Es war eine symbolträchtige Wahl. Ende März wurde mit der Bernerin Ursula Nold erstmals eine Frau zur Präsidentin der Migros gekürt. Zudem ist auch die zweitmächtigste Position in der Firmenleitung mit einer Frau besetzt: Sarah Kreienbühl steht in der Generaldirektion dem Departement für Personalwesen, Kommunikation, Kultur und Freizeit vor.

Dennoch hat die Migros beim Thema Frauenförderung insbesondere in den oberen Geschäftsstufen Nachholbedarf. In der Verwaltung sind aktuell nur gerade vier von 22 Mitgliedern weiblich – das ergibt eine Quote von 18 Prozent. Und in der Generaldirektion ist nur eines von sieben Mitgliedern weiblich, Sarah Kreienbühl. Über das gesamte Kaderpersonal hinweg beträgt die Quote 30 Prozent.

Diese Zahlen will die Migros verbessern. Ohne dies gross zu kommunizieren, hat sie vergangenen Herbst eine neue Stelle geschaffen mit dem Namen «Diversity & Inclusion» (zu Deutsch: Diversität und Inklusion). Es ist der international anerkannte Begriff für die Förderung von Gleichberechtigung und Integration aller Personen, unabhängig ihrer Hautfarbe, Ethnie, Religion, Behinderung, sexuellen Orientierung, ihres Alters, Geschlechts oder ihrer Geschlechteridentität.

Laut einer Migros-Sprecherin ist die Stelle dafür gedacht, die bisherige «Diversity & Inclusion»-Strategie weiterzuentwickeln und neue Massnahmen zu kreieren, «um eine Unternehmenskultur zu fördern, in der sich unsere Mitarbeitenden in ihrer Vielfalt wertgeschätzt fühlen.»

Teilzeitstelle reiche für dieses Thema nicht

Die neue Stelle ist direkt dem Departement von Sarah Kreienbühl angegliedert, die bis 2017 in der Geschäftsleitung beim Hörgerätehersteller Sonova gearbeitet hat. Besetzt wurde sie mit Vera Ramelet, die zuvor ebenfalls mehrere Jahre bei Sonova tätig und für Vergütungsfragen zuständig war.

Die Migros-Sprecherin sagt, die Förderung von Vielfalt und respektvollem Umfang seien für die Migros schon immer zentrale Anliegen gewesen. Um die Massnahmen für den gesamten Konzern koordinieren zu können, habe man die Stelle geschaffen.

Allerdings gibt es ein paar Fragezeichen, wie viel Gewicht die neue Funktion Migros intern tatsächlich erhält. So weist der Online-Lebenslauf von Ramelet keine speziellen Kenntnisse für das Themengebiet «Diversity & Inclusion» auf, weder bei der Ausbildung noch bei den bisherigen Stellen. Zudem ist sie mit ihrem 90 Prozentpensum auch noch für weitere Themen zuständig. Eine Sprecherin entgegnet, Ramlet habe langjährige Erfahrung im Personalwesen und Kenntnisse zu Fragen der Gleichstellung bei Vergütungsfragen.

Gudrun Sander, Wirtschaftsprofessorin der Universität St. Gallen und Direktorin des «Competence Centre for Diversity and Inclusion» will die Migros nicht direkt kritisieren. Dennoch sagt sie: «Bei einem Grosskonzern reicht für dieses Thema eine einzelne Stelle im Teilzeitpensum allein nicht aus. Das wäre bloss ein Feigenblatt.» Nötig sei eine umfassende Strategie, welche die Führungskräfte in die Verantwortung nimmt. Zudem müsse das ganze Personalwesen geschult und sensibilisiert werden. «Ziel muss es sein, dass es die «Diversity & Inclusion»-Positionen nur noch als Koordinationsstelle braucht, da alle Abteilungen das Thema im Alltag umsetzen.»

Zudem brauche es ausgewiesene Expertinnen und Experten für das Gebiet, sagt Sander. «Sie müssen dafür sorgen, dass das Bewusstsein für das Thema in allen Geschäftsbereichen verankert ist, von der Produktentwicklung über die Rekrutierung bis zur Kaderweiterbildung.» Gerade die Detailhändler seien gefordert. «Sie zeigen mit ihrer geschlechterstereotypen Werbung immer wieder, zum Beispiel mit pinken Spielküchen für Mädchen oder Cowboy-Pistolen für Buben, dass es ihnen guttun würde, gewisse Themen durch die Diversity-Brille zu sehen.»

Auch andere Konzerne haben Diversity-Stellen

Laut der Wirtschaftsprofessorin haben die meisten, international tätigen Schweizer Grosskonzerne in den letzten Jahren «Diversity & Inclusion»-Stellen geschaffen. In der Schweiz liege der Fokus noch immer vor allem auf der Chancengleichheit von Mann und Frau, bei den Löhnen und der Vereinbarkeit von Familie und Karriere. «Zudem sind Frauen in Führungspositionen noch immer deutlich in der Minderheit.»

Und was macht Migros-Hauptkonkurrent Coop? Eine Sprecherin sagt, Diversität sei Teil der Firmenkultur. Coop zähle schweizweit 56 000 Mitarbeitende aus über 140 Nationen. Zudem unterstütze der Händler Menschen mit Leistungsbeeinträchtigungen zum Beispiel durch geschützte Arbeitsplätze und ein Projekt, das seit 2002 laufe.

Dabei teilen sich jeweils mehrere leistungsbeeinträchtigte Menschen eine reguläre Stelle in einer Coop-Filiale. Sie werden bei ihren Aufgaben von einer Fachperson unterstützt. Eine spezielle «Diversity & Inclusion»-Stelle hat Coop allerdings nicht.

Beim Frauenanteil auf den Teppichetagen weist Coop die bessere Bilanz als die Migros vor. Laut der Sprecherin beträgt die Quote beim Kader 40 Prozent und beim Verwaltungsrat 50 Prozent. Zuletzt konnte Coop-Präsident Hansueli Loosli gleich zwei bekannte Frauen im Aufsichtsgremium neu begrüssen: Alt Bundesrätin Doris Leuthard und die ehemalige SRF-Radiomoderatorin Susanne Giger.

Während sich Medienberichten zufolge auch die Migros um Leuthards Engagement bemühte — was Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen abstreitet — waren Coop intern allerdings einige Leute über Gigers Ernennung erstaunt, wie Insider berichten. Tatsächlich dürfte der Sprung vom Journalismus in einen der mächtigsten Schweizer Verwaltungsräte einmalig sein.