schritt vorwärtsgemacht. Nun ist es am Parlament, diese Türe nicht wieder zu verschliessen. Bei der AHV werden wir uns für eine Beibehaltung der heutigen Leistungen einsetzen. Rentenaltererhöhungen treffen Arbeitnehmende mit tiefen und mittleren Einkommen stark. Sie können aufgrund der berufsbedingten Belastungen nicht länger arbeiten, sich gleichzeitig aber auch keine Frühpensionierung leisten.

Aktuelle Nachrichten