Interview

Neuer Raiffeisen-Chef über den Hypotheken-Markt: «Ich kann immer noch gut schlafen»

Ändert vieles, rüttelt aber nicht an der Genossenschaftsstruktur Raiffeisen-Chef Heinz Huber. (2)

Ändert vieles, rüttelt aber nicht an der Genossenschaftsstruktur Raiffeisen-Chef Heinz Huber. (2)

Heinz Huber, 54, war Chef der Thurgauer Kantonalbank, bis er Anfang 2019 die Raiffeisen-Führung übernahm. Nun muss er die Bank, die durch die Vincenz-Affäre durchgeschüttelt wurde, wieder auf Kurs bringen. Gestern stellte er erstmals einen Halbjahresabschluss der Raiffeisen-Gruppe vor - danach sprach er mit den CH-Media-Zeitungen über seine Pläne.

Ihr Vor-Vorgänger Pierin Vincenz verfolgte eine Vorwärtsstrategie, baute ständig aus. Sie müssen nun den Rückwärtsgang einlegen. Ein undankbarer Job!

Heinz Huber: Keineswegs. Ich wusste, was mich erwarten würde. Es ist eine spannende unternehmerische Aufgabe, Raiffeisen mit einem Neustart in die Zukunft zu führen. Mir ging es im ersten Halbjahr primär darum, die Bedürfnisse von Raiffeisen zu eruieren und erste Akzente zu setzen.

Wo haben Sie diese Akzente gesetzt?

Sicherlich mit der angestossenen Erneuerung der Geschäftsleitung. Für mich war gleich zu Beginn klar, dass wir mit Leuten arbeiten müssen, die vor 2015 nicht Teil der Geschäftsleitung waren. Dann auch mit dem Effizienzprogramm und der Integration der gesamten Informatik.

Bei Ihrem Antritt sagten Sie, es brauche einen Kulturwandel. Wie gehen Sie vor?

Zuerst ist vor allem eines wichtig: zuhören. Die Kultur verstehen, wie sie ist. Und dann muss man als Chef klar sagen, in welche Richtung die Firma gehen soll und wie man sich die Kultur und die Werte vorstellt. Schliesslich ist zentral, dass man diese Werte auch selber lebt und das eine oder andere Zeichen setzt. Dies alles, um die Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Ein solches Zeichen war die Ankündigung, die Zentrale in St. Gallen zu verkleinern.

Reicht der Abbau von 200 der 2200 Stellen, oder werden Sie auch in den Filialen den Hebel ansetzen?

Bei den 200 Stellen handelt es sich um eine maximale Obergrenze. Beim Effizienzprogramm geht es nur um Raiffeisen Schweiz. Natürlich fallen die sechs von der Zentrale geführten Niederlassungen in die Analyse. Aber die Genossenschaften – also die Banken in der Fläche – die tasten Sie nicht an, weil die Zentrale gar nicht durchgreifen kann. Die Genossenschaften sind autonom. Raiffeisen Schweiz kann als Vorbild wirken, um aufzuzeigen, was möglich ist, um effizienter zu werden. Wir planen nicht, den Banken vorzuschreiben, was sie zu tun haben.

Die Zahl der Genossenschaften sinkt, zurzeit sind es noch 229. Kommt es nun zur Fusionswelle?

Von einer Welle würde ich nicht sprechen. Aber es gibt sicher Genossenschaften, die sich eine Fusion überlegen – weil sie die kritische Grösse unterschreiten. Oder weil sie ein neues Geschäftsfeld erschliessen wollen oder wegen der zunehmenden Regulierung.

Fördern Sie solche Fusionen von St. Gallen her?

Letztlich müssen das die Verwaltungsräte der Banken selber entscheiden, aber wir begleiten sie in diesen Diskussionen – auch im Sinn einer Strategieberatung. Wir haben eine spezielle Abteilung dafür.

Ist in einer solchen Phase der Erneuerung die behäbige Struktur der Genossenschaft noch die richtige Rechtsform?

Absolut, sie ist ein Vorteil. Wir sind die einzige grosse Bankengruppe dieser Form, welche Werte symbolisiert, die ganz wichtig sind. Man weiss, wem die Bank gehört, nämlich den Kundinnen und Kunden – und nicht ausländischen Aktionären, die eine möglichst hohe Dividende wollen. Durch den Genossenschaftsanteilsschein erreichen wir zudem eine enorme Kundenbindung. Raiffeisen ist die drittgrösste Bank des Landes.

Wenn es um Hypotheken geht, sind Sie sogar die Nummer 1. Können Sie angesichts der Risiken auf dem Immobilienmarkt noch gut schlafen?

Wir haben die Vergabekriterien nicht geändert und rechnen bei der Tragbarkeit immer noch mit der 5-Prozent-Regel – trotz Tiefzinsen. Wir sind vorsichtig, lokal breit abgestützt und kennen unsere Hypothekarkunden. Die durchschnittliche Netto-Belehnung bei selbstbewohntem Wohneigentum liegt bei 63 Prozent, da wäre eine Korrektur am Immobilienmarkt tragbar. Darum kann ich immer noch gut schlafen.

Sie haben die Kriterien nicht geändert, trotzdem ist es immer schwieriger, Wohneigentümer zu werden. Wegen der hohen Preise und weil die Banken viel Eigenkapital verlangen.

Tatsächlich ist es in Zeiten steigender Preise für Private schwierig geworden, wenn es ihnen am erforderlichen Einkommen und Eigenkapital fehlt. Wir unterstützen die Kunden, soweit wir dies können, sind aber natürlich an die regulatorischen Vorgaben gebunden.

Wünschen Sie sich hier lockerere Fesseln? Übertreiben die Finanzmarktaufsicht und die Nationalbank?

Trotz dieser strengen Regeln wachsen wir im Hypothekenmarkt, insofern können wir uns durchaus entfalten. Das gilt für selbstbewohntes Eigentum; bei Renditeobjekten ist die Situation eine andere, da ist mittlerweile das Angebot grösser als die Nachfrage nach Mietwohnungen. Dieses Segment beobachten wir besonders intensiv.

Der Rückgang der Zinsen scheint unaufhaltsam. Wann gibt es bei Raiffeisen die ersten Hypotheken mit Negativzinsen?

Wir wollen keine Hypotheken mit Negativzinsen! Das wäre nicht nur für unser Geschäft schlecht, sondern auch für den Markt – die Immobilienpreise würden dann noch einmal steigen.

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