Tourismus
«Österreich hat viel besser reagiert»: 25 Hours schliesst Hotel in Zürich und kritisiert Schweizer Corona-Strategie

Die Hotelkette 25 Hours betreibt 12 Hotels in Deutschland, Frankreich, Österreich und in der Schweiz. Ein Haus in der Schweiz soll nun zur Gärtnerei werden. Zürich müsse zulegen, finden die Verantwortlichen.

Stefan Ehrbar
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Das 25 Hours Hotel an der Zürcher Langstrasse.

Das 25 Hours Hotel an der Zürcher Langstrasse.

Stephan Lemke / 25 Hours Hotel

In der Krise werden die Hoteliers erfinderisch. Sie vermieten ihre Zimmer für lange Zeit an Studenten oder Geschäftsreisende, oder bieten eine günstige Übernachtung zusätzlich zum Abendessen an, weil Hotelgäste bis 23 Uhr verköstigt werden dürfen. Die Hotelkette 25 Hours hingegen entdeckt ihren grünen Daumen. Gleich neben ihrem Haus in Zürich-West mit 126 Zimmern soll eine Gärtnerei entstehen. Dazu wird eine Fläche angemietet, die mit dem Hotel verbunden wird. Dazu wird eine Wand ausgebrochen. Betrieben wird das neue Geschäft vom Gartencenter Meier aus Dürnten ZH.

Bruno Marti ist Markenchef von 25 Hours Hotel. «Die Idee ist, aus dem Hotel einen Treffpunkt zu machen, an dem viele verschiedene Dienstleistungen angeboten werden», sagt er. Am Standort in Zürich-West sei eher wenig los: «Wir wollen Leben ins Quartier und so indirekt auch ins Hotel bringen. Gerade internationale Gäste steigen lieber in einer lebendigen Gegend ab.» Das 25 Hours Hotel werde mit seinem Restaurant vor allem für den gastronomischen Teil dieses Projekts besorgt sein. Über das Projekt hatte zuerst der «Spiegel» berichtet.

Neue Hotels in Zermatt – und in Genf?

Verlieren kann 25 Hours Hotel an diesem Standort nicht mehr viel: Seit einigen Wochen ist das Hotel geschlossen, weil zu wenig Gäste kommen. Das Hotel ist vor allem auf Geschäftsreisende ausgerichtet. Die bleiben zurzeit aber lieber im Homeoffice und besprechen ihre Geschäfte in Video-Meetings. Spätestens im März will die für die beiden Zürcher Standorte zuständige Hoteldirektorin Anita Vogler das Haus wieder öffnen.

25 Hours betreibt 12 Häuser in Deutschland, Frankreich, Österreich und in der Schweiz – neben jenem in Zürich-West auch eines an der Zürcher Langstrasse. Nächstes Jahr werden zwei Hotels in Florenz und in Dubai eröffnet, zudem schaut sich die Gruppe in Genf nach einem Standort um. Die Kette «Bikini Island & Mountain Hotels», hinter der dieselben Gesellschafter stehen, wird 2022 in Zermatt ein Hotel in Betrieb nehmen.

«Wir kämpfen um jeden Franken»

Wenn das Gärtnerei-Projekt Erfolg hat, könnte es auch auf andere Standorte angewandt werden, sagt Marti. In der Krise sei Kreativität gefragt. Von einer schnellen Erholung sei nämlich nicht auszugehen. «Nächstes Jahr dürften wir etwa 50 Prozent der üblichen Belegung erreichen. Eine Rückkehr aufs Vorkrisenniveau erwarten wir erst 2023 oder 2024.»

Die Kette, an welcher der französische Hotelriese Accor 50 Prozent hält, sei in den Monaten vor der Krise gut unterwegs gewesen. «Wir haben im Vergleich zu Mitbewerbern ein sehr gutes Resultat hingelegt», sagt Marti. «Aber die Krise ist noch nicht vorbei. Wir kämpfen um jeden Franken und sparen, wo wir können.»

«Wir können so nicht planen»

In der Schweiz nahm die Gruppe einen Covid-Kredit in der Höhe von 500'000 Franken auf und bezieht Kurzarbeit. Doch eigentliche Hilfsgelder seien bisher keine geflossen, sagt Marti. Die Schweizer Corona-Politik beurteilt er durchzogen. Die Massnahmen wolle er nicht kritisieren. «Wir sind weder Ärzte noch Politiker. Es fehlt aber an einer erkennbaren Strategie. In diesem Bereich würde ich der Schweiz eine ungenügende Note geben.» Auch bei den Entschädigungen habe die Schweiz keine besonders gute Lösung gefunden.

«Österreich hat viel besser reagiert», sagt Marti. «Dort wurde zwar schnell und konsequent alles geschlossen. Dafür wurden die Gastronomen und Hoteliers entschädigt. In der Schweiz haben wir noch keinen Rappen Entschädigung erhalten.» Die Zürcher Hotelmanagerin Anita Vogler sagt: «Wir wissen immer noch nicht, ob wir am 24. Dezember Mittagessen anbieten dürfen oder nicht. Wir können so nicht planen.» Am schwierigsten sei das für die Mitarbeiter, denen die kurzfristige Kommunikation der Behörden eine enorme Flexibilität abverlange.

Braucht es ein Ampelsystem?

Die Schweizer Hotellerie und Gastronomie seien wegen dieser Politik mit dem Problem konfrontiert, dass sie von Massnahmen immer indirekt betroffen gewesen seien. «Das Homeoffice-Gebot, das Verbot von Veranstaltungen und das Verbot von grösseren Gruppen sorgen für grosse Ausfälle. Die werden aber nicht entschädigt, weil wir fast immer offen bleiben durften», sagt Marti. Das gehe schon in die Richtung, dass sich die Politik vor Entschädigungen drücken wolle. Mit einem Ampelsystem wären die Branchen besser bedient, findet er: «Solche Systeme haben mir als Reisender immer eingeleuchtet. Sie erlauben den Kunden etwas besser, Entwicklungen zu antizipieren.»

Immerhin habe 25 Hours mit den Inhabern ihrer beiden Hotelgebäude – der Credit Suisse und den SBB – bisher partnerschaftliche Lösungen gefunden. «Insgesamt bleibt es ein Jahr zum Vergessen», so Marti. Für die Zukunft sei er aber zuversichtlich: «Wir werden weiter wachsen». Das werde vor allem global geschehen. In der Schweiz sei mit den beiden Standorten in Zürich und einem allfälligen Haus in Genf das Potenzial wohl ausgereizt. «Basel und Bern würden wir uns vielleicht noch anschauen, aber im Moment stehen sie nicht im Fokus.»

«Zürich hat noch den falschen Ruf»

Künftig werde sich die Kette auch an andere Zielgruppen richten müssen. «Das Einzugsgebiet für Städtereisen ist kleiner geworden und entspricht in etwa einem Radius von 300 Kilometern. Viele fliegen nun weniger. Zudem werden viele Geschäftsreisende noch länger ausbleiben. Wir müssen deshalb mehr Freizeitreisende in unsere Hotels bringen», so Marti. Das bedeute, dass die Gruppe ihr Marketing anpassen müsse. Aber auch die Destinationen seien in der Pflicht.

Zürich habe Chancen, sei aber noch nicht so attraktiv wie Berlin, Wien oder Hamburg, wo jedes Wochenende eine Grossveranstaltung für unterschiedlichste Zielgruppen stattfinde. «Zürich hat noch den falschen Ruf. Nur ganz wenige Deutsche würden die Stadt für einen Städtetrip auswählen. Früher wurde die Stadt vor allem für die Hochkultur vermarktet. Das hat sich geändert, aber dieser Prozess wird noch lange dauern», sagt Marti. Die Vielseitigkeit im kulturellen Bereich sowie in der Gastronomie und im Hotelangebot seien gegeben.

Dass die Schweiz als Corona-Hotspot wahrgenommen werde, schade dem Geschäft derzeit, sagt Vogler. «Das wird aber schnell wieder vergessen sein.» Die Kurzarbeit werde 25 Hours in der Schweiz noch einige Monate in Anspruch nehmen, sagt Vogler. «Bisher blieben Entlassungen aber die Ausnahme. Wir hoffen, dass das so bleibt.»

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