Bankenwesen

Raiffeisens langer Weg zurück: Absetzung langjähriger Bankkader stösst auf Kritik

Raiffeisen-intern kommt die derzeitige Säuberungswelle nicht nur gut an. (Archivbild)

Raiffeisen-intern kommt die derzeitige Säuberungswelle nicht nur gut an. (Archivbild)

Die Art und Weise, wie sich Raiffeisen Schweiz dreier langjähriger Geschäftsleitungsmitglieder entledigte, kennt man eigentlich nur von Grossbanken. Raiffeisen-Präsident Guy Lachappelle teilte am Montag mit, dass die Bank in Zukunft ohne sie plane.

Unverzüglich mussten die langjährigen Mitarbeiter, die zehn Jahren und mehr für die Bank arbeiteten, den Badge abgeben und das Unternehmen Knall auf Fall verlassen.

In einer Medienmittelung von Dienstag früh hiess es, dass Burn und Hodel «per sofort ihre Funktionen abgaben» und Paulo Brügger «per sofort» seinen Rücktritt als Mitglied der Geschäftsleitung erklärt habe. Noch im Amt ist er als Verwaltungsrat von Leonteq, an der Raiffeisen eine Beteiligung hält.

Damit seien alle Geschäftsleitungsmitglieder aus dem Unternehmen ausgeschieden, die bereits vor 2015 Teil des Gremiums waren, hiess es weiter in der Mitteilung. Mit dieser Formulierung will die neue Führung wohl hervorheben, dass die Geschäftsleitung nun alle Vertrauten des früheren Raiffeisen-Chefs Pierin Vincenz weggekärchert habe.

Doch stimmt das? Die Erklärung von Raiffeisen ist doppelt fragwürdig. So ist etwa Finanzchef Christian Poerschke noch von Pierin Vincenz 2015 in die Geschäftsleitung geholt worden. Als früherer Chefcontroller dürfte er zudem eher mit den Vincenz-Deals in Kontakt gekommen sein als seine drei nun geschassten Kollegen. Doch Poerschke soll bleiben. Er geniesst weiterhin das Vertrauen von Lachappelle.

Dieser sagte auf Anfrage der Redaktion CH Media, dass die «notwendigen Erneuerungen (in der Geschäftsleitung) stattgefunden haben». Umgekehrt ist Beat Hodel erst vor einem Jahr in die Geschäftsleitung gekommen. Zuvor war er Chef der Gruppen-Risikosteuerung und Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung.

Schaler Beigeschmack

Raiffeisen-intern kommt die Säuberungswelle nicht nur gut an. «Ein Neuanfang ist zwar absolut nötig. Der Rauswurf hat aber einen schalen Beigeschmack», sagt ein Kadermann in St. Gallen. Gerade für Gabriele Burn – der einzigen Frau in der Geschäftsleitung – sei es besonders bitter, da sie als Bindeglied zu den Genossenschaften in keinem einzigen Deal involviert gewesen sei.

Zudem stellt der Kadermann fest, dass das Prinzip Tabula rasa ja nicht zu Lachappelle passe. Bei seinem früheren Arbeitgeber, der Basler Kantonalbank (BKB), habe er sich mit Händen und Füssen gegen Veränderungen gewehrt. Damit spielt er auf die Aufarbeitung des ASE-Skandals an.

Guy Lachapelle neuer Verwaltungsrat bei Raiffeisen

Guy Lachapelle neuer Verwaltungsrat bei Raiffeisen (Beitrag vom 10. November 2018)

Mit der Wahl sollen die turbulenten Zeiten rund um die Raiffeisen-Chefs Pierin Vincenz und Patrik Gisel ein Ende nehmen.

Lachappelle, der zunächst vom Betrugsfall profitierte und zum CEO ernannt wurde, kam in der Folge selbst ins Visier. Bei seinem Wechsel zu Raiffeisen war er der letzte Manager in der BKB-Geschäftsleitung, der direkt in den Skandal involviert war. Als Kreditchef fielen ihm fragwürdige Kundenpositionen zwar auf, doch er muss sich vorwerfen lassen, nicht genügend forsch interveniert zu haben.

Beim ASE-Skandal haben mehr als 2000 Anleger über 170 Millionen Franken verloren. Die juristische Aufarbeitung dürfte noch Jahre dauern. Nächste Woche findet eine weitere Gerichtsverhandlung statt (die Redaktion CH Media wird darüber berichten). Umstritten ist Lachappelles Rolle bei der BKB auch deshalb, da er sämtliche Rechtsmittel einlegte, um die Herausgabe eines internen Berichts an die Strafermittlungsbehörden zu verhindern. In St. Gallen dagegen war Lachappelle treibende Kraft hinter der Veröffentlichung des sogenannten Gehrig-Berichts von dieser Woche, wie man aus dem Innern der Bank hört.

Der Untersuchungsbericht des ehemaligen Swiss-Life- Präsidenten Bruno Gehrig deckte eklatante Schwächen in der Organisation der Bank auf. Diese soll im Rahmen der sogenannten «Reform 21» gestärkt werden. Die Reformen werden von einem internen Projektteam, mehreren Beratungsfirmen und einem Steuerungsausschuss vorangetrieben. Co-Leiter des Projektteams sind Präsident Lachappelle sowie Kurt Sidler, der Vorsitzende der Raiffeisen-Verbandspräsidenten. Im Steuerungsausschuss stellen die Regionalbanken die Mehrheit mit 12 von 15 Mitgliedern.

Reform hat Verspätung

Wie Sidler auf Anfrage dieser Zeitung erklärt, wird der Erneuerungsprozess mehr Zeit in Anspruch nehmen als ursprünglich geplant. «Voraussichtlich können wir den ersten Schritt im Herbst an einer ausserordentlichen Delegiertenversammlung abschliessen», sagt Sidler. Für die ordentliche Delegiertenversammlung im Sommer reiche es nicht mehr aus. Dabei geht es um die Erneuerung der Corporate Governance. Im Zentrum stehen Fragen wie, ob jede Regionalgenossenschaft über eine Stimme verfügen soll oder nicht. Jetzt sind die Genossenschaften in Regionalverbänden organisiert, die wiederum eine Anzahl Delegierte ernennen können.

In einem weiteren Schritt sollen der Dienstleistungskatalog (welche Dienste soll die Zentrale für die Regionen erbringen?) sowie das Finanzierungskonzept der Gruppe neu definiert werden. Zum letzten Punkt meint der Vorsitzende der Raiffeisen-Verbandspräsidenten: «Wir gehen davon aus, dass die Zentrale eine Genossenschaft bleibt», so Sidler.

Damit dürfte die Umwandlung der St. Galler Zentrale in eine Aktiengesellschaft vom Tisch sein. Diese Idee kam auf, um es der Bank zu ermöglichen, sich einfacher und schneller Eigenkapital zu besorgen. Dank einer durchs Parlament beschlossenen Änderung des Bankengesetzes können Genossenschaftsbanken neu Partizipationsscheine herausgeben, um zusätzliches Kapital zu beschaffen.

Es bleibt noch viel zu tun, bis Raiffeisen von Grund auf reformiert sein wird. Die Erneuerungsarbeiten dürften erst im Jahr 2020 abgeschlossen werden. Angesichts der verheerenden Erkenntnisse des Gehrig-Berichts eine sehr lange Zeit.

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