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Päckliflut: Mit dem Segen von Simonetta Sommaruga darf die Post die Zahl der verarbeiteten Pakete begrenzen

Blick ins ausgelastete Paketzentrum Härkingen.

Blick ins ausgelastete Paketzentrum Härkingen.

Die Post ertrinkt fast in der Päckliflut. Nun gibt der Bund grünes Licht für die Einführung von Kontingenten bei den 100 grössten Händlern. Diese sind nicht erfreut.

Wer sich in den letzten zwei Wochen bei einem Onlineshop etwas bestellt hat, der musste sich gedulden. Das Paket kam zwar an, die Lieferfrist dauerte aber für hiesige Verhältnisse länger als üblich. Bei Digitec etwa dauert es aktuell zwei Tage länger, bis der Paketbote an der Türe klingelt. Kein Wunder: Die Schweizerische Post kämpft mit enorm hohen Paketvolumen. Die Situation sei vergleichbar mit Weihnachten. Mit dem Unterschied, dass die Paketmenge immer weiter anschwillt.

Das bringt die Post an ihre Grenzen. Sie hat deswegen schon in der vergangenen Woche ihre Dienstleistungen reduziert. So wurde die Zustellung von Sperrgutpaketen eingeschränkt. Zugestellt werden nur noch Waren, die unter Einhaltung der vom BAG vorgeschriebenen Distanz-Regeln transportiert werden können. Gartenutensilien, Möbel, Lampen, Fitnessgeräte und Fernseher können nicht über den üblichen Postweg geliefert werden. Sie müssen wie Stückgut versandt werden.

Nun geht die Post noch einen Schritt weiter. Sie legt für die hundert grössten Händler Mengenkontingente für Standardpakete fest. «Wir haben in den letzten Tagen mehrfach auf die enorme Zunahme der Paketmengen hingewiesen. Wir sind gezwungen, als Notfallmassnahme ab sofort bei den Standardpaketen ein Mengenkontingent pro Arbeitstag einzuführen», sagt eine Post-Sprecherin. Betroffen davon sind die hundert grössten Kunden im Bereich Paket. Die Kunden wurden am Donnerstag informiert.

Kontingente für eine Woche als Notlösung

Bei der Post bedauert man die Kontingentierung. «Doch operationell können wir die Paketflut derzeit nicht mehr auffangen. Wir riskieren einen Kollaps», sagt eine Sprecherin. Die Post hatte deshalb beim Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation einen Antrag eingereicht. Am Freitagabend gab Bundesrätin Simonetta Sommaruga grünes Licht: Im Sinne einer Notlösung, hat sie einer auf eine Woche befristeten Kontingentierung zugestimmt. Unter der Bedingung, dass die Post «gemeinsam mit den Grosskunden, Akteuren der Branche und den Gewerkschaften rasch Lösungen erarbeitet, um die Paketverarbeitung und die Zustellung zu bewältigen», schreibt ihr Departement auf Anfrage.

Einer der betroffenen Onlinehändler ist Lehner Versand aus Schenkon LU. Für den Versandhändler legte die Post eine täglich maximale Paketmenge von 3000 Sendungen fest. Das geht aus einem Schreiben der Post vor, das CH Media vorliegt. Sollte das Kontingent nicht ausgeschöpft sein, ergebe sich daraus kein zusätzliches Kontingent für den Folgetag, betont die Post darin. Lehner-Chef Thomas Meier ist verärgert über die Einschränkung. Kein Wunder: Seine Firma verschickt normalerweise rund 5000 Pakete mit der Post. «Können wir täglich nur 3000 Pakete liefern, bleiben pro Tag 2000 Stück liegen. Nach Ostern sitzen wir auf einem Berg von 20000 Paketen», sagt Meier.

Auch Digitec, einer der grössten Schweizer Versandhändler, bedauert die geplante Massnahme. Genaue Zahlen nennt die Migros-Tochter nicht, aber: «Unser Kontingent läge unter dem, was wir täglich an Paketen verarbeiten. Und wir haben erst kürzlich mehr als 200 Mitarbeiter eingestellt, damit wir das Bestellvolumen stemmen können», schreibt ein Sprecher auf Anfrage.

Patrick Kessler, Präsident des Verbands der Schweizerischen Versandhändler VSV betont, dass die Massnahmen für die Branche «einschneidend» sind. Er fordert von der Post und dem Bund schnelle Massnahmen. «Das wichtigste ist, dass Inland-Pakete gegenüber internationalen Kleinwarensendungen prioritär behandelt werden, bis sich die Situation im Schweizer Paketmarkt beruhigt hat», sagt Kessler. Mehrere Staaten haben dies getan, wie eine Übersicht des «Global Postal Network» zeigt. Darunter sind Deutschland und Schweden. Zudem solle die Post den Briefkanal für Kleinpakete öffnen.

Alternative Anbieter sind gefragt

Derweil suchen die Händler Alternativen zur Post. Der Paketdienst DPD etwa schreibt auf Anfrage von einem deutlich höheren Volumen und vielen neuen Anfragen von Händlern. Auch bei Quickpac, einem privaten Paketdienstleister, haben in den letzten Wochen über 20 neue Händler angefragt. «Wir haben im März 30 Prozent mehr Pakete befördert, als im Februar», sagt eine Sprecherin.

Pro Tag liefert Quickpac mit seinen 100 Elektroautos rund 6000 Pakete aus. In der laufenden Woche sei es zu einigen Rückständen gekommen, die gegen Ende der Woche wieder aufgeholt werden konnten. «Wir können die Pakete unserer bestehenden Kunden gut befördern, haben aber kurzfristig keine Kapazitäten für Neukunden», sagt die Sprecherin. Innerhalb der nächsten zwei Monate könnte die Kapazität auf über 12000 Pakete pro Tag gesteigert werden. «Mit der Anschaffung zusätzlicher Fahrzeuge würde unsere Sortierinfrastruktur gar für eine Kapazität von täglich 20‘000 Paketen ausreichen.»

Reportage aus dem Postzentrum in Härkingen, wo alle Pakete verteilt werden. In Zeiten von Corona floriert der Onlinehandel. Die Post bekommt dies extrem zu spüren. Aufgenommen am 31. März 2020 in Härkingen.

Reportage aus dem Postzentrum in Härkingen, wo alle Pakete verteilt werden. In Zeiten von Corona floriert der Onlinehandel. Die Post bekommt dies extrem zu spüren. Aufgenommen am 31. März 2020 in Härkingen.

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