Tabu-Themen
Kommunikations-Expertin : «Es ist befreiend, über Krebs zu sprechen»

Kommunikationsexpertin Beatrice Tschanz über den Mut, eine Erkrankung öffentlich zu machen.

Yannick Nock
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Beatrice Tschanz

Beatrice Tschanz

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Der Halifax-Absturz 1998 machte die Kommunikationschefin der Swissair zu einer der berühmtesten Frauen des Landes. Die Arbeit von Beatrice Tschanz (73) nach dem Unglück wird heute als Meisterleistung der Krisenkommunikation betrachtet. Nun lobt sie Swiss-Life-Chef Patrick Frost für seine Offenheit – und spricht über ihren eigenen Kampf gegen den Krebs.

Frau Tschanz, Swiss-Life-CEO Patrick Frost redet offen über seine Krebserkrankung. Ist der Schritt an die Öffentlichkeit richtig?

Beatrice Tschanz: Das ist sehr individuell. Ich respektiere, wenn Betroffene schweigen möchten. Es gibt aber auch Menschen, die Kraft daraus schöpfen, wenn sie offen über Krebs sprechen. Das kann befreiend wirken.

Dabei gelten Krankheiten und Schwächen gerade in der Welt der CEOs als Tabu.

Richtig, aber wir sollten uns bewusst machen, dass Firmenchefs auch nur Menschen sind. Man muss nicht immer alles im Griff haben, man muss nicht immer in Topform oder immer der Grösste sein. Das hat mit der Realität wenig zu tun. Auch andere Krankheiten wie Burnouts werden in der Wirtschaftswelt noch immer unter dem Deckel gehalten. Dabei sind Menschen nur dann stark, wenn sie auch zu ihren Schwächen stehen.

Patrick Frost sagt, er habe mit sich gerungen, öffentlich über den Krebs zu sprechen, weil er eine Stigmatisierung fürchtet. Zu Recht?

Heute kann man Krebs sehr gut therapieren, deshalb glaube ich nicht, dass es zu einer Stigmatisierung kommt. Vielmehr ist es wichtig, die Krank- heit nicht zu tabuisieren. Es sind schon andere an die Öffentlichkeit getreten, wie der frühere Nestlé-Chef Peter Brabeck.

Allerdings war Brabeck mit fast 70 älter als Frost, der mit Ende 40 mitten im Berufsleben steht.

Darum ist es auch mutig von Frost, so offen darüber zu sprechen.

Sie selbst erkrankten 1985 an Gebärmutterkrebs, behielten die Krankheit aber für sich.

Ich war gerade 40 und habe den Krebs verdrängt. Nur die engsten Familienmitglieder wussten davon. Ich glaube, dass es für mich das Beste war, die Krankheit nicht an mich ranzulassen. Die ganze Anspannung kam erst später, nach erfolgreicher Therapie wieder hoch. Das ist auch eine Frage der persönlichen Reife, damals war ich froh, einfach alles von mir wegschieben zu können.

Würden Sie es heute anders machen?

Jetzt, im reiferen Alter, würde ich vermutlich offener mit der Krankheit umgehen.

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