Lehman
Lehman-Pleite: Der Tag an dem die Weltwirtschaft ins Wanken geriet

Vor zwei Jahren ging die US-Investmentbank Lehman Brothers pleite. Dies riss daraufhin eine Bank nach der anderen mit in die Tiefe. Das Resultat: Die Politik kann sich bis heute nicht richtig auf eine einheitliche Bankenregulierung einigen.

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Die historische Bankenpleite
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Die historische Bankenpleite

Keystone

Christoph Bopp

Historische Wendepunkte erkennt man erst im Nachhinein. Dass der 15. September 2008, als Lehman Brothers, Nummer 4 der Wall-Street-Riesen, Konkurs anmelden musste, ein solcher sein würde, war damals nicht abzusehen. Und eigentlich wissen wir nicht einmal, in welche Richtung die Wende ging.

Denn noch ist das internationale Finanz- und Bankensystem nicht über den Berg. Und die Übung ging auch nicht ohne Nebengeräusche ab: Von den 180 Milliarden Dollar an Steuergeldern zum Beispiel, die man in den Versicherungskonzern AIG pumpte, gingen grosse Teile direkt zurück zu den Banken, sogar zu ausländischen.

In den zwei Jahren seither sind jede Menge Dinge geschrieben worden. Aber die zwei entscheidenden Fragen erhielten keine zufriedenstellende Antwort. Warum liessen die Behörden und die Bankenwelt gerade Lehman fallen? Warum wurden Bear Stearns und der Versicherungsriese AIG gerettet, Lehman Brothers aber nicht? Und die andere Frage: Wie konnte es überhaupt zum Desaster kommen? Hätte nicht das Finanzministerium von aussen oder irgendwelche Stimmen aus Lehman selber den Kurs in den Abgrund ändern können?

Auf beide Fragen geben zwei Bücher interessante Hinweise. In Andrew Ross Sorkins: «Die Unfehlbaren» ist US-Finanzminister Hank Paulson der Held. Er trommelt immer wieder die massgeblichen CEOs und deren Stäbe zusammen, ohne seine Initiative und die seines Nachfolgers Tim Geithner, damals Chef der New Yorker Fed, wäre wahrscheinlich so etwas wie die «Kernschmelze» des Finanzsystems nicht abzuwenden gewesen.

Sorkin gibt Paulson die Ehre, die ihm für seine Parforceleistung gebührt, stellt aber doch die Frage, ob Bushs Finanzaufseher nicht schon früher hätte einschreiten müssen, anstatt wie die Kavallerie erst im letzten Moment zur Rettung zu erscheinen.

Lawrence G. McDonald war selber im Führungsgremium von Lehman Brothers. «Dead Bank Walking» verspricht die Geschichte «Wie Lehman Brothers zusammenbrach». Der Autor beschreibt das Führungsgespann von Lehman, CEO und VR-Präsident Dick Fuld und seinen Stellvertreter Joe Gregory, als Traumtänzer im 31. Stock, abgeschnitten von der Realität. Lehman sei im wahrsten Sinn ein «Königreich» gewesen mit einem Hof von Abnickern, unfähig, zu alt oder «Fuld blind» ergeben. Lehman war eine in jedem Sinn kranke Firma, von der Struktur, der Aufstellung im Markt und der Führung her – unbezweifelbar.

Dennoch: Es wäre wahrscheinlich noch zu machen gewesen. In den letzten Tagen liess man Fuld völlig aussen vor, die englische Barclays Bank wäre interessiert gewesen. Genau in diesem Moment fiel den britischen Regierungsbehörden ein, dass man dafür doch noch diese und jene Abstimmung brauchen würde: no Deal, sorry. Komisch.

Und dann erzählt McDonald auch noch die seltsame Geschichte vom «huge brand dinner», einem Abendessen, zu dem sich Fuld und Paulson im Frühling 2008 trafen. Fuld verbreitete den Eindruck, alles sei in bester Minne abgelaufen: «Hank liebt unsere Kapitalaufstockung». Falsch, sagt McDonald.

Es war ein Zusammentreffen alter, erbitterter Feinde. Paulson empfahl Fuld wärmstens, die Anlagen und die Firma zu verkaufen, solange dies noch möglich wäre. Er wollte nicht, dass Lehman, immer noch mit hohem Risiko tätig, sich des Steuergelds bediente. Fulds Replik: «Ich sitze schon länger auf meinem Stuhl als du bei Goldman Sachs (wo Paulson CEO war). Sag mir nicht, wie ich meine Firma führen muss.» So gewinnt man keinen Support.

Andrew Ross Sorkin. Die Unfehlbaren. DVA, München 2010. 625 S., 47.90 Fr.

Lawrence G. McDonald. Dead Bank Walking: Wie Lehman Brothers zusammenbrach. Hoffmann und Campe, Hamburg 2010. 416 S., 39.90 Fr.

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