Interview

Präsident von LafargeHolcim kontert Vorwürfe: «Wir verletzen keine Menschenrechte!»

Beat Hess, Verwaltungsratspräsident des Schweizer Zementherstellers LafargeHolcim, bekämpft die Konzernverantwortungsinitiative vehement. Initianten und gewisse Nichtregierungsorganisationen hätten zum Teil kaum Kenntnis der Lage vor Ort, sagt der Engelberger. Den Report von Greenpeace nehme man aber ernst.

Die Urheber der Konzernverantwortungsinitiative nennen Glencore, Syngenta und LafargeHolcim als Negativbeispiele. Sind Sie eines der schwarzen Schafe?

Beat Hess: Nein, sicher nicht. Ich habe kein Verständnis dafür, wie wir von den Initianten ins Visier genommen werden. Wir unternehmen enorm viel, um weltweit Umwelt- und Menschenrechtsstandards einzuhalten. Es ist unfair, wenn die Initianten und gewisse Nichtregierungsorganisationen nichts wissen wollen von allen unseren Anstrengungen.

Der Engelberger Beat Hess (71) beim Schotterwerk Kehrsiten, das zum LafargeHolcim-Konzern gehört.

Der Engelberger Beat Hess (71) beim Schotterwerk Kehrsiten, das zum LafargeHolcim-Konzern gehört.

Vielleicht liegt es daran, dass immer wieder solche Fälle ans Licht kommen: Neben dem nigerianischen Dorf Ewekoro betreibt LafargeHolcim eine Zementfabrik, deren Zementstaub Leber, Lungen und Milz der dortigen Menschen schädigt. LafargeHolcim soll laut den Initianten die Probleme früher abgestritten und erst jetzt auf Druck reagiert haben.

Das stimmt so nicht. Viele Verbesserungen am Werk in Ewekoro haben wir schon früher eingeleitet; die Filter haben wir bereits vor Jahren renoviert. Aber letztlich ist es schon so, dass wir Zement herstellen und keine Süssigkeiten. In unseren über 2300 Werken weltweit fällt natürlich Staub und Lärm an, auch in unseren Schweizer Werken, aber dass wir alles tun, damit diese Emissionen so gering als möglich sind, interessiert kaum jemand.

Im Ausland häufen sich aber die Fälle. Greenpeace hat kürzlich insgesamt 122 Fälle von Umweltverschmutzung und Menschenrechtsverletzungen in 34 Ländern dokumentiert, für die LafargeHolcim verantwortlich sein soll.

Ich kann nicht auf jeden Fall im Detail eingehen, aber ich kann versichern, dass wir den Report von Greenpeace ernst nehmen und dort, wo es nötig ist, sofort eingreifen und Anpassungen vornehmen. Unser erster Eindruck ist allerdings, dass Greenpeace viele Fälle aufzählt, die so schlichtweg nicht zutreffen. Zum Teil geht es um Werke, die schon seit langer Zeit nicht mehr uns gehören, andere Werke haben wir längst saniert. Mich stört, dass alles, was Nichtregierungsorganisationen behaupten, einfach so geglaubt wird. Das bedrückt mich, weil ich weiss, wie stark sich nicht nur das Management und der Verwaltungsrat, sondern jeder unserer Mitarbeitenden täglich engagieren, um die geltenden Standards einzuhalten. Nichtregierungsorganisationen haben zum Teil kaum Kenntnis der Lage vor Ort.

Was unternehmen Sie denn konkret, um die Standards einzuhalten?

Vor einem Jahr haben wir eine Chief-Sustainability-Officer-Funktion auf oberster Führungsebene geschaffen. Magali Anderson ist heute als Konzernleitungsmitglied für die Durchsetzung der jeweiligen Vorgaben in den verschiedenen Ländern verantwortlich. Wir wollen unsere jährlichen CO2-Emissionen in Europa bis 2022 im Vergleich zum Jahr 2018 um 15 Prozent reduzieren. Dazu investieren wir 160 Millionen Franken in verbesserte Anlagen und Technologien, um verstärkt emissionsarme Brennstoffe und recycelte Materialien in den Prozessen und Produkten zu nutzen.

Eines der Probleme ist doch, dass vielerorts höhere Grenzwerte gelten als in der Schweiz. Sie könnten als Schweizer Unternehmen in Entwicklungsländern freiwillig tiefere Grenzwerte einhalten.

Das machen wir in verschiedenen Ländern, aber wir können nicht überall unsere eigenen Gesetze durchsetzen. Mich ärgert dieses Unverständnis für fremde Kulturen. Man muss respektieren, dass sich andere Gesellschaften anders verhalten als wir. Die Menschen in Afrika oder Asien sind nicht schlechter organisiert als wir. Es ist masslos arrogant, unsere Grenzwerte und Standards weltweit durchsetzen zu wollen.

Gelten Menschenrechte denn nicht überall gleichermassen?

Doch, natürlich. Wir verletzen keine Menschenrechte! Wenn jemand innerhalb des Unternehmens Menschenrechtsverletzungen toleriert, fliegt er sofort raus. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Bei Umweltschäden ist es schwieriger, diese zu 100 Prozent einzuhalten, weil wie erwähnt die Standards nicht überall gleich sind. Es können auch Unfälle passieren, das streite ich gar nicht ab. Selbstverständlich kann bei einem international tätigen Konzern immer etwas passieren, da sind wir sicher nicht alleine. Wenn Schäden entstehen, dann ersetzen wir diese und sorgen dafür, dass sie nicht mehr passieren. Ich darf behaupten, dass unsere Werke weltweit einen sehr guten Ruf haben; Arbeitnehmer kommen lieber zu uns als zur lokalen Konkurrenz.

Beat Hess im Holcim-Schotterwerk mit dem Steinbruch Zingel in Kehrsiten.

Beat Hess im Holcim-Schotterwerk mit dem Steinbruch Zingel in Kehrsiten.

LafargeHolcim sorgt auch unabhängig von Menschenrechts- oder Umweltfällen immer wieder für Negativschlagzeilen. 2017 mussten Sie zugeben, dass Sie 2013 und 2014 Extremisten der Terrormiliz IS Schutzgeldzahlungen bezahlt haben, um ein Werk im Norden des Landes weiterbetreiben zu können. Anfang Oktober ist in Florida eine Klage zugelassen worden: LafargeHolcim soll seit 2000 ein Netz von Briefkastenfirmen betreiben, um Kooperation mit der kubanischen Regierung zu verschleiern. Haben Sie ein Governance-Problem?

Nein, die Fälle gehen auf Ereignisse zurück, die zum Teil Jahrzehnte zurückliegen. In Syrien sind sicher Fehler passiert, da hat unsere Vorgängerfirma Lafarge unglücklich operiert, aber es hat sich nie jemand persönlich bereichert. In Kuba hatten wir ein Joint Venture, von dem es jetzt plötzlich heisst, es sei illegal. Tatsächlich war das Unternehmen mit den damals herrschenden Gesetzen völlig im Einklang und ist es unserer Ansicht nach immer noch. Wenn wir jetzt deshalb angeprangert werden, obwohl wir nichts falsch gemacht haben, sehen wir uns leider gezwungen, uns aus Kuba zurückzuziehen.

Würden Sie sich bei einer Annahme der Konzernverantwortungsinitiative aus Risikoländern wie Libanon oder Nigeria zurückziehen?

Es liegt nicht an mir, das zu entscheiden. Es ist möglich, dass dies in gewissen Ländern tatsächlich der Fall sein könnte.

Was würde eine Annahme der Initiative bei Ihnen intern verändern?

Eigentlich nichts. Die Sorgfaltsprüfungspflicht erfüllen wir bereits, auch Risikoanalysen sind nichts Neues für uns. Wir müssten wohl das Compliance-Team ausbauen, aber das wäre verkraftbar. Auch Rückstellungen für mögliche Prozesse haben wir keine gemacht. Ich glaube nicht, dass neue Klagen gegen uns möglich wären bei einer Annahme der Initiative.

Warum bekämpfen Sie diese dann so vehement?

Weil es eine sehr schlechte Idee ist, Vorfälle, die im Ausland passiert sind, vor ein Schweizer Gericht ziehen zu wollen. Wir haben in der Rechtsprechung anderer Staaten nichts zu suchen und wir helfen den Ländern dadurch auch nicht. Wir massen uns an, zu urteilen, welche Gerichte korrupt sind und welche nicht. Fälle müssen aber dort beurteilt werden, wo sie passieren. Es ist ja oft die Rede von Entwicklungsländern, aber nach einer möglichen Annahme der Initiative könnten auch Prozesse in der Schweiz stattfinden, die auf Vorfälle in westlichen Ländern wie Frankreich zurückgehen. Es könnte zum Beispiel für einen französischen Anwalt lukrativ sein, in der Schweiz zu klagen. Die Initiative könnte dadurch zu Spannungen zwischen den Ländern führen.

Wie viele Prozesse führt LafargeHolcim aktuell?

Es sind weltweit wohl zwischen 20 und 50, das ist nichts Aussergewöhnliches. Ich arbeitete früher bei Shell, dort gab es Tausende von Verfahren. In den letzten 50 Jahren hat sich weltweit enorm viel verändert– zum Glück. Ein Unternehmen kann es sich heutzutage gar nicht mehr leisten, Menschenrechte oder Umweltstandards willentlich zu verletzen. Das gilt auch für uns.

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