Big Data

Neue US-Software soll vorhersagen, ob sich ein Prozess lohnt

Hat eine Klage vor Gericht Aussicht auf Erfolg? Das US-Start-up Legalist berechnet die Wahrscheinlichkeit. Thinkstock

Hat eine Klage vor Gericht Aussicht auf Erfolg? Das US-Start-up Legalist berechnet die Wahrscheinlichkeit. Thinkstock

Das Start-up Legalist ermittelt die Erfolgschancen von Prozesskosten-Finanzierung — mit einem ausgeklügelten Algorithmus, der anhand unzähliger Gerichtsverfahren entwickelt wurde.

Prozesskostenfinanzierung spielt in den USA eine immer grössere Rolle. Das Marktvolumen wird auf drei Milliarden Dollar taxiert. Unternehmen oder Privatpersonen, die einen Anspruch gegenüber einem Dritten haben, diesen aber nicht rechtlich durchsetzen können, weil sie die hohen Prozesskosten scheuen, wenden sich an Finanzierungsgesellschaften, die den Rechtsstreit finanzieren.

Der Anspruchsinhaber tritt im Gegenzug einen Teil seiner Forderung ab. Das birgt für den Prozesskostenfinanzierer jedoch Risiken. Wenn der Prozess verloren geht, bleibt er auf den Kosten sitzen. Die Finanzierungsgesellschaften prüfen daher im Vorfeld genau, ob die Klage Aussicht auf Erfolg hat. Nicht immer liegen sie richtig.

Google der Gerichtsentscheide

Das US-Start-up Legalist hat nun einen Algorithmus entwickelt, der anhand einer juristischen Datenbank und vergangener Fälle eine Wahrscheinlichkeit berechnet, ob die Klage erfolgreich ist. Das Start-up, das von den Harvard-Studenten Eva Shang und Christian Haigh im Rahmen des Y-Combinator-Sommerkurses gegründet wurde, hat binnen kurzer Zeit eine Datenbank von mehreren Millionen Fällen aufgebaut und wurde von dem Technikblog «Techcrunch» bereits als «Google der Gerichtsentscheidungen» tituliert.

Legalist wendet laut einem Bericht des «Silicon Valley Business Journal» 58 verschiedene Variablen an, die aus einer Analyse von 15 Millionen verschiedener Fälle in zehn US-Bundesstaaten destilliert wurden und eine Erfolgsaussicht der Klage indizieren sollen.

Der Algorithmus wühlt sich durch Gerichtsurteile und leitet aus den erkannten Musterurteilen und Regelmässigkeiten eine Wahrscheinlichkeit ab, mit der der Prozess gewonnen wird. «Einer der grössten Prädiktoren des Fallausgangs sind der vorsitzende Richter und die Zahl der Fälle, die er gerade bearbeitet», wird Shang in dem Bericht zitiert.

Schon in einem Fall dabei

Zum Beispiel wird jeder vierte Patentrechtsfall in den USA in kleinen Distrikten in Texas verhandelt, weil dort die Erfolgsaussichten für Kläger besonders hoch sind. Das Kalkül des Start-ups ist es, durch seine Analysen das Investitionsrisiko von Prozesskostenfinanzierern zu reduzieren und die Rendite, die laut Shang derzeit bei 1,40 Dollar pro investiertem Dollar liegt, zu steigern.

Ziel ist es, Investitionsentscheidungen zu automatisieren. Legalist hat bereits 75 000 Dollar in einen Fall investiert mit der Aussicht auf eine Million Dollar Gewinnbeteiligung.

Der Wagniskapitalgeber Marc Andreessen jubilierte auf Twitter: «Wow, ist das eine Idee!» Shang erhielt ein mit 100 000 Dollar dotiertes Stipendium der Thiel Foundation des Paypal-Gründers Peter Thiel. Die Ironie ist, dass der Milliardär die Klage des Wrestlers Hulk Hogan gegen den Klatschblog «Gawker» wegen der Veröffentlichung eines Sex-Videos finanzierte.

«Gawker» muss 140 Millionen Dollar Schadensersatz zahlen und ist damit pleite. Thiel hatte mit «Gawker» offensichtlich noch eine Rechnung offen, weil das Klatschportal ihn als schwul geoutet hatte. Ob das wegen eines Angriffs auf die Pressefreiheit kritisierte Vorgehen von Peter Thiel Legalist als Blaupause für weitere Fälle dient, ist nicht bekannt.

Vorwurf der Einflussnahme

Die Prozesskostenfinanzierung ist nicht unumstritten. Während die Befürworter der «Litigation Finance»-Industrie argumentieren, es helfe kleineren Parteien, grössere Rechtsstreitigkeiten überhaupt auszutragen, wenden Kritiker ein, dass Dritte Einfluss auf den Prozessausgang nehmen und Forderungen ausschlachten würden.

Zwei US-Senatoren fordern mehr Transparenz und Regulierung. Doch so lange der Markt wächst und man mit Algorithmen Informationsasymmetrien ausspielen und monetarisieren kann, wird auch ein Anreiz für Investoren bestehen, Start-ups wie Legalist zu finanzieren.

In einigen US-Bundesstaaten wie etwa in Wisconsin kommen Softwaretools zum Einsatz, die aufgrund eines Fragekatalogs eine Wahrscheinlichkeit berechnen, mit der der Straftäter rückfällig wird und wonach der Richter das Strafmass bemisst. Vielleicht kann ein Algorithmus die Funktionslogik einer Software besser vorhersagen als ein Mensch. Doch wäre es ein Rückfall ins Mittelalter, wo derjenige Recht hatte, der die stärksten Waffen besass.

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