Glencore

Rohstoffkonzern in der Krise: Der tiefe Fall des Ivan Glasenberg

Er hat es vom Rohstoffhändler ganz nach oben gebracht. Doch seine Firma steht massiv in der Kritik: Ivan Glasenberg.

Er hat es vom Rohstoffhändler ganz nach oben gebracht. Doch seine Firma steht massiv in der Kritik: Ivan Glasenberg.

Nach einem rasanten Aufstieg steht Glencore-Chef Ivan Glasenberg vor einem Scherbenhaufen. Zweifel am Geschäftsmodell und hohe Schulden belasten den Aktienkurs. Der erfolgsverwöhnte Milliardär steht vor der grössten Krise seiner Karriere.

Am Flughafen wartete ein vollgetankter Langstreckenjet, während Ivan Glasenberg mit seiner Familie in diesen ersten lauen Frühlingstagen des Jahres 2013 in einem Luxushotel in Südspanien weilte. Der einflussreichste Manager der Welt, der Rohstoffhändler Ivan Glasenberg, stand mit 56 Jahren auf dem Höhepunkt seiner Macht.

Die Rohstoffpreise waren auf einem historischen Höhepunkt angelangt. Glasenberg hatte ein Jahr zuvor mit dem Börsengang seiner Glencore Milliarden gemacht und setzte schon zum nächsten Sprung an. Die Fusion mit dem Zuger Bergbauunternehmen Xstrata, an dem Glencore zuvor nur eine Minderheitsbeteiligung hielt.

Mit einem Schlag sollte Glasenberg, der in Südafrika bei der Firma des legendären Rohstoffhändlers Marc Rich das Geschäft von der Pike auf gelernt hat, zum Herrscher nicht nur über die globalen Handelsströme werden, sondern auch einer der grössten Besitzer von Kohleminen in Australien oder Kolumbien und Kupferhütten in Sambia, Kongo oder Peru.

Glasenbergs Plan war es, danach einen weiteren Bergbaukonzern zu kaufen. Gleichzeitig besprach er sich mit der Eigentümerin eines grossen Händlers für Agrarrohstoffe über ein mögliches Zusammengehen. Manche Kritiker sprachen zwar schon damals von Grössenwahn. Doch die Kritik verstummte: Was Glasenberg anfasste, schien sich in Gold zu verwandeln.

Mächtig wie nie zuvor

Zunächst hing noch die Fusion mit Xstrata an einem seidenen Faden. Zuerst wollte der Staatsfonds des Emirats Katar, ein Grossaktionär von Xstrata, noch mehr Geld für die Aktien sehen. Dann blockierten die Chinesen den Deal. Sie befürchteten, dass der neue Gigant zu mächtig werde. Sie wussten nur zu genau, dass der wirtschaftliche Erfolg ihres rohstoffarmen Landes entscheidend vom Zugang zu den internationalen Rohstoffmärkten abhängt.

Glasenbergs neue Glencore-Xstrata, die auch die Schweiz zur wichtigsten Drehscheibe im internationalen Rohstoffgeschäft werden liess, könnte ihnen vor der Sonne stehen. Sie forderten Zugeständnisse. 

Bis zum Entscheid der chinesischen Wettbewerbsbehörden waren die Ferien der leitenden Glencore-Mitarbeiter gestrichen: «No beaches», lautete die Parole. Nur wenige wussten, dass sich Glasenberg selber nicht daran hielt. Früher als geplant reiste Glasenberg jedoch in dieser Woche in Spanien ab. Er soll in Richtung London abgeflogen worden sein. Die Zugeständnisse an die Chinesen waren ausgehandelt worden. Darunter der Verkauf der Kupfermine Las Bambas in Peru.

Nicht einmal zwei Jahre später sieht alles anders aus: Die Glencore-Aktie ist auf einem historischen Tiefpunkt angelangt. Sie hatte innerhalb des letzten Jahres um rund 70 Prozent an Wert verloren. Der Marktwert der Firma ist von 80 Milliarden Franken auf einen Viertel geschrumpft. Der Grund ist auch hier zunächst in China zu suchen. Die Nachfrage nach Rohstoffen sinkt und in der Folge auch die Rohstoffpreise. Glencore schrieb im ersten Halbjahr rote Zahlen. Kupferhütten in Sambia wurden vorübergehend stillgelegt.

Handel ist stark kreditfinanziert

Mehr noch: Auch Glasenbergs «hybrides» Geschäftsmodell mit dem Rohstoffhandel auf der einen Seite und dem Abbau von Rohstoffen auf der anderen Seite wird kritisiert. Der Rohstoffhandel, der traditionell stark mit Krediten finanziert wird, gerät ins Schlingern. Er bringt nicht den erwünschten und von Glasenberg immer wieder versprochenen Ausgleich zum Rohstoff-Abbau. Im Gegenteil: Die Schulden von fast 30 Milliarden Dollar könnten der Firma sogar das Genick brechen. Denn senken die Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit des Unternehmens, müsste Glencore höhere Zinsen für die Kredite bezahlen. 

Schon machen Gerüchte über einen möglichen Konkurs die Runde. Die grosse Frage ist auch, was bei einem Ausfall eines Giganten wie Glencore passieren würde. Ist die Firma «too big to fail» geworden, systemrelevant, zu gross und zu wichtig, um auszufallen? Ein Gedanke, die manchem Beobachter aber auch Glasenberg selber vor wenigen Jahren nicht im Traum in den Sinn gekommen wäre.

«No beaches,» heisst es diesmal wohl auch für Glasenberg selber. Innerhalb der eigenen Firmen sollen sich schon Manager gegen ihn gewandt haben. Der Verwaltungsrat, zu dem auch der ehemalige «Winterthur»-Chef Leonhard Fischer und der ehemalige CS-Co-Chef John Mack gehören, steht vor wichtigen Entscheidungen.

Analysten beruhigen umsonst

Glasenberg versucht zu beschwichtigen: Er will durch Verkäufe, geringere Investitionen und den Verzicht auf Dividenden seinen Schuldenberg auf 20 Milliarden Dollar herunterbringen. Laut den Analysten der Bank Barclays will sich das Unternehmen von seinem Agrargeschäft trennen. Barclays-Analysten urteilten deshalb, die Gefahr einer Pleite sei derzeit nicht gegeben.

In einer internen Mitteilung soll Glasenberg laut der Nachrichtenagentur Bloomberg Durchhalteparolen verbreitet haben und von 13 Milliarden Franken an Liquidität gesprochen haben. An der Börse sorgten diese Nachrichten allerdings nur vorübergehend für Ruhe. Die Glencore-Aktie sackte wieder ein. Lange wurde der Rohstoffkonzern von den grossen Banken dieser Welt hofiert. Glasenberg ging mit dem ehemaligen CS-Chef Brady Dougan regelmässig joggen. Die Schweizer Grossbank galt in der Vergangenheit als starke Stütze des Konzerns. Doch nun scheint auch diese Beziehung abgekühlt.

Glasenberg, dessen Eltern in Südafrika ein Geschäft mit Koffern führen, war in seiner Jugend Landesmeister im Gehen. Er schaffte die 20 Kilometer in 90 Minuten. Nun wird er zeigen müssen, wie es um sein Stehvermögen steht. Wie schnell er die Schuldensituation in den Griff bekommt. Auf eine rasche Erholung der Rohstoffpreise alleine kann er nicht hoffen.

Glencore Grafik

Glencore wurde 1974 als Marc Rich + Co gegründet. Bis im Mai 2011 befand sich die Firma im Besitz von rund 500 Mitarbeitern in Schlüsselpositionen. Nach dem Börsengang musste die Firma erstmals öffentlich über ihre Tätigkeit Rechenschaft ablegen, Umsatz- und Gewinnzahlen vorlegen. Der Börsengang macht seine bisherigen Eigentümer steinreich. Fünf Spitzenmanager sind nun Milliardäre. Der Reichste ist Konzernchef Ivan Glasenberg, dessen Beteiligung auf damals 9,3 Milliarden Dollar geschätzt wurde. Glasenberg, der in Rüschlikon ZH wohnt, hat nach dem Börsengang eine Steuerrechnung von 360 Millionen Franken erhalten. Das Geld wurde über den Finanzausgleich an andere Zürcher Gemeinden verteilt. Der Vorschlag, wonach das Geld gespendet werden sollte, scheiterte in den meisten Gemeinden. Die Fusion mit der Zuger Bergbaufirma Xstrata im Jahr 2013 machte die Firma laut «Handelszeitung» umsatzmässig zum zweitgrössten Unternehmen der Schweiz. Heute arbeiten rund 181 000 Beschäftigte in rund 50 Ländern bei Glencore. CEO Ivan Glasenberg hielt Ende 2014 8,43 Prozent der Aktien. Verwaltungsratspräsident ist der ehemalige BP-Chef Anthony Hayward. Der Konzern steht regelmässig in der Kritik wegen angeblicher Steuertricks, wegen der angeblichen Verletzung von Menschenrechten und Umweltschäden. (ASC)

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