Klare Worte

Oberster Gastwirt vor dem Bundesrats-Entscheid: «100'000 Arbeitsplätze sind gefährdet!»

Teilte aus: Casimir Platzer, Präsident GastroSuisse.

Teilte aus: Casimir Platzer, Präsident GastroSuisse.

Casimir Platzer, Präsident Branchenverband Gastrosuisse, warnt: Strengere Regeln würden Tausende Betriebe in den Konkurs treiben.

Im April 2020 hatte Casimir Platzer schon einmal den verbalen Zweihänder ausgepackt. Was den Präsidenten des Branchenverbands Gastrosuisse damals ärgerte: Der Bundesrat hatte erklärt, wie er die Wirtschaft wieder aus dem Lockdown entlassen wollte, doch zur Gastronomie gab es kein Wort. Platzer erklärte: «Ich würde dem Bundesrat eine sehr schlechte Note geben. Aufgabe nicht erfüllt.»

Am Dienstag dieser Woche wählte Präsident Casimir Platzer wiederum deutliche Worte. Am Mittwoch wird der Gesamtbundesrat neue Massnahmen gegen das Virus bekannt geben, mit denen die Schweiz lange wird leben müssen. Platzer und Gastrosuisse wollten unbedingt noch Einfluss nehmen und aus ihrer Sicht noch Schlimmeres abwenden.

Erst malte Platzer die Aussichten in düsteren Farben. Das Gastgewerbe stehe kurz vor dem Kollaps. «Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern bereits halb zwei.» Es brenne und die Gefahr eines Flächenbrandes sei mittlerweile riesig. «In der Branche besteht grosse Verzweiflung.»

Dann griff Platzer zu tiefschwarzen Farben. Laut einer Umfrage seines Verbands seien bei 40 Prozent der Betrieben die Einnahmen weggebrochen. In den Städten seien es gar über 50 Prozent. Sie könnten nur noch bis Ende des Jahres durchhalten. Schon Anfang 2021 müssten sie schliessen. Damit stünden rund 40 Prozent aller Arbeitsplätze in der Gastronomie auf der Kippe, warnt Platzer. In absoluten Zahlen bedeute das: «100'000 Arbeitsplätze sind gefährdet!»

Die Schweiz wird links und rechts überholt

Platzer teilte aus. Es könne nicht sein, dass Bund, Kantone und Behörden die Coronakrise auf dem Buckel der Gastronomie bewältigen wollen. Manche ihrer Massnahmen seien unverständlich, entbehrten jeder Logik. Es seien Informationen verbreitet worden, die einseitig und negativ gewesen seien oder unbegründet und nicht fundiert. Es sei erwiesen, dass die allermeisten Ansteckungen nicht in der Gastronomie passierten. «Wir hoffen, dass die Branche nicht an die Wand gefahren wird».

Damit war Platzer nicht am Ende. Er fuhr noch einen weiteren Angriff. Zu Beginn der Krise sei die Schweiz noch von vielen Ländern beneidet worden. Man habe schnell und pragmatisch geholfen. Mittlerweile hätten es andere Länder besser gemacht. Platzer: «Wir wurden links und rechts überholt.»

Das Terrain war vorbereitet. Platzer stellte nun Forderungen an Bundesbern. Man lehne Regeln ab, von denen man nicht wisse, was sie brächten. Dafür Betriebe zu opfern, sei fahrlässig. Sperrstunden seien ein «no go», auch Obergrenzen für die Personenzahl und grössere Mindestabstände. Bund und Kantone müssten helfen: Härtefälle unterstützen; schauen, dass Kurzarbeit auch 2021 vereinfacht beantragt werden kann; und die Kurzarbeit müsse ausgebaut werden.

Das Tracing müsse besser funktionieren. Mitarbeiter müsse man testen können, statt sie zehn Tage in Quarantäne zu schicken. Bern wartet auf den Auftritt des Bundesrates. Zuvor hatten gestern jedoch Experten einen Auftritt. Es kamen unterschiedliche Aussagen. Einige dürften Platzer gefreut haben, andere weniger.

Furcht vor Konkurswelle nicht begründet

Im Gegensatz zu ihm sieht Boris Zürcher vom Staatssekretariat für Wirtschaft keine Anzeichen für eine Häufung von Konkursen. Man dürfe nicht vergessen, 2019 sei ein hervorragendes Wirtschaftsjahr gewesen. «Die Furcht vor einer Konkurswelle ist momentan nicht begründet.»

Gefreut haben dürfte sich Platzer über Aussagen von Jan-Egbert Sturm. Der Leiter der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich gehört der Covid-Taskforce an. Er wurde befragt zur Aussage von Finanzminister Ueli Maurer, die Schweiz könne nicht nochmals wie im Frühling um die 30 Milliarden Franken ausgeben. Sturm hielt dagegen. Die Schweiz stehe finanziell immer noch sehr gut da. «Ich denke nicht, dass wir uns allzu grosse Sorgen machen sollten, jetzt die Wirtschaft mit weiteren Mitteln zu unterstützen.» Es hätte demnach also noch Geld für Platzers Forderungen.

Nicht nur Platzer mit düsteren Prognosen

Düstere Zahlen kamen gestern nicht nur von Gastrosuisse. Die KOF Konjunkturforschungsstelle stellte die Prognose für die Schweizer Wintersaison vor. Demnach geht die Zahl der Logiernächte zum Vorjahr um 30 Prozent zurück. Der gesamte Tourismus werde im Jahr 2020 um die 10 Milliarden Franken an Umsatz verlieren.

Der Tourismus, und mit ihm die Gastronomie, steckt weltweit in einer Krise. Das rechnete gestern die Welttourismusorganisation der UNO vor. Im Sommer wurden 80 Prozent weniger internationale Reisen gezählt als im Vorjahr. Dadurch gingen 730 Milliarden an Umsatz verloren – acht Mal mehr als in der globalen Finanzkrise von 2009.

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