Wirtschaft

Schweizer Börse springt über die Marke von 10'000 Punkten: Zehn Erkenntnisse zum unglaublichen Boom der Aktien

Fast so hoch wie der Roche-Tower in Basel: Die Börse erholt sich vom Kurssturz im März - zu den grossen Gewinnern gehören die Pharmatitel von Roche.

Fast so hoch wie der Roche-Tower in Basel: Die Börse erholt sich vom Kurssturz im März - zu den grossen Gewinnern gehören die Pharmatitel von Roche.

Trotz Jahrhundertrezession ist der Swiss-Market-Index heute über die Marke von 10'000 Punkten geklettert. Was sagt das aus über die weitere Konjunkturentwicklung? Und wo liegen die Risiken? Zehn Fragen, zehn Antworten.

1. Die Schweizer Wirtschaft ist im ersten Quartal um 2,6 Prozent geschrumpft, und das zweite Quartal wird noch düsterer werden. Sind die Investoren blind?

Die Investoren sehen die schlechten Wirtschaftsdaten sehr wohl. Aber wichtiger sind ihnen Informationen für die Zukunft, die Hinweise für eine rasche Erholung geben. So ist zum Beispiel im Mai das Stimmungsbarometer unter Schweizer Einkaufsmanagern leicht gestiegen. Die Stimmung der Einkaufsmanager gilt als wichtiger, vorauslaufender Indikator für die Wirtschaftsentwicklung.

2. Was geschah an der Börse seit Ausbruch der Krise?

Noch Ende Februar notierten die Aktienmärkte auf einem Allzeithoch. Im März dann der weltweite Absturz um 20 bis 30 Prozent, je nach Land. Doch danach kam es zu einer raschen Erholung. Der April war in den USA (Dow Jones) der beste Börsenmonat seit 33 Jahren. Auch die Schweizer Börse legte kräftig zu. Der Trend setzte sich im Mai fort: Der Swiss-Market-Index (SMI) stieg um nahezu fünf Prozent.

3. Widerlegt der SMI die Konjunkturpessimisten?

Vorsicht. Der SMI ist kein repräsentativer Index für die Schweizer Wirtschaft. Nestlé, Novartis und Roche machen gut die Hälfte des Index aus und die zehn grössten Unternehmen sind für 80 Prozent des Index verantwortlich. Es handelt sich dabei fast durchwegs um multinationale Konzerne, die nur einen geringen Teil ihres Umsatzes in der Schweiz bestreiten. Investoren setzen mit solchen Aktien auf die globale Konjunkturentwicklung. Rückschlüsse auf die Schweizer Konjunktur sind deshalb heikel.

4. Inwiefern gibt denn die Börse Aufschluss über den künftigen Konjunkturverlauf?

Aussagekräftiger als der SMI ist aus einer nationalen Perspektive der Gesamtmarktindex SPI (Swiss Performance Index), in den auch kleinere Unternehmen einfliessen. Interessant ist dabei, den Zentralwert oder Median zu betrachten. Das ist jene Aktie, die sich in einer SPI-Rangliste exakt in der Mitte des 214 Aktien umfassenden Teilnehmerfeldes befindet. Für den Monat Mai waren das die Aktien des Komponentenherstellers Carlo Gavazzi. Deren Kursperformance in dem vierwöchigen Beobachtungszeitraum lag exakt bei null. Vergleicht man dies mit der Entwicklung des Zentralwertes seit Jahresbeginn (Kühne + Nagel minus 11 Prozent), lässt sich also auch im breiten Börsenfeld eine deutliche Aufwärtstendenz feststellen.

5. Performt die Schweizer Börse im internationalen Vergleich besonders gut?

Die Börsenerholung ist ein weltweites Phänomen. In Deutschland hat der aus den Aktien der 30 wertvollsten Unternehmen des Landes zusammengesetzte Dax-Index (das Pendant zum SMI) diese Woche die Marke von 12'000 überschritten. Auch dort liegt das bisherige Rekordniveau gleich wie in der Schweiz nur noch rund 10 Prozent ausser Reichweite. In den vergangenen vier Wochen ist der Dax mit einem Plus von über 10 Prozent deutlich stärker gestiegen als der SMI (+5 Prozent). auch in anderen Ländern ziehen die Märkte zurzeit deutlich an.

6. Warum ist die Börse überhaupt so tief gefallen, wenn die Vermeidung einer tiefen und langen Rezession offenbar so einfach ist?

Es gab in der ersten Phase der Coronakrise Szenarien, die eine schlimmere Entwicklung vorweggenommen hatten. So wäre es zum Beispiel denkbar gewesen, dass der Lockdown auch den Bankensektor mit in die Tiefe reissen würde. Schliesslich ist es eine Tatsache, dass die globale Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Privaten ungewöhnlich hoch und seit der Finanzkrise weiter gestiegen ist. Wenn diese Verschuldung in Kombination mit einer Rezession zu einem scharfen Anstieg von Zahlungsausständen führt, gerät auch eine gut kapitalisierte Kreditwirtschaft schnell in Bedrängnis. So weit kam es glücklicherweise nicht.

7. Wie konnte dieses Worst-case-Szenario abgewendet werden?

Entschärft hat sich das Problem dadurch, dass die galoppierende Verbreitung des Coronavirus mit Hilfe des globalen Lockdowns relativ rasch eingedämmt werden konnte. Und die Staaten und die Zentralbanken intervenierten mit nie gesehenen Geldsummen, um die Wirtschaft zu stützen.

8. Sind die Risiken damit aus dem Weg geräumt?

Es gab viele Ökonomen, die im März die Erwartung hatten, das Corona-Gespenst lasse sich bis zu den Sommermonaten vertreiben. Doch das war Wunschdenken. Auch wenn die Infektionsraten jetzt stark gefallen sind, bleiben hohe Risiken zurück: Die Staaten haben sich zur Rettung der Wirtschaft in einem beispiellosen Ausmass verschuldet. Die Notenbanken haben die Geldschleusen weiter geöffnet denn je. Ob nun im erhofften Mass auch die Nachfrage wieder anspringt, ist trotz erfreulicher Signale wie dem erwähnten Einkaufsmanagerindex längst nicht klar.

9. Wann ist die Rezession vorüber?

Niemand wagt eine klare Prognose. Bleibt uns die Rezession länger erhalten als nur zwei oder drei Quartale, könnten sich die Probleme tiefer in die Wirtschaft einfressen und den bislang stabil erscheinenden Bankensektor doch noch angreifen.

10. Könnte die Geldflut der Zentralbanken zu einer Inflation führen, was Gift für die Börsen wäre?

Das ist kurzfristig unwahrscheinlich. Längerfristig besteht aber die Gefahr, dass die Geldflut doch noch eine Geldentwertung bewirkt. Das könnte zum Beispiel geschehen, wenn der internationale Austausch von Gütern und Dienstleistungen im Zug protektionistischer Tendenzen weiter abnimmt und sich die Knappheitserscheinungen bei der Verfügbarkeit wichtiger Produkte zu Häufen beginnen. Inflation wird für die Wirtschaft zu einem Problem, wenn sie ein bestimmtes Niveau (z.B. 5 Prozent pro Jahr) überschreitet. Dann beginnen die Wirtschaftssubjekte damit weniger zu sparen, was auch zu weniger Investitionen führt.

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Autor

Daniel Zulauf

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