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Lösen Roboter die Forscher ab? Der Chef der Roche-Diagnostik zur Zukunft in der Medizin

Roland Diggelmann: «Auf Biologen werden wir immer angewiesen sein.»

Roland Diggelmann: «Auf Biologen werden wir immer angewiesen sein.»

Roche-Diagnostik-Chef Roland Diggelmann über Big Data in der Krebsbehandlung, Labor-Roboter und was Gene im Blut verraten

Bei den neusten Therapien gegen Krebs spielt Pharmakonzern Roche ganz vorne mit. Dies verdankt der Konzern mitunter seinem diagnostischen Wissen. Ein Feld, in dem Roche über 34'000 Mitarbeitende beschäftigt und im letzten Jahr gut 20 Prozent seines Umsatzes von 50,6 Milliarden Franken erzielte. Es ist ein Feld, das Technologisierung und Digitalisierung aktuell tiefgreifend umwälzen.

Herr Diggelmann, die Wissenschaft kann heute relativ günstig und rasch das menschliche Erbgut entschlüsseln. In der Krebsforschung sind über 300 Gene bekannt, die bei der Tumorentstehung eine Rolle spielen. Entschlüsselt man sie, entsteht eine Datenflut. Daten sind aber noch keine Therapieerfolge. Wissen wir heute damit wirklich mehr als noch vor zehn Jahren?

Roland Diggelmann: Dank des technologischen Fortschrittes haben wir heute sehr viel mehr Daten zu Verfügung, auf derer Basis wir Behandlungsentscheidungen treffen können. Aber wir stehen dennoch am Anfang einer Entwicklung. Für die Diagnostik ist es eine spannende Zeit.

Weit nicht alle generierten Daten sind relevant. Wie finden Sie die Stecknadel im Heuhaufen?

Es kommt darauf an, wie klinische Daten mit klinischen Daten mit Ergebnissen aus der medizinischen Forschung zusammengeführt werden können, um daraus eine Ableitung machen zu können. Hier ist Roche gut aufgestellt, da wir Pharma und Diagnostik unter einem Dach haben. Hinzu kommt die Vergleichbarkeit der Daten, damit Forscher und Ärzte sie im richtigen Kontext betrachten können. Da braucht es einheitliche Standards.

Diese fehlen oft im klinischen Alltag. In Schweizer Spitälern ist noch nicht mal das e-Dossier umgesetzt.

Vielerorts werden die meisten Daten noch nicht standardisiert erhoben. Damit fehlt die Vergleichbarkeit. Die ist aus unserer Sicht notwendig, um Daten aus der Klinik in die Forschung einzubeziehen und umgekehrt.

Sie haben also alle Papierdaten mühsam digitalisiert. Arbeiten bei Ihnen mittlerweile mehr Bioinformatiker als Biologen?

Auf die Biologen werden wir immer angewiesen sein. Aber mit der Digitalisierung kommen neue Funktionen wie Daten- und Softwareexperten dazu. Wir haben 2016 eine Abteilung gegründet, die bereits über 100 Mitarbeiter beschäftigt. Sie entwickeln vorwiegend digitale Software-Produkte wie zum Beispiel Navify. Eine Softwarelösung, die wir letzte Woche lanciert haben.

Was kann Navify?

Die Software ist für Ärzte bestimmt. Sie erschliesst und standardisiert digital eine Vielzahl von Quellen und reduziert gleichzeitig die Komplexität. Solche Entscheidungshilfen entlang der klinischen Arbeitsschritte werden immer wichtiger. Bei der Besprechung eines Krebspatienten haben Ärzte nur wenige Minuten Zeit, um den Therapieentscheid zu fällen.

Ein Patient kommt mit Verdacht auf Krebs zum Arzt. Wie funktioniert der Blick in die Gene?

In der Regel entnimmt der Arzt dem Patienten eine Gewebeprobe aus dem Tumor. Die kann er auf genetische Veränderungen untersuchen, die für die Entstehung von Krebs bekannt sind. Im Labor werden die Gen-Daten analysiert und für den Arzt aufbereitet.

Bis auf die Datenauswertung ist das noch immer «alte Schule». Gewebeproben werden seit Jahrzehnten verwendet. Künftig sollen genetische Veränderungen im Blut analysiert werden. Wann wird die «Blut-Biopsie» breit einsetzbar sein?

Wir haben in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht. Trotzdem muss die Technik sensitiver werden, um bereits kleinste Partikel des Erbgutes im Blut finden zu können. Bei der «Biopsie» im Blut wird nach DNA-Fragmenten gesucht, die der Tumor an die Blutbahn abgibt. Für Blutkrankheiten wie Leukämie funktionieren solche Tests bereits gut. Bis sie zum Standard werden, wird es aber noch dauern.

Roche hat einen Test für Blutkrebs auf dem Markt. Die meisten Krebspatienten leiden an Tumoren in Gewebe oder Organen. Wann können sie auf die «Blut-Biopsie» hoffen?

Die US-Gesundheitsbehörde hat 2016 einen Roche-Test für eine Form von Lungenkrebs zugelassen. Wir wissen, dass einige Tumore einfacher nachzuweisen sind als andere. Weil die krebsverursachenden Genveränderungen, die ihnen zugrunde liegen, leichter zu finden sind.

Neben neuen Diagnostika sollen Algorithmen die Dateninterpretation bei Krebsabklärungen übernehmen. Wie geht das?

Sie helfen, die relevanten Gen-Daten zu finden und sie aufzubereiten. Hinzu kommen Apps, die beim Erstbefund eines Patienten Informationen aus der medizinischen Literatur oder die Orte bereitstellen, an denen passende klinische Studien laufen.

In Spitälern ist das alles noch Zukunftsmusik. In den USA bekommen gerade mal 12 Prozent der Patienten mit fortgeschrittenem Krebs ein Gen-Screening. Hierzulande sieht es ähnlich aus. Die Tests sind teuer. Wie ändern Sie das?

Die Tests kosten noch relativ viel. Aber: An erster Stelle muss sich die Technologie weiter etablieren. Es geht nicht nur um die Zerlegung der Gene, sondern auch um die Aufbereitung der Proben, andere proteinbasierte Tests und deren Post-Analyse. Wenn wir noch längere Erbgut-Abschnitte in kürzerer Zeit sequenzieren können, dann werden auch die Preise weiter sinken. Damit erhalten mehr Patienten Zugang.

Künstliche Intelligenz übernimmt die Deutungshoheit des Arztes.

Die neuen digitalen Werkzeuge dienen mehr als eine Interpretationshilfe, um aus den vielen Daten die richtigen Schlüsse abzuleiten. Der Arzt kann sich auf andere Sachen konzentrieren. Die künstliche Intelligenz wird in der Medizin aber sicher noch eine viel grössere Rolle spielen.

Stehen bald Roboter im Labor oder in der Sprechstunde?

Es gibt Bereiche, in denen ein selbstlernendes Verfahren, also künstliche Intelligenz, Sinn macht. Roche hat dazu das Projekt «digitale Pathologie» für die Gewebediagnostik gestartet. Klassischerweise werden bei der diagnostischen Krebsabklärung die Biopsien aus dem Tumorgewebe auf Schnittplättchen aufgebraucht und eingefärbt. Selbst ein erfahrener Pathologe braucht reichlich Zeit, um alle Zellarten und Unregelmässigkeiten einer Probe zu erkennen. Für diesen Schritt entwickeln wir mit künstlicher Intelligenz ein Verfahren, das die Proben untersucht und den Befund erleichtert.

Die Verkäufe in der digitalen Gen-Diagnostik sind überschaubar. Wie stark sollen sie künftig zum Umsatz in der Diagnostik beitragen?

Wir schätzen das langfristige Potenzial als sehr gross ein. Wir sind überzeugt, dass Sequencing für viele Behandlungen Teil des therapeutischen Standards wird.

Roche hat 2015 eine Milliarde Franken in die US-Gendiagnostikfirma Foundation Medicine (FMI) investiert. Sie teilen weder Daten, noch verfügen sie über Schnittstellen, andere Daten zu integrieren. Ist das Projekt ins Hintertreffen geraten?

Die Tests von FMI sind komplex. Sie entschlüsseln über 400 Gene beim Patienten und gehen so tiefer in der Analyse und Auswertung als andere Gen-Analytiker. Bislang werden die Tests deshalb nur in den eigenen Labors durchgeführt. Wir wollen sie aber in der Zukunft dezentral anbieten, für Spitäler, Labors, Wissenschafter.

In den vergangenen Tagen haben Sie Ihr Digital-Portfolio über weitere Zukäufe ausgebaut. Es handelt sich bis dato um ein Milliarden-Investment. Ist das erst der Anfang?

Ja. Die Investitionen werden entlang neuer technologischer Möglichkeiten in den nächsten Jahren zunehmen. Darin sehen wir grosse Chancen.

Ein Ziel ist sehr ambitioniert: Roche will einen neuen Standard in der Gen-Sequenzierung etablieren. Wie weit sind Sie?

Wir haben gute Fortschritte gemacht. Unser Anspruch ist, eine neue Art der Sequenzierung auf den Markt zu bringen. Dabei kommen die gewonnenen Gen-Daten nicht mehr ungefiltert aus dem Sequenzierungsgerät, sondern werden direkt digital durch eine integrierte Software ausgewertet. So wird die Anwendung präziser, günstiger und schneller.

Sie wollen damit den aktuellen Marktführer konkurrenzieren. Das ist die US-Firma Illumina. 2012 ging Ihnen dieser Zukauf durch die Lappen. Bis wann wollen Sie sie nun überholen?

Zurzeit sind wir noch bei der Entwicklung in unseren Labors in San Francisco. Anschliessend testen wir die Sequenzierungsmethode in der Forschung. Wir arbeiten an einer Hardware, die im Vergleich zu bestehenden Lösungen einen höheren Durchsatz hat und kostengünstiger arbeitet.

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