Warentransport
Projekt «Cargo Tube»: Das Mittelland hat Priorität

Mit einem unterirdischen Warentransport-System soll gegen den drohenden Verkehrskollaps vorgegangen werden. Geografisch will man sich in einer ersten Phase auf das zentrale Mittelland konzentrieren.

Ruedi Mäder
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Mit der Bevölkerung wächst auch die Notwendigkeit, Alternativen zu den heutigen Güterlogistik-Konzepten zu entwickeln. oliver menge

Mit der Bevölkerung wächst auch die Notwendigkeit, Alternativen zu den heutigen Güterlogistik-Konzepten zu entwickeln. oliver menge

Seit fünf Jahren reift das Grossprojekt «Cargo Tube» nun heran. Eine der treibenden Kräfte dahinter: Ingenieur Martin Klöti, Institutsleiter an der Hochschule für Technik an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Windisch. Das Projekt zielt auf ein Netzwerk von unterirdischen Tunnelringen. Vier dieser Ringe würden, grob gesagt, im Dreieck zwischen Basel, Bern und Frauenfeld die wichtigsten Ballungsgebiete für den Transport bestimmter Güter erschliessen. Letztlich geht es darum, den drohenden Kollaps des Verkehrs auf Schiene und Strasse nachhaltig zu verhindern.

Das Mittel zum Zweck: Unterirdische Fahrrohrleitungen, durch die kleine Transporter mit Gitterpaletten zwischen ebenfalls unterirdischen Rangier-Hubs verschoben würden. Beim Konzept handelt es sich um eine Anlehnung an das System «CargoCap», das ursprünglich von einem Team der Universität Bochum konzipiert wurde.

Genossenschaftliche Besitzstruktur

Wie kann man sich die Umsetzung dieses aussergewöhnlichen Konzepts vorstellen? Klöti betont die grosse Bedeutung eines stabilen Fundaments mit einer ausbalancierten, allenfalls genossenschaftlichen Besitzstruktur. Partikularinteressen müssen vermieden werden. Dies gilt sowohl mit Blick auf die Erstellergesellschaft als auch hinsichtlich der erforderlichen Betriebsfirma.

Geografisch konzentrierte man sich in einer ersten Phase auf das zentrale Mittelland. Hier nähme man zwecks Festlegung der Streckenführung ausgesuchte Pfeiler der bereits bestehenden Logistik-Infrastruktur ins Visier – im Wesentlichen grössere Lagerhäuser und Drehscheiben. Dabei stehen die Verteilzentren grosser Detailhändler wie Migros, Coop, Manor etc. im Vordergrund. Ins Visier nähme man auch die Logistik von Post und weiteren gewichtigen Transporteuren. Zum Kreis der möglichen «Hubs» zählen Knotenpunkte wie Härkingen, Ostermundigen, Mägenwil, Rothenburg und Urdorf, später auch Oerlikon und Effretikon – Standorte, wo die Herausforderung mindestens längerfristig darin besteht, den Verkehrskollaps zu vermeiden.

Matin Klöti schwebt für die entscheidende Startphase ein strategisches Rosinenpicken («cherry picking») vor: die Konzentration auf grosse Player und heute schon neuralgische Standorte entlang zentraler Transportachsen.

Soll das Grossprojekt innert nützlicher Frist Flughöhe erreichen, so ist es unumgänglich, mit einem möglichst grossen Transportvolumen Ertrag zu erwirtschaften und jenen Gewinn, der das angestrebte organische Wachstum erst möglich macht.

Klöti attestiert, dass heute insbesondere eine Migros punkto Warenlogistik strategisch gut aufgestellt und mit ihren grossen Drehscheiben zweckmässig organisiert sei. Und im Fall Coop wäre zu berücksichtigen, dass hier vor kurzem eine neue Marschroute für die Gruppen-Logistik festgelegt und die Umsetzung in Angriff genommen wurde.

Keine Chance ohne Polit-Lobby

Aber Klöti betont, dass längerfristig neue Herausforderungen zu gewärtigen sind und damit qualitativ neuartige Hausaufgaben folgen. Etwa, wenn das Szenario einer Schweiz anno 2035 mit 9 Millionen Einwohnern Realität werden sollte. In einer nächsten Phase müsste man sich wohl oder übel auch Gedanken machen über die unterirdische Erschliessung auch der grossen Schweizer Innenstädte. Für die «Cargo Tube»-Initianten besteht die zentrale Herausforderung darin, die für eine Umsetzung nötige politische Lobby zu finden. Das Bochumer Modell habe zwar die technischen Kernfragen beantwortet. Aber es gelang (bisher) nicht, auch den entscheidenden politischen Rückhalt zu finden.

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