Wirtschaft

Stadler steckt wegen Corona im Abnahmestau +++ Aufträge wie noch nie, doch Rentabilität liegt am Boden +++ Peter Spuhler bleibt vorläufig auch Konzernchef

Peter Spuhler, der starke Mann bei Stadler.

Peter Spuhler, der starke Mann bei Stadler.

Trotz der Coronakrise werden die ohnehin schon prall gefüllten Auftragsbücher des Bahnbauers immer dicker. Wegen Unterbrüchen der Lieferketten und Verzögerungen der Fahrzeugabnahmen verschieben sich aber Umsätze in die Zukunft, und das drückt auf die Rentabilität, weil Einnahmen fehlen. Einen neuen Konzernchef sucht Verwaltungsratspräsident Peter Spuhler vorerst nicht.

Andere Firmen wären froh, ginge es ihnen wie Stadler. Trotz Corona hat Stadler im ersten Halbjahr 2020 keinen Nachfrageeinbruch erlitten, und es seien keine laufenden Aufträge storniert worden, sagt Patron Peter Spuhler.

Es gingen im Gegenteil neue Aufträge im Wert von 3,1 Milliarden Franken ein - ein Plus von gut einem Drittel gegenüber der Vorjahresperiode -, wovon 1,2 Milliarden auf das Geschäft mit Service und Komponenten entfallen. Dieses auszubauen, ist ein strategisches Ziel Stadlers, denn es wirft höhere Margen ab als der Bau von Rollmaterial, und es dient der langfristigen Kundenbindung.

Bestellungen für mehrere Jahre in den Büchern

Mit diesem relativ hohen Auftragseingang ist der Auftragsbestand Stadlers gegenüber Ende 2019 um weitere 12 Prozent gestiegen, von 15 Milliarden auf rekordhohe 16,8 Milliarden Franken.

Davon entfällt knapp ein Viertel auf Service und Komponenten, dessen Anteil seit mehreren Jahren kontinuierlich zunimmt. Die Serviceverträge haben Laufzeiten von teils bis zu 30 Jahren.

Corona hat den Betrieb gestört

Doch mit diesen vielen Aufträgen ist auch ein Problem verbunden. Corona hat die Lieferketten gestört und zu Reisebeschränkungen geführt. Unterbrüche der Lieferketten hatten zur Folge, dass Stadler bei der Fertigung des Rollmaterials da und dort weniger rasch vorangekommen ist. So hatten laut Spuhler beispielsweise die Zulieferer in Norditalien im Frühling während zehn Wochen geschlossen. Spuhler erwähnt auch einen Schweizer Unterlieferanten, der seit drei Monaten nicht mehr arbeitet.

Insgesamt waren von den 148 laufenden Aufträgen im Volumen von gut drei Milliarden Franken deren 20 von Verzögerungen in der Zulieferindustrie betroffen, wie Spuhler sagt. Stadler selber musste sein spanisches Werk in Valencia auf Geheiss der Behörden für drei Wochen stilllegen, und im US-Werk in Salt Lake City musste man coronabedingt die Produktionskapazität massiv reduzieren.

Fertige Fahrzeuge auf Halde und ausgedünnte Fahrpläne

Hinzu kommt, dass es auch bei fertigen Fahrzeugen zu Verzögerungen gekommen ist. Wegen Reisebeschränkungen für Mitarbeitende und Kunden konnten und können Fahrzeuge erst verspätet abgenommen, zertifiziert und zugelassen werden. Solange dies aussteht, verbucht Stadler auf diesen Produkten auch keinen Umsatz.

Im Geschäft mit Service und Komponenten sind die Umsätze zwar gestiegen, aber weniger kräftig als erwartet. Dies weil viele Bahngesellschaften ihre Fahrpläne wegen Corona ausgedünnt haben. Das betraf laut Spuhler vor allem Privatbahnen in Deutschland, die keinen Versorgungsauftrag haben und ihre Flotten auf bis zu 10 Prozent ihrer normalen Transportkapazität herunterfuhren. Und weil Stadler gerade mit solchen Bahnen oft für den Service pro gefahrenen Kilometer bezahlt wird, hat dies entsprechend die Einnahmen reduziert. Weniger Fahrten bedeuten ausserdem weniger Reparaturen und Ersatzteile.

Ein ganz dicker Fisch: Im März hat Stadler eine Ausschreibung der Berliner Verkehrsbetriebe zur Lieferung von bis zu 1500 U-Bahn-Wagen gewonnen. Gesamtvolumen: Bis zu drei Milliarden Euro.

Ein ganz dicker Fisch: Im März hat Stadler eine Ausschreibung der Berliner Verkehrsbetriebe zur Lieferung von bis zu 1500 U-Bahn-Wagen gewonnen. Gesamtvolumen: Bis zu drei Milliarden Euro.

Ein halbes Prozent Marge

Als Folge all dieser Widrigkeiten ist Stadlers Semesterumsatz im Vorjahresvergleich um 16 Prozent auf 935 Millionen Franken gesunken. Und weil wegen der Verzögerungen Einnahmen fehlten, hat dies die Profitabilität gedrückt.

Das Betriebsergebnis fiel von 47 Millionen auf 5 Millionen Franken, wodurch die operative Marge von 4,2 auf 0,5 Prozent des Umsatzes absackte.

Im zweiten Semester soll es aufwärts gehen

Stadler erwartet in der zweiten Jahreshälfte eine starke Erhöhung des Umsatzes und der Profitabilität gegenüber dem ersten Semester. Ein grösserer Teil der Verzögerungen in den Zulassungs- und Abnahmeprozessen sollte kompensiert werden können. Falls sich die coronabedingten Einflüsse auf Lieferketten, Zulassungen und Fahrzeugabnahmen stabilisieren, dürfte der Umsatz 2020 leicht unter jenem des Vorjahres (3,2 Milliarden Franken) zu liegen kommen. Ursprünglich hatte Stadler einen Anstieg auf 3,5 Milliarden erwartet.

Die Marge soll «über 5 Prozent» erreichen. 2019 hatte sie 6,1 Prozent betragen, 2018 noch 7,5 Prozent. Mittelfristig peilt Stadler weiterhin 8 bis 9 Prozent an.

Bedeutende Ausschreibungen am Horizont

Im Semesterbericht schreibt Stadler aber auch: «Der weitere Einfluss der Coronakrise auf das laufende Geschäftsjahr kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht abgeschätzt werden.» Bleiben jedoch gröbere Störungen aus, erwartet Spuhler, dass der öffentliche Verkehr bis Ende Jahr wieder auf 80 bis 90 Prozent seines gewohnten Niveau zurück ist.

Zuversichtlich stimmt Spuhler auch, dass weiterhin bedeutende Ausschreibungen laufen, von denen einige noch dieses Jahr vergeben werden sollten. Spuhler rechnet sich gute Chancen aus, verschiedentlich zum Zug zu kommen, so etwa bei der Beschaffung von 185 Doppelstöckern für die ÖBB. Stadler geht hier mit dem Triebzug des Typs Kiss ins Rennen.

Schlussstrich unter kostspieliges Problem in England

Einen Erfolg meldet Stadler in England. Für Greater Anglia konnten alle 58 bestellten Triebzüge des Typs Flirt ausgeliefert und vom Kunden abgenommen werden. Hier hatte es Probleme gegeben mit einem Kamerasystem zur Überwachung der Türen eines englischen Zulieferers.

Nun aber fahren die Züge bereits fahrplanmässig, und bezüglich Verzugsstrafen habe sich Stadler mit dem Kunden auf eine Zahlung «im mittleren zweistelligen Millionenbereich geeinigt». Diese ist durch eine Rückstellung gedeckt, doch Spuhler sagt auch:

Spuhler nimmt das Heft noch fester in die Hand

Im Mai hatte Konzernchef Thomas Ahlburg wegen strategischer Differenzen abrupt seinen Hut genommen. Interimistisch ist Spuhler in die Bresche gesprungen. Nun sagt er:

Das werde er zusammen mit dem Verwaltungsrat «zu gegebener Zeit» in Angriff nehmen. Vorerst müsse man «zu alter Stärke zurückfinden» und «ins operative Geschäft Ruhe hineinbringen». Damit bleibt Spuhler Konzernchef, Verwaltungsratspräsident und Ankeraktionär in Personalunion.

Stadler hat den Hackerangriff abgehakt

Der Angriff mutmasslicher Cyberkrimineller auf das IT-Netzwerk Stadlers im Mai mit Schadsoftware hat offensichtlich keine nachhaltigen Schäden angerichtet. Wie Stadler schreibt, habe man «kurzzeitige operative Einschränkungen schnell überwunden, und die betroffenen Systeme konnten sehr rasch wieder hochgefahren werden». Dies dank vollständiger und funktionsfähiger Back-up-Daten und eines grossen Einsatzes des IT-Teams. Spuhler ergänzt:

Es seien über mehrere Wochen Daten im Umfang von schätzungsweise sechs Gigabyte abgeflossen. Was im Darknet veröffentlicht wurde, sei allerdings «nichts Relevantes».

Die Hacker haben von Stadler sechs Millionen Dollar in Bitcoin gefordert und ihrer Erpressung mit zweimaliger Veröffentlichung gestohlener Daten Nachdruck zu verleihen versucht. Stadler hatte schon Ende Mai verlauten lassen, man werde sich der Erpressung keinesfalls beugen. Nun sagt Peter Spuhler:

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