Telekommunikation

Swisscom verliert mitten im Lockdown TV- und Internetkunden – Chef Urs Schaeppi streicht Hunderte Stellen

Die Swisscom blickt auf ein durchzogenes erstes Halbjahr zurück

Die Swisscom blickt auf ein durchzogenes erstes Halbjahr zurück

Der Telekomkonzern legt dank seiner erfolgreichen Italien-Tochter Fastweb solide Zahlen vor. Doch im Inland verlor die Swisscom Kunden an die Konkurrenz. Hunderte Jobs fielen weg.

Swisscom-Chef Urs Schaeppi ist zufrieden mit den Resultaten des ersten Halbjahres. Das sagte er am Donnerstag an einer Telefonkonferenz. Doch warum eigentlich? Im Kernmarkt Schweiz betrug der Umsatzverlust gegenüber der Vorjahresperiode über fünf Prozent. Dass die Swisscom insgesamt nur ein Minus von 3,9 Prozent ausweist, verdankt sie den italienischen Mitarbeitern von Fastweb. Die Tochterfirma konnte in der Krise Kunden gewinnen.

Ein sinkender Umsatz war zu erwarten. Die Shops waren lange geschlossen, was auf die Verkäufe drückte. Im Vergleich zu Ländern wie Italien hatte zudem hierzulande schon vor der Krise fast jeder Haushalt einen Internetanschluss und ein Flatrate-Abo, womit Telekomfirmen weniger vom Homeoffice-Boom profitieren konnten. Weil die Grenzen geschlossen waren, sanken die Roaming-Einnahmen. Hinzu kamen Verluste wegen geschlossenen Kinos der hauseigenen Kette Kitag. Dass der Pay-TV-Tochter Teleclub Live-Sportübertragungen fehlten, führte zu Ausfällen in der Höhe eines mittleren einstelligen Millionenbetrags.

Swisscom-CEO Urs Schaeppi

Swisscom-CEO Urs Schaeppi

Weniger Fernseh- und Internetkunden

Tragisch ist das nicht. Sorge bereiten sollten der Swisscom zwei andere Zahlen: Jene der Neukunden im Internet- und Fernsehgeschäft. Letzteres war jahrelang die eigentliche Erfolgsgeschichte des staatlichen Telekomriesen. Die Swisscom eilte mit ihrem TV-Geschäft von Rekord zu Rekord. Nun muss sie erstmals einen Rückgang vermelden: Ende Juni verzeichnete Swisscom TV 4'000 Kunden weniger als Ende 2019.

Die Fernsehkunden sprangen im zweiten Quartal ab, also in der Hochphase des Lockdowns, in der das Bedürfnis nach Unterhaltung umso grösser war. Dass die Gesamtzahl der Fernsehkunden in der Schweiz sank, ist unwahrscheinlich. Klar ist auch, dass die Kunden nicht zur Kabelnetzbetreiberin UPC gewechselt sind, deren Kundenbasis ebenfalls abnahm.

Sunrise profitiert

Profitiert haben dürften kleinere Anbieter – und Sunrise. Diese publiziert ihren Halbjahresabschluss erst am 27. August. Bereits bekannt ist , dass Sunrise schon im ersten Quartal 11'000 Fernsehkunden gewonnen hatte – ein Wachstum, das sich im zweiten Quartal abgeschwächt haben dürfte, aber kaum zum Stillstand gekommen ist.

Das zeigt: Trotz einem technisch guten Fernsehprodukt ist die Swisscom auf die exklusiven Sportinhalte von Teleclub angewiesen. Fallen diese weg, sind offenbar viele Kunden nicht mehr bereit, die vergleichsweise hohen Preise des Ex-Monopolisten zu bezahlen.

«Wettbewerb bleibt hart»

Diese Wechselwilligkeit zeigt sich auch anderswo. Die Zahl der Internetkunden ist bei der Swisscom in den letzten sechs Monaten gesunken. Profitiert haben dürfte wohl auch hier Sunrise, die alleine im ersten Quartal 11'000 Neuabschlüsse verzeichnete. Auch die Anbieterin Salt kommunizierte für das erste Quartal eine positive Entwicklung.

Die Swisscom führt die Entwicklung auf den gesättigten Markt zurück. Zudem sei ein Grossteil der Läden geschlossen gewesen, sagt ein Sprecher. Internet- und TV-Abos würden häufig zusammen in Shops abgeschlossen. Damit erkläre sich auch die gleichzeitige Entwicklung. Allerdings war die Zahl der Breitbandabschlüsse schon im ersten Quartal rückläufig.

Die Zugewinne der Swisscom-Konkurrenz gehen auch auf tiefere Preise zurück. Die Einnahmen pro Kunde sinken stetig. Das dürfte so weitergehen. Sollte die am Mittwoch angekündigte Übernahme von Sunrise durch die UPC-Mutter Liberty Global zustande kommen, rechnet Swisscom-Chef Schaeppi nicht mit einer Entspannung. «Der Wettbewerb wird hart bleiben», sagt er. Der Deal komme nicht überraschend: «Die Kunden wollen gebündelte Produkte». Hinzu komme, dass der Preiswettbewerb und der Margendruck hoch seien. Ausserdem müsse jeder Anbieter in dieser Branche viel investieren.

5G-Ausbau stockt

Bei der Swisscom sollen diese Investitionen grösstenteils in den Glasfaserausbau und in das Mobilfunknetz mit der neuen Generation 5G fliessen, auch wenn letzterer Schaeppi deutlich zu langsam vorwärts geht, wie er anmerkte. Doch an den politischen Rahmenbedingungen kann er fürs Erste nichts ändern.

Stattdessen schraubt die Swisscom an der Kostenstruktur: Im ersten Halbjahr baute sie in der Folge von «Effizienzmassnahmen» in der Schweiz 509 Vollzeitstellen ab, innerhalb eines Jahres fielen 752 Stellen weg. Möglich geworden sei das dank Initiativen zur «operationellen Exzellenz», schreibt die Swisscom. Die Pannenserie von Anfang Jahr ist aber noch nicht vergessen. Es bleibt zu hoffen, dass die Swisscom auch mit weniger Personal ein stabiles Netz bereitstellen kann. Denn wenn die Qualität beim Premium-Anbieter nicht stimmt, reicht auch Schweizer Kunden der Markenname allein nicht mehr.

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