Post-Corona
Bye-bye Homeoffice-Pflicht, hello neue, selbstbestimmte Arbeitswelt: Die CS gibt ihren Angestellten mehr Freiheiten

Nach den Sommerferien können die Mitarbeitenden der Grossbank Credit Suisse selber entscheiden, wann sie wo ihre Arbeiten erledigen.

Florence Vuichard
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Verspricht neue Arbeitswelten: Die Credit Suisse am Zürcher Paradeplatz.

Verspricht neue Arbeitswelten: Die Credit Suisse am Zürcher Paradeplatz.

Walter Bieri / KEYSTONE

Mehr Freiheiten, mehr Selbstbestimmung. Das verspricht die neue Credit-Suisse-Arbeitswelt ihren 8000 Angestellten, die bei der Swiss Universal Bank (SUB) fürs Schweizer Kerngeschäft tätig sind. Sie können - falls es die pandemische Lage erlaubt - nach den Sommerferien gemeinsam mit ihren direkten Vorgesetzten und ihren Team-Kolleginnen und -Kollegen selber festlegen, wann sie wo arbeiten. Vorausgesetzt ihre Aufgaben werden erledigt, vorausgesetzt der Output und dessen Qualität stimmt.

Oder anders gesagt: Top-Down verordnete Dauerpräsenz hat im Zeitalter nach Corona ausgedient. Neu werde der Entscheid, wer wann wie häufig ins Büro komme, soweit unten wie möglich in der Hierarchie gefällt, erklärt Marina Weilenmann, die für die Umsetzung des Projekts bei der Swiss Universal Bank verantwortlich ist. «Unsere Mitarbeitenden treffen sehr reife Entscheidungen», sagt Weilenmann. Davon würden letztlich alle profitieren: «Wenn wir unsere Mitarbeitenden die Wahl lassen, entscheiden sie sich mit ihren Teams nachweislich für eine Lösung, die vorteilhaft für die Organisation ist, aber auch für sie selber motivierend ist. Es ist eine Win-Win-Situation.»

Für die CS ist der Wechsel zu «The Way We Work», wie das Konzept heisst, ein grosser Schritt. Und ein mutiger Schritt, wie Weilenmann ergänzt. Auch andere Unternehmen schlagen einen ähnlichen Weg ein. Beim Pharmakonzern Novartis etwa können die Mitarbeitenden unter dem Motto «Choice with Responsibility» in Abstimmung mit ihren Team-Mitglieder, ihren Aufgaben und den rechtlichen Vorgaben «selbstverantwortlich entscheiden, wo, wann und wie sie am besten arbeiten». Auch die UBS will in Bezug auf Homeoffice flexibler werden.

Bei aller Flexibilität: Es braucht verbindliche Regeln

Marina Weilenmann ist verantwortlich für die Umsetzung des Projekts «The Way We Work» in der Swiss Universal Bank der Credit Suisse.

Marina Weilenmann ist verantwortlich für die Umsetzung des Projekts «The Way We Work» in der Swiss Universal Bank der Credit Suisse.

Zvg / Aargauer Zeitung

Ganz ohne Präsenz geht es dann doch nicht. Projektleiterin Weilenmann geht davon aus, dass sich die Einheiten im Schnitt einmal pro Woche physisch treffen: «Es wird Team-Tage geben, und die Mitarbeitenden legen verbindlich fest, wer an welchen anderen Tagen vor Ort ist.» Denn Selbstbestimmung hat nichts mit Beliebigkeit zu tun. Im Gegenteil: Das erfordere eine gute Planung sowie «klare, transparente und verbindliche Regeln», betont Weilenmann.

Die neue CS-Arbeitswelt, die nun in der Schweizer Kerndivision SUB ausgerollt wird, ist das Resultat eines grossangelegten, internen Prozesses. Angestossen wurde er Anfang April 2020 von André Helfenstein, dem Chef der Schweizer CS-Einheit. Er wollte wissen, was für Lehren die Credit Suisse aus den Erfahrungen im ersten Lockdown ziehen könnte, aus der Zeit also, als der Bundesrat die Schweiz zum ersten Mal heruntergefahren und die Büroangestellten ins Homeoffice verbannt hatte.

Studie mit 3800 Mitarbeitenden

Um das herauszufinden, führte Weilenmanns Team zusammen mit einem externen Beratungsbüro eine Studie durch, bei der nicht weniger als 3800 CS-Mitarbeitenden alle zwei Wochen immer wieder befragt wurden zu ihrer konkreten Arbeitssituation. Evaluiert wurden im Grundsatz drei verschiedene Arbeitsmodelle: der Status Quo, das heisst die Rückkehr zum Vor-Corona-Regime, eine Auswahl von vorgegebenen, hybriden Arbeitsmodellen sowie das letztlich bevorzugte Konzept, bei dem alle individuell respektive im Team eigenständig bestimmen, wie sie arbeiten. Aus den Befragungen haben die Verantwortlichen drei Erkenntnisse abgeleitet, welche sie dazu bewogen haben, den Mitarbeitenden mehr Selbstbestimmung zu geben:

  1. Die Angestellten wollen Wahlmöglichkeiten. Denn jene mit den flexibelsten Arbeitsmodellen sind auch die glücklichsten, wobei die Zufriedenheit mit der Zeit ohne Büropflicht gar noch gestiegen ist. Fragt man die Mitarbeitenden der Swiss Universal Bank, dann wollen sie im Schnitt auch nach der Pandemie 63 Prozent im Homeoffice verbringen.
  2. Es gibt keine Einheitslösung für alle. Es braucht individuelle Antworten für jedes Team.
  3. Die Mitarbeitenden brauchen im Homeoffice mehr Hilfe - in Form von Training-Videos, von virtuellen Guides und sogenannten «Tipps und Tricks»-Merkblättern. 
André Helfenstein, Chef der Schweizer Einheit bei der Credit Suisse, hat das Projekt angestossen.

André Helfenstein, Chef der Schweizer Einheit bei der Credit Suisse, hat das Projekt angestossen.

Alessandro Della Valle / KEYSTONE

Bei der CS sind die Projektverantwortlichen auch davon überzeugt, dass bei flexibleren Arbeitsmodellen ohne Präsenzpflicht gar die Produktivität steigt. Jedenfalls haben die im Rahmen der Studie befragten Mitarbeitenden mit vier Homeoffice-Tagen im Schnitt eine Steigerung ihrer Produktivität um über fünf Prozent erreicht.

Entgegen vorherrschender Meinung würden sich die flexiblen Arbeitsmodelle auch positiv auf die Loyalität zum Unternehmen auswirken, sagt Weilenmann. Was den Mitarbeitenden im Homeoffice aber fehle, seien die «Türangelgespräche», die zufälligen Treffen, der informelle Austausch. Die Treffen mit Kollegen und Kolleginnen sind denn auch mit knapp 70 Prozent der triftigste Grund, wieder ins Büro zurückkehren zu wollen.

Wie sich die neue Arbeitswelt auf die Bürofläche auswirken wird, ist noch unklar. «Dafür ist es noch zu früh», heisst es bei der CS.

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