Herr Loris-Melikoff, die MCH Group AG, Veranstalterin der Baselworld, muss nach der vergangenen Messe den Kurs korrigieren. Die Kritik von Ausstellern und Branchengrössen reicht von überteuert bis nicht mehr zeitgemäss. Was heisst das für die Zukunft?

Michel Loris-Melikoff: Wir machen uns intensiv Gedanken zur Baselworld 2020. Mit diesem Projekt setzt sich ein separates Team von uns auseinander. Dazu gehörte auch eine Kundenbefragung, wir führten Gespräche mit den grossen, aber auch mit kleineren Ausstellern.

Und wie lautet das Resultat?

In dieser strategischen Frage setzen wir uns mit den Kernthemen auseinander: Wie lange soll die Baselworld dauern? Soll sie eine sogenannte Business-to-Business-Messe bleiben, also von Unternehmen für Unternehmen, oder eine Business-to-Consumer-Messe werden, die sich auf den Endkonsumenten fokussiert? Welche Kunden wollen wir im Fall einer solchen Besuchermesse ansprechen? Den durchschnittlichen Messe-Besucher, vielleicht die Sammler? Und wenn wir in diesem Fall zudem Inspirationen bei der Art Basel einholen: Brauchen wir vielleicht nicht auch einen «Collector’s Day» und eine «Preview»? Dazu kommt die Standortfrage.

Sie wollen den Standort wechseln? Wo wollen Sie hin?

Wir prüfen unter anderem, ob die Baselworld nur in Basel stattfinden muss oder ob nicht auch weitere Standorte Sinn machen könnten. Wir werten derzeit die Resultate der Umfragen aus und langsam zeichnet sich ein Bild der Vision für die Baselworld 2020 ab.

Gibt es schon Anzeichen, ob andere Standorte wie Miami oder Hongkong für 2020 infrage kommen, die sich bereits bewährt haben?

Auf einem Blatt Papier und spruchreif ist das noch nicht. Wir werden auch diese Fragen nicht nur mit den grossen Uhrenmarken besprechen, sondern mit den kleineren Uhren- und Schmuckherstellern. Entscheidend wird sein, dass wir diese Validierung nicht nur mit den Ausstellern selbst, sondern auch mit deren Kunden vornehmen. Schliesslich wollen wir wissen, wer das in diesem Fall ist: Der Händler, der Influencer, die Journalisten oder sogar der Endkonsument?

Sie haben erst im Juli die Nachfolge von Sylvie Ritter übernommen. Die Zeit ist knapp. Wie kommen Sie mit der Planung der Baselworld 2019 voran?

Wir konnten wegen der Wechsel mit der Planung und Umsetzung der Baselworld tatsächlich erst drei Monate später beginnen als üblich. Jetzt müssen wir die in Aussicht gestellten Neuigkeiten vorbereiten, die wir aufgrund von Inputs der vergangenen zwei Jahre aufgenommen haben.

Aber konkret: Wie sieht die nächste Baselworld aus?

Wir werden vor allem den Schmuckbereich stärken und die Baselworld als Kommunikationsplattform weiter ausbauen. Zudem arbeiten wir an Optimierungen im Bereich Hospitality, auch im Umfeld, zum Beispiel mit unseren neuen Hotelpartnerschaften. Die Baselworld 2019 wird keine Kopie der Vorjahre bis 2018. Wir werden schauen, wie die Aussteller und die Kunden darauf reagieren.

Die Baselworld war bislang das Zugpferd der MCH Group. Nach der Schelte und weiteren finanziellen Einbrüchen dieses Jahr stellt sich vor allem die Frage: Bleibt es dabei?

Wenn wir die Strahlkraft des Produkts anschauen und die finanziellen Mittel, die in die Baselworld fliessen, dann: Ja. Natürlich wird das kein Spaziergang. Gerade angesichts der finanziellen Situation. Wir wollen aber, dass die Baselworld eines der wichtigsten Produkte unseres Portfolios bleibt. Das sind wir dieser Industrie auch schuldig.

Wie meinen Sie das?

Reden wir zum Beispiel mit unseren Kunden in Hongkong, Deutschland oder auch Italien, dann heisst es: Um Gottes willen, haltet Sorge zu diesem Kind! Die Baselworld ist die grosse Traditionsmesse der Uhren- und Schmuckindustrie. Und sie ist nicht nur für die MCH Group wichtig, sondern: Die Baselworld steht für Basel. Dieses Produkt hat eine Strahlkraft für die ganze Region und deren Wirtschaft.

Dennoch haben Ihnen mehrere Marken fürs nächste Jahr schon abgesagt, darunter Nick Hayeks Swatch Group, der grösste Aussteller der Baselworld. Stehen Sie noch in Kontakt mit ihm?

Ja, und wir haben auf persönlicher Ebene ein gutes Einvernehmen. Wir müssen aber auch der Tatsache ins Auge blicken, dass sich der Vertrieb vieler Marken verändert hat. Das heisst, wir müssen uns dem Markt anpassen. Wir müssen in den digitalen Bereich investieren, genauso wie in den Bereich der Experience, des Messe-Erlebnisses. Deshalb entwerfen wir unter anderem auch mit den Inputs von Herrn Hayek die neue Baselworld.

Und die anderen Abgänge? Die Absage von Hayek löste ja fast ein Erdbeben aus.

Die Absage der Swatch Group hat weitere Verzichte von anderen Ausstellern nach sich gezogen, das ist richtig, aber von einem «Erdbeben» kann keine Rede sein, denn die Mehrheit der Baselworld-Aussteller wird auch an der Ausgabe 2019 teilnehmen. Die Gründe, warum eine Marke auf die Baselworld verzichtet, sind allerdings sehr unterschiedlich, und nicht immer stehen diese im Zusammenhang mit unserer Messe. Einige Firmen müssen selbst mit finanziellen Schwierigkeiten kämpfen und ihre Marketingbudgets kürzen oder auf sich andere Massnahmen konzentrieren. Ich mache keiner Marke einen Vorwurf, wenn sie sich deshalb die Teilnahme an der Messe nicht mehr leisten kann. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung entsteht manchmal der Eindruck, die Marke verlässt die Baselworld, weil ihr die Leitung nicht mehr passt oder die Messe selbst.

Das sind neue Töne an der Baselworld: Grösser ist nicht immer besser…

Am Schluss zählt immer der Inhalt. Klar, wenn ein Aussteller eine grosse Arbeitsfläche braucht, dann braucht er einen grossen Stand. Mir ist aber lieber, man ist ehrlich und nimmt einen kleineren Stand, als dass man gar nicht mehr kommt. Entscheidend ist das Produkt, nicht der Stand. Persönlich bevorzuge ich deutlich mehr mittelgrosse Stände mit einer grösseren Produktpalette. Das ist für die Händler spannender und für alle anderen auch.

In der Schweiz wächst die Konkurrenz. Die Genfer Uhrenmesse Salon International de la Haute Horlogerie (SIHH) wirbt um mehr Aussteller, Nick Hayek hat eine eigene Veranstaltung ohne Messebetreiber angekündigt. Spüren Sie den Druck?

Was Swatch betrifft, müssen Sie Nick Hayek fragen. Von unseren Kunden höre ich allerdings: Hört auf mit Roadshows an jeder Ecke in der Schweiz. Für die ist es schon mühsam genug, wenn sie zweimal in einem Frühjahr in die Schweiz reisen müssen, nach Genf und Basel. Insofern würde es eher Sinn machen, dass sich die verschiedenen Messeveranstalter untereinander verständigen und den Bedürfnissen der Uhrenindustrie Rechnung tragen. Wenn also die Kunden sagen, wir sollten die Messetermine koordinieren, dann sollten wir das auch versuchen.

Ihre Vorgängerin Sylvie Ritter kam zum Schluss in die Kritik, die Messe nur auf Grösse getrimmt zu haben. Was machen Sie anders?

Jede Führungspersönlichkeit hat ihren eigenen Stil und prägt damit den Charakter eines Produktes, beziehungsweise einer Messe. Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle, nicht nur meine Person oder meine Herangehensweise. Die erste Frage, die ich mir und meinem Team gleich zu Beginn gestellt habe, war: Wer prägt die Baselworld? Das sind die Aussteller. Und das sind nicht nur Rolex, Patek Philippe und die anderen Grossen, das sind auch die Kleinen aus der Schmuck- und Uhrenindustrie. Wir dürfen hier in Basel eine Industrie begrüssen, die für die Schweizer Wirtschaft von enormer Wichtigkeit ist. Entsprechend müssen wir sie also auch empfangen.