Jahreszahlen
Logistikkonzerne halten Abstand: Schweizer Speditionsriese Kühne + Nagel stoppt das Russland-Geschäft

Das faktische Handelsembargo gegenüber dem Aggressor-Staat trifft Speditionsfirmen wie K+N vor allem indirekt. Eine Handelsfirma wurde eine ganze Schiffsladung Erdöl nicht los.

Daniel Zulauf
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Kühne + Nagel liefert nur noch wenige Dinge nach Russland.

Kühne + Nagel liefert nur noch wenige Dinge nach Russland.

Keystone

Der in der Schweiz ansässige Logistikriese Kühne + Nagel (K+N) hat am Mittwoch den sofortigen Stopp von Container-Frachten nach Russland angekündigt. Ausgenommen seien lediglich Transporte von Medikamenten und anderen humanitären Gütern. Lieferungen, die für die Ukraine bestimmt sind, erfolgten nur noch bis zur Landesgrenze.

Nach dem nur kurz zuvor bekanntgewordenen Russland-Lieferstopp der drei weltgrössten Container-Reedereien MSC (mit Sitz in der Schweiz), Maersk (Dänemark) und Ocean Network Express (Singapur), die ebenfalls nur noch lebensnotwendige Güter in die russischen Häfen verschiffen, bleibt den auf die Transportkapazitäten der Reedereien angewiesenen Logistikern kaum mehr eine andere Wahl.

Auch der deutsche Container-Reeder Hapag Lloyd, an dem der K+N-Mehrheitsaktionär Michael Kühne zu 30 Prozent beteiligt ist, hat unlängst einen Buchungsstopp für Russland-Transporte erlassen.

Konnte Trafigura Erdöl nicht verkaufen?

Obschon der Handel mit russischem Gas oder Erdöl offiziell noch nicht mit Sanktionen belegt ist, machen Händler in den westlichen Märkten einen weiten Bogen um die Ware aus Russland. So soll der Schweizer Rohstoffhandelskonzern Trafigura am Dienstag vergeblich versucht haben, eine Schiffsladung russisches Erdöl im Rahmen eines Bieterverfahrens zu einem absoluten Discount-Preis von 18,6 Dollar pro Fass loszuwerden. Offenbar will niemand in den Verdacht geraten, den Krieg des Aggressors mitzufinanzieren.

Für K+N seien die direkten Folgen des russischen Feldzuges in der Ukraine aber überschaubar, erklärte der auf Ende Juli zurücktretende CEO Detlef Trefzger am Mittwoch auf der Jahresbilanzpressekonferenz des Unternehmens. Von den weltweit rund 78’000 Mitarbeitenden seien nur etwa 1500 in Russland oder in der Ukraine tätig. Und der Umsatz, den der Konzern in der Region erwirtschafte, liege sogar noch unter zwei Prozent.

Die Coronakrise befeuerte K+N

Zum Vorteil gereicht K+N der Umstand, dass der Konzern in der Seefracht nur Container-Frachten organisiert und somit keine direkte Exposition zu dem stark tangierten Handel mit Rohstoffen aufweist. Dementsprechend zeigte sich Trefzger in der Telefonkonferenz immer noch einigermassen zuversichtlich für die Geschäftsentwicklung im laufenden Jahr. «Wir sind nach wie vor der Meinung, dass unsere Budgetplanung 2022 realisierbar ist», sagt der Manager allerdings, wie üblich, ohne die Planungszahlen offenzulegen.

Eine weitere Steigerung der Leistungsdaten aus dem Vorjahr dürfte für K+N allerdings kaum im Bereich des Möglichen liegen. Während der Pandemie profitierte der Konzern in extremem Ausmass von den Friktionen in den internationalen Lieferketten. Die grosse Nachfrage der Kunden nach besonderen Lösungen zur Umgehung von Lieferengpässen, wie sie K+N gegen entsprechende Bezahlung offensichtlich zu befriedigen im Stande war, verschaffte dem Unternehmen in Kombination mit den generell stark gestiegenen Frachtraten einen beispiellosen Umsatz- und Ergebnisschub.

Pandemie bringt Aktionären Verdoppelung der Dividende

Der sogenannte «Rohertrag», also der Umsatz abzüglich zugekaufter Transportleistungen, schoss im Berichtsjahr um 32 Prozent auf 9,9 Milliarden Franken in die Höhe, wobei im Schlussquartal sogar eine Zunahme von 54 Prozent resultierte. Aus den erwähnten Gründen ergab sich daraus eine Gewinnzunahme um 173 Prozent auf fast 2,2 Milliarden Franken.

Auch hier sticht das Schlussquartal mit einem Gewinnplus von 280 Prozent hervor. Die Aktionäre sollen mit einer Dividende von 10 Franken pro Titel an dem Rekordergebnis teilhaben. Im Vorjahr hatte die Ausschüttung noch 4,5 Franken pro Aktie betragen. Die anfänglich begeisterte Reaktion der Börse liess im Verlauf des Handels am Mittwoch aber merklich nach.

CEO sieht starken Inflationsschub

Die Zurückhaltung der Investoren kommt nicht von Ungefähr. Trefzger musste eingestehen, dass eine vernünftige Prognose zum Geschäft im laufenden Jahr vor dem Hintergrund des Krieges kaum möglich ist. «Wir werden eine Inflation sehen, die wir in dieser Höhe vor einigen Wochen noch nicht erwarten konnten», sagte der Konzernchef. Die Auswirkungen dieses Teuerungsschubes auf die Weltkonjunktur und letztlich auf die für K+N relevante Güternachfrage sei im aktuellen Zeitpunkt noch nicht absehbar.

Eine Konstante dürften aber mindestens vorerst die knappen Frachtkapazitäten bleiben. Durch die Sperrung des russischen Luftraumes müssten Frachtflugzeuge auf der Route nach Asien grosse Umwege fliegen, was zusätzliche Kapazitäten erfordere und die Frachtraten weiter steigen liessen, sagte Trefzger.

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