Arbeitsmarkt
Onlinehändler boomen, im Detailhandel gehen Jobs verloren – warum Frauen die Verliererinnen dieses Wandels sind

Der Bundesrat hat die Regeln für die Detailhändler verschärft. Davon profitieren werden die Onlinehändler – ohnehin die Gewinner der Coronakrise. Der Strukturwandel dürfte vor allem Frauen treffen.

Daniel Zulauf
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Die Kunden kaufen in der Coronakrise weniger in Verkaufsläden, dafür umso mehr online ein.

Die Kunden kaufen in der Coronakrise weniger in Verkaufsläden, dafür umso mehr online ein.

Alessandro Crinari/Keystone

Das zurückliegende Coronajahr hat den Online-Handel weltweit in neue Dimensionen katapultiert. In der Schweiz dürften die Verkäufe auf dem elektronischen Vertriebskanal in den vergangenen zwölf Monaten um über 50 Prozent auf mehr als 16 Milliarden Franken gestiegen sein. Das ist mindestens die aktuelle Schätzung des Instituts für Marketing Management der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Zalando, Digitec und Amazon, die in dieser Reihenfolge führenden Online-Händler auf dem Schweizer Markt, dürften ihre Verkäufe heuer allesamt auf deutlich über eine Milliarde Franken ausgeweitet haben. Zalando dürfte mehr als doppelt so viel Umsatz erwirtschaften wie das Zürcher Glattzentrum, die grösste Shopping-Mall der Schweiz. Mit einem Anteil von knapp zehn Prozent am gesamten Detailhandelsvolumen haben die Online-Händler in der Schweiz aber viel Luft nach oben. In Grossbritannien etwa wird erwartet, dass deren Anteil 2020 von rund 19 Prozent auf über 26 Prozent gestiegen ist. Dabei verhehlen solche Durchschnittswerte, dass sich der Handel mit Elektronik, Mode oder Sport weit stärker ins Internet verschoben hat.

Stationärer Handel hat seit Jahren Tausende Jobs abgebaut

Vor kurzem musste die britische Textilhandelsgruppe Arcadia Konkurs anmelden. In den 444 Filialen im Land arbeiten mehr als 10'000 Angestellte. Deren Jobs gehen verloren, wenn sich nicht ein Käufer für das fallierte Unternehmen findet. Auch die traditionsreiche Londoner Warenhausgruppe Debenhams mit 12'000 Mitarbeitenden kämpft ums Überleben. So weit ist es in der Schweiz nicht. Doch auch hier kämpft der stationäre Handel zeitgleich mit Strukturwandel und Coronavirus. Allein bei Manor sind dieses Jahr über 500 Stellen verloren gegangen. Dies, obschon die Branche über die vergangenen Jahre trotz robuster Konjunktur und einem stetigen, von der Zuwanderung verstärkten Wachstum der Konsumausgaben Tausende von Jobs abgebaut hat.

Dem beschleunigten Stellenabbau im stationären Handel stehen Neueinstellungen in der Logistik gegenüber. Die Migros-Tochter Digitec/Galaxus schafft 2020 rund 500 neue Jobs. Online-Händler Brack hat in seinen Verteilzentren im aargauischen Mägenwil und im luzernischen Willisau 100 Leute eingestellt.

Zalando schafft in der Schweiz kaum Arbeitsplätze

Viele Jobs im Verkauf wandern ins Ausland ab. Zalando beschäftigt hierzulande kaum eigenes Personal. Ähnliches gilt für Amazon. Zwar beliefert der US-Riese die Schweizer Kunden nicht mehr direkt aus den USA, seitdem unser Land auf Kleinstsendungen Mehrwertsteuer erhebt. Doch Amazon beliefert Schweizer Kunden nach wie vor aus Verteilzentren in den umliegenden Ländern – allen voran Deutschland, wo gerade Hochbetrieb herrscht.

Die Auswirkungen der coronabedingten Beschleunigung des Strukturwandels im Handel sind noch weitgehend unerforscht. Zu befürchten ist, dass die Krise vor allem den Frauen zusetzt. Ihr Beschäftigungsanteil im Detailhandel ist weit überproportional und viele arbeiten in Teilzeit, um Beruf und Familie vereinbaren zu können. Die Jobs in den Logistikzentren der Online-Händler dürften für diese Kombination weniger geeignet sein. Ein möglicher Grund dafür ist allein schon die geografische Konzentration solcher Stellen auf wenige Verteilzentren. Da­raus dürften sich für viele Beschäftigte längere Arbeitswege und höhere Anfahrtskosten ergeben.

Zehntausende ziehen sich vom Arbeitsmarkt zurück

Zu beobachten ist in der Arbeitsmarktstatistik zudem ein beunruhigendes Phänomen. Viele Menschen, die ihre Stelle verloren haben, sind nicht mehr auf der Suche nach einem Job. Von diesem scheinbar freiwilligen Erwerbsrückzug sind Zehntausende von Arbeitnehmenden betroffen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Doch es ist zu befürchten, dass im Handel viele Frauen ihre Beschäftigung aufgeben mussten – ohne Aussicht, einen finanziell und familientechnisch gleichwertigen Ersatz zu finden.

Der Boom im Online-Handel hat zahlreiche Schattenseiten. Eine davon ist der Konzentrationsprozess, der sich durch die ausgeprägten Grössenvorteile des Versandgeschäfts ergibt. Amazon ist in vielen anderen Ländern etwa um einen Faktor drei bis vier grösser als die nächsten Verfolger im Markt.

Nicht nur in Deutschland beklagen Gewerkschaften, dass der Konzern seit Jahren Verhandlungen über einen Gesamtarbeitsvertrag verweigert und das mit der Konkurrenz vertraglich vereinbarte Lohnniveau unterbietet. Ein deutscher Amazon-Lagermitarbeiter verdient im ersten Jahr je nach Standort etwa 1900 Euro brutto pro Monat.