Konsum
Nestlé im Homeoffice-Hoch: Konzern profitiert von Kaffee zu Hause – und Kundschaft mit grossem Portemonnaie

Der Hersteller von Maggi-Würfeln und Thomy-Mayonnaise wächst kräftig. Er steigert sowohl Umsatz als auch Gewinn dank Nespresso- und Starbucks-Kaffee und teurem Wasser mit Zusatzstoffen. Doch da gibt es ein grosses Problem.

Benjamin Weinmann
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Jung, hip und genügend Geld in der Tasche: Nestlé setzt vermehrt auf Premium-Produkte wie der US-Wassermarke Essentia, die mit Zusatznutzen wirbt.

Jung, hip und genügend Geld in der Tasche: Nestlé setzt vermehrt auf Premium-Produkte wie der US-Wassermarke Essentia, die mit Zusatznutzen wirbt.

Screenshot / Nestlé

Die Geschichte von Nestlé beginnt mit einem Pulver: Der aus Deutschland stammende Gründer Heinrich Nestlé, der sich später Henri nennen liess, kreierte Mitte des 19. Jahrhunderts ein maschinell produziertes Babymilchpulver, dass den Grundstein legte für den heutigen Koloss vom Genfersee mit einem Jahresumsatz von knapp 90 Milliarden Franken.

Starbucks-Kapseln erhöhten den Nestlé-Umsatz.

Starbucks-Kapseln erhöhten den Nestlé-Umsatz.

Screenshot Costco.com

Babynahrung ist zwar noch immer ein Stützpfeiler des Nestlé-Geschäfts, doch bei weitem nicht mehr der wichtigste. An dessen Stelle sind Getränke aus Pulver und in Flüssigform gerückt. Sie machen inzwischen 27 Prozent des Umsatzes aus. Dazu gehört auch Nestlés braunes Gold - das Kaffeegeschäft, mit den Marken Nescafé und Nespresso, und seit 2018 auch alle Supermarkt-Produkte von Starbucks.

Kaffee-Kapseln und Tiefkühlpizzas

Und das zahlt sich aus, insbesondere während der Covid-Krise. 2021 konnte Nestlé den Kaffee-Umsatz um 9,7 Prozent steigern. Vor allem die Starbucks-Bohnen und -Kapseln waren gefragt, wie Nestlé-Chef Mark Schneider an der Bilanzmedienkonferenz am Mittwoch sagte. Grund dafür ist nicht zuletzt das Home-Office-Regime im Zuge der Pandemie.

Waren in der Pandemie gefragt: Tiefkühlpizzas.

Waren in der Pandemie gefragt: Tiefkühlpizzas.

Screenshot Buitoni.ch

Auch künftig würden viele Menschen weiterhin von zu Hause aus arbeiten, so wie auch bei Nestlé selbst, sagt Schneider. «Und davon werden unsere Kaffee-Produkte weiterhin profitieren.» Gefragt waren zuletzt denn auch Menus aus der Tiefkühltruhe, die sich schnell zubereiten lassen. In den USA, wo das Geschäft noch vor nicht allzu langer Zeit ein Sorgenkind war, stieg der Umsatz mit Buitoni-Tiefkühlpizzas und so genannten TV-Dinners gar um 8,3 Prozent. Die Gerichte seien gesund und praktisch. «Das spielt uns in die Hände, wenn die Zeit zum Kochen knapp ist.»

Vegane Hamburger und Hundefutter

Ein noch stärkeres Wachstum verzeichnet Nestlé beim Tierfutter mit 12,7 Prozent, da sich viele Kundinnen und Kunden während den Lockdowns einen Pluto oder eine Mimi angeschafft haben. Zudem widerspiegelt sich in den Umsatzzahlen auch der Wellness- und Nachhaltigkeitsboom. So legten pflanzliche Fleischalternativen wie vegane Hamburger, Würste und Speck um knapp 17 Prozent zu, und das Geschäft mit Vitaminen und anderen Immunstoffen um knapp 14 Prozent.

Viele Haushalte kauften sich in der Pandemie ein Haustier. Und die müssen gefüttert werden, was Nestlé freut.

Viele Haushalte kauften sich in der Pandemie ein Haustier. Und die müssen gefüttert werden, was Nestlé freut.

Lee Thompson / Moment RF

Insgesamt konnte Nestlé im vergangenen Jahr den Umsatz um 3,3 Prozent auf 87 Milliarden Franken steigern. Der Gewinn stieg gar um 40 Prozent auf 16,9 Milliarden, was allerdings auch mit dem Verkauf eines Aktienpakets am französischen Konsumgüterkonzerns L'Oréal zu tun hat, wofür Nestlé 8,9 Milliarden Euro kassierte.

Luxus-Kaffee aus Kalifornien

Teurer Hipster-Kaffee aus Kalifornien: Blue Bottle gehört seit 2017 zum Nestlé-Konzern.

Teurer Hipster-Kaffee aus Kalifornien: Blue Bottle gehört seit 2017 zum Nestlé-Konzern.

Imago Stock&people / imago stock&people

Hierzulande ist Nestlé nicht zuletzt für traditionsreiche Marken wie Thomy-Senf, Maggi-Würze und Stalder-Crème bekannt. Doch seit der Deutsch-Amerikaner Mark Schneider 2017 das Zepter übernommen hat, setzen die Waadtländer zunehmend auf Premium-Produkte mit hohen Margen. So kaufte er für 7 Milliarden Dollar das Detailhandelsgeschäft von Starbucks, er übernahm letztes Jahr für 5,7 Milliarden den US-Vitaminen-Hersteller Bountiful und 2017 die Luxus-Kaffeekette Blue Bottle aus Kalifornien. Diese verkauft unter anderem auch Instant-Kaffeeportionen à 4 Gramm für 4 Dollar - sechsmal mehr also als für eine Tasse Nespresso.

Gleichzeitig trennte sich Schneider von Geschäften mit tieferer Marge. Der bedeutendste Schritt fand im vergangenen Jahr statt mit dem Verkauf vom US-Wassergeschäft für 4,3 Milliarden Dollar, wo Nestlé im mittleren Preissegment tätig war. Damit erreichte man viele Haushalte der Mittelschicht - doch nicht die hippen, jungen, gesundheitsbewussten Leute mit hohem Einkommen, denen herkömmliches Wasser nicht genug ist. Kommt hinzu, dass Nestlé wegen seiner Wasser-Produktion in den USA immer wieder in die Kritik von Umweltschützern geriet.

H20-la-la statt bloss H20

Schneider möchte aus H20 deshalb lieber H2O-la-la machen. Denn für funktionales Wasser kann Nestlé einen höheren Preis verlangen. Das italienische Mineralwasser S. Pellegrino gibt es seit Frühling neu auch mit Koffein in der Aludose und mit Geschmacksvarianten wie «exotic vanilla and coffee», «delicious cocoa and coffee» und «smooth caramel and coffee». Im März kaufte Nestlé zudem die bei Sportlerinnen und Sportler beliebte US-amerikanische Premium-Wassermarke Essentia mit ionisiertem, alkalischem Wasser.

Innovation von S.Pellegrino: Mineralwasser mit Koffein - und hoher Marge.

Innovation von S.Pellegrino: Mineralwasser mit Koffein - und hoher Marge.

Screenshot nestleusa.com

Allein im vergangenen Jahr stieg Nestlés Umsatz mit solchen Premium-Produkten um 12 Prozent und macht nun mehr als einen Drittel des Gesamtumsatzes aus.

«Wir beobachten die Entwicklung genau»

Für 2022 zeigt sich Schneider optimistisch. Beim Umsatz erwartet er ein Plus zwischen 4-6 Prozent, so viel wie es bei Nestlé früher Standard war. Doch nicht alles ist rosig. Denn die Marge war zuletzt am Sinken, von 17,7 auf 17,4 Prozent im vergangenen Jahr. Das Problem ist die Inflation in zahlreichen Märkten, allen voran in den USA. Die Kosten für Rohstoffe steigen und hinzu kommen Lieferengpässe. «Wir beobachten diese Entwicklung genau», sagt denn auch Schneider.

Die Kosten steigen für Nestlé. Doch Detailhändler wie Walmart wehren sich in der Regel gegen Preiserhöhungen. Deshalb könnte die Marge der Waadtländer künftig sinken.

Die Kosten steigen für Nestlé. Doch Detailhändler wie Walmart wehren sich in der Regel gegen Preiserhöhungen. Deshalb könnte die Marge der Waadtländer künftig sinken.

Matt Rourke / AP

Nestlé ist somit gezwungen, die höheren Preise an die Detailhändler weiterzugeben, was aber nicht immer gelingt, und schon gar nicht per sofort. Schneider räumt ein, dass es bei den Preiserhöhungen zu Verzögerungen gekommen ist. Dies liege in der Natur der Sache, beziehungsweise in den Verträgen mit den Abnehmern. Sprich: Detailhändler wie Walmart in den USA oder Coop und Migros in der Schweiz wehren sich gegen teurere Einkaufspreise und können - wie schon oft gesehen - gar mit Auslistungen reagieren. Im vierten Quartal erhöhte Nestlé die Preise um 3,1 Prozent.

Kein Entkommen bei der Inflation

Mark Schneider, Absolvent der Universität St. Gallen, ist seit 2017 Nestlé-Chef.

Mark Schneider, Absolvent der Universität St. Gallen, ist seit 2017 Nestlé-Chef.

Gaetan Bally / KEYSTONE

Schneider versucht sich selbst damit zu beruhigen, dass die Konsumentenstimmung nach wie vor gut ist. Und die Vergangenheit hat gezeigt, dass sich Premium-Produkte gut halten können. Unter Druck gerieten eher Marken im mittleren Preissegment und Geschäfte in Schwellenländern. Aber die Frage sei durchaus, bei welchem Punkt die Preise zu schmerzen beginnen und ob dann die Kunden auf andere Produkte ausweichen würden. Deshalb hält es Schneider für möglich, dass die Profitabilität auch dieses Jahr weiter unter Druck gerät. «Es gibt praktisch keinen Ort mehr, wo wir nicht mit der Inflation konfrontiert sind.»

Erst kürzlich hatten auch Nestlés Konkurrent Unilever und der Bierbrauer Heineken über die sinkende Marge aufgrund des Inflationsdruck wehgeklagt. Allerdings: In Analystenkreisen gilt Nestlé diesbezüglich als besser aufgestellt. Und auch Schneider betont bei der Konkurrenzfrage, dass Nestlé viel in die Effizienz investiert habe. Dennoch plane man konservativ, «denn wir wissen nicht, was 2022 noch alles kommt».

Nestlé senkt Frauenanteil

Im Oktober kündigte Nestlé-Chef Mark Schneider eine grosse Reorganisation beim Führungsteam an (CH Media berichtete). Arrivierte Manager wurden herabgestuft, aufstrebende promoviert. Belohnt mit der Berufung in die Geschäftsleitung wurden allerdings nur Männer. Dabei ist die Frauen-Bilanz seit längerem miserabel bei Nestlé. Das exekutive Gremium zählt 14 Positionen, wovon gerade mal zwei von Frauen besetzt sind. Beide sind nicht für das operative Kerngeschäft tätig. Und nun schlägt der Verwaltungsrat unter der Führung des Schweiz-Belgiers Paul Bulcke zwei neue Mitglieder für das Aufsichtsgremium vor: Den Apple-Finanzchef Luca Maestri und Chris Long, den Marketingchef des französischen Elektrotechnik-Konzerns Schneider Electric. Sie sollen die abtretenden Ann Veneman und Kasper Rorsted ersetzen. Auf den Frauenanteil wird im Communiqué mit keinem Wort eingegangen. Er wird mit dieser Rochade von 35 auf 28 Prozent sinken. (bwe) 

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