Die aktivistischen Grossinvestoren von ABB sind noch immer nicht zufrieden. Die Zugeständnisse des Industriekonzerns scheinen ihnen ungenügend. So hat ABB inzwischen die Stromnetzsparte verkauft und sich im April von Konzernchef Ulrich Spiesshofer getrennt. Nun landet bereits die nächste Forderung auf dem Tisch der Firma: Der US-Investmentfonds Artisan Partners verlangt eine weitgehende Zerschlagung des Elektrokonzerns.

Präsident Peter Voser muss nun sein Personal vom Nutzen des angelaufenen Grossumbaus der ganzen Organisation überzeugen. Gleichzeitig soll er den Erwartungen seiner Aktionäre gerecht werden. Voser scheint sich auf ein längeres Interregnum als Chef einzurichten, wie sein Rücktritt aus dem Verwaltungsrat von Roche nahelegt (siehe gestrige Ausgabe).

Wie tief die Zäsur bei ABB noch gehen könnte, beginnt sich nach der strategischen Neuausrichtung langsam abzuzeichnen. Im Dezember hatte der Konzern den Verkauf seiner traditionsreichen Stromnetzsparte angekündigt. Mit einem Jahresumsatz von fast 10 Milliarden Dollar und 36 000 Mitarbeitern gelangt die zweitgrösste Division im kommenden Jahr in die Hände der japanischen Hitachi Gruppe.

Die Transaktion soll den ABB-Aktionären direkt (via Dividenden) und indirekt (via Aktienrückkäufe) gegen 8 Milliarden Dollar einbringen. Zudem wird erwartet, dass sich die Rentabilität der neuen ABB verbessert. Die verbleibenden vier Konzerndivisionen hatten zuletzt deutlich höhere Margen erwirtschaftet als die zu veräussernde Stromnetzsparte.

Für die Aufspaltung des Konzerns lobbyierten während längerer Zeit die beiden Grossaktionäre Cevian (5,3 Prozent) und Artisan Partners (3 Prozent). Zum Erfolg kamen sie erst, als auch die schwedische Ankeraktionärin Investor AB (10,7 Prozent) einlenkte. Eine hinter den Erwartungen zurückgebliebene Geschäftsentwicklung, mitunter verursacht durch Verluste bei der Umsetzung eines Offshore-Windprojektes in der Nordsee, und ein schwacher Verlauf des Aktienkurses brachten die Wallenberg-Familie zum Einlenken.

Bedeutender Grossauftrag

Allerdings vermochte auch der Verkaufsentscheid den Aktienkurs nicht auf Touren zu bringen. Die ABB-Titel notieren immer noch unter 20 Franken und damit rund 5 Prozent unter dem Niveau von Anfang Dezember. Entsprechend verlangen die Grossaktionäre weitere Massnahmen.

David Samra, Investmentchef des Fonds Artisan Partners, verlangt, dass die Zerschlagung des Konzerns weitergeht. ABB sei zwar «endlich auf dem richtigen Weg». Aber «nun erwarten wir, dass als nächster logischer Schritt eine weitere Aufteilung von ABB in zwei oder vielleicht sogar drei separate Firmen folgt», sagte Samra dem Finanzportal «Themarket.ch».

Als besonders sinnvoll erachtet der Investor eine Trennung des Geschäfts mit Elektrifizierungsprodukten von der Fabrikautomation. Die vom Management propagierte Vision, in der sich ABB mit ihren vier verbleibenden Divisionen als Vorreiterin einer digitalisierten Wirtschaft profilieren soll, hinterlässt beim Fondsmanager kaum Eindruck. Stattdessen sagt er: «ABB ist ein schwerfälliges Konglomerat, das weiter getrimmt werden muss.»

Inzwischen ist der Umbau der Organisation angelaufen. Er sorgt für Unruhe in der Belegschaft. Dabei hätte diese eigentlich allen Grund zur Freude. Gute Nachrichten von der Verkaufsfront kommen ironischerweise von der Stromnetzsparte. Letzte Woche hat der Bereich einen Grossauftrag aus China vermeldet. ABB wird Transformatoren liefern, die für die Erstellung einer 800-Kilovolt-Höchstspannungs-Gleichstromübertragungsleitung mit der Länge von 1100 Kilometern nötig sind.

Der Auftrag hat laut gut unterrichteten Kreisen einen Wert von rund 200 Millionen Dollar. Er ist Teil eines Grossprojektes, das ABB und später Hitachi in den nächsten Jahren Bestellungen von gegen 2 Milliarden Dollar einbringen könnte. Eine Absichtserklärung haben die beiden Parteien im November unterzeichnet. Die Grossaufträge aus China lassen auch das Geschäft mit Hitachi in einem neuen Licht erscheinen. Offenbar hatte Hitachi die Absichtserklärung abgewartet, um in den Kauf einzuwilligen. Die Verkaufserfolge in China sind eine Bestätigung für die technologisch führende Position von ABB im Bereich der Höchstspannung, die sich der Konzern in den letzten 60 Jahren erarbeitet und bis heute erfolgreich verteidigt hat.