Es ist eine Schocknachricht für die Gemeinde Witterswil im Solothurnischen Leimental. Der Rollstuhlfabrikant Küschall AG will sich zurückziehen und seine Produktion aus Kostengründen nach Frankreich verlegen. 61 der insgesamt 81 Mitarbeitenden werden wohl ihre Stelle verlieren.

Vor wenigen Tagen hat der Betrieb, welcher seit 1995 zur amerikanischen Invacare-Gruppe gehört, das Konsultationsverfahren eingeleitet. «Wir sind darüber informiert worden, dass die Firma ihre Produktion auslagern will», erklärt Jonas Motschi, Vorsteher des Solothurner Amts für Wirtschaft und Arbeit. «Wir bedauern den Entscheid der Unternehmensleitung sehr. Das ist ein herber Schlag», stellt er klar. Der Hersteller von Aktiv-Rollstühlen sei ein Vorzeigebetrieb, auf den und dessen Produkte man stolz sein könne.

Kündigungen ab Februar

Die Belegschaft wurde kürzlich über die anstehenden Veränderungen in Kenntnis gesetzt. Wie «Online Reports» berichtet, verschickte die Küschall AG ein Schreiben an die in Witterswil tätigen Mitarbeiter. Darin heisst es, dass der Betrieb in den letzten neun Jahren nicht in der Lage gewesen sei, ein positives Betriebsergebnis zu erzielen. Der Grund dafür sei die steigende «Anzahl von Wettbewerbern, die heute ihre Rollstühle deutlich günstiger anbieten».

Durch eine Verlegung der Produktion in die westfranzösische Kleinstadt Fondettes liessen sich «Lohnkosten, vor allem aber auch die Absorbierung von Verwaltungskosten signifikant reduzieren», lässt die Firma seine Angestellten wissen. Die konkrete Zahl der von der Massenentlassung betroffenen Personen sei abhängig vom Ausgang des Konsultationsverfahrens. Man plane, allfällige Kündigungen ab kommendem Februar auszusprechen.

Der Witterswiler Gemeindepräsident Mark Seelig (FDP) ist letzte Woche von der Küschall AG über die Pläne informiert worden. «Mir wurde erklärt, dass die Firma rund drei Viertel aller Stellen aus wirtschaftlichen Gründen streichen wird», sagt er. Es sei sehr bedauerlich, dass die Produktion in Witterswil eingestellt werde. Die einst grösste Firma der Ortschaft sei ein «traditionsreicher, guter Arbeitgeber» gewesen. Es sei jedoch für ein Unternehmen schwierig, wenn es keinen Gewinn erziele.

Die Küschall AG verlegt ihre Rollstuhl-Produktion zwar gut 500 Kilometer weiter westlich. Der Mutterkonzern Invacare wird aber dem Hinteren Leimental die Treue halten. «Das Unternehmen erklärte mir, dass der Standort Witterswil zu einem Zentrum für Forschung und Entwicklung werden soll», sagt Gemeindepräsident Mark Seelig. Er gehe davon aus, dass dadurch in etwa gleich viele Stellen wieder geschaffen werden und so auch die Steuereinnahmen ähnlich hoch bleiben.

Die Invacare-Gruppe, die weltweit rund 6000 Angestellte beschäftigt, wollte am Montag keine Auskunft zu den derzeit laufenden Entwicklungen geben. Karen Bruttel, zuständige Mitarbeiterin des auf die Herstellung und den Vertrieb von Medizintechnik-Produkten spezialisierten Unternehmens, schreibt auf Anfrage knapp: «Wir können ihnen zur Zeit keine Angaben machen, da wir uns noch im Konsultationsverfahren befinden.» Es sei noch nichts entschieden.

10000 Rollstühle pro Jahr

Mit dem bevorstehenden Wegzug der Küschall AG verliert Witterswil eine traditionsreichen Betrieb. Das in den 1970er-Jahren vom Tetraplegiker und Behindertensportler Rainer Küschall gegründete Unternehmen gehört zu den Weltmarktführern im Bereich der Aktiv-Rollstühle. Nach einigen Jahrzehnten in Allschwil siedelte sich die Firma im Jahr 2005 in Witterswil an. Dort entstanden zuletzt jährlich rund 10'000 Rollstühle für Kundinnen und Kunden rund um den Erdball.