Syrien/Frankreich
Geld für den Islamischen Staat: Holcim wechselt im Bestechungsprozess die Strategie

Der Konzern macht die frühere Lafarge-Führung nun persönlich für Geldzahlungen an den Islamischen Staat und andere Bürgerkriegsparteien verantwortlich.

Daniel Zulauf 1 Kommentar
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Stein des Anstosses: Die Fabrik von Lafarge in Syrien

Stein des Anstosses: Die Fabrik von Lafarge in Syrien

Delil Souleiman / AFP

Auch Firmenhochzeiten enden nicht selten vor dem Richter. So weit könnte es auch mit der franko-helvetischen Zementheirat aus dem Jahr 2015 kommen, die allerdings von Anfang an unter einem schlechten Stern gestanden hatte. Wegen Bestechungszahlungen, die Lafarge während des Bürgerkrieges in Syrien in den Jahren 2012 bis 2014 geleistet hatte, steht die fusionierte Firma seit Jahren unter grossem Druck.

Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Im September bestätigte das höchste französische Gericht, der Kassationshof, dass sich Lafarge durch die wissentlich geleisteten Geldzahlungen an den Islamischen Staat und andere Bürgerkriegsparteien der Komplizenschaft in einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht haben könnte. Das Gericht korrigierte damit ein Urteil des Appellationsgerichtes aus dem Jahr 2019. Dieses hatte zwar die Rechtmässigkeit einer Klage gegen neun frühere Lafarge-Manager, nicht aber gegen die Firma Lafarge selbst anerkannt.

Ehemaliger CEO von Lafarge, Bruno Lafont

Ehemaliger CEO von Lafarge, Bruno Lafont

Patrick B. Kraemer / KEYSTONE

Die Geldzahlungen, die gemäss den bisherigen Erkenntnissen rund 13 Millionen Euro betrugen, hatten den Zweck, die rund 150 Kilometer östlich der syrischen Stadt Aleppo gelegen Lafarge-Fabrik am Laufen zu halten. Zwar hatten sich Lafarge und Holcim erst am 8. Mai 2015 per Aktionärsbeschluss zusammengetan. Doch die Verantwortung für die weiterzurückliegenden Ereignisse hat Lafarge quasi als toxische Mitgift in die Ehe mit Holcim eingebracht.

Holcim geht in die Gegenoffensive

Diese versucht sich nun offenbar mit einer Art Vorwärtsstrategie zu verteidigen, und zwar indem sie mit Blick auf einen in unbestimmter Zukunft in Paris anstehenden Gerichtsprozess die Schuld ganz auf die vormaligen Lafarge-Manager unter Führung des einstigen Président Directeur Générale (PDG) Bruno Lafont abwälzt, um die Firma soweit als möglich schadlos zu halten.

Das ist der Schluss, zu dem der geneigte Leser bei der Lektüre einer am Mittwochabend von Holcim versandten Pressemitteilung gelangen muss. Am Montag waren Hess und dessen Konzernjurist Matthias Gaertner zu einer zweiten Befragung durch die Justizbehörden in Paris. «Wir hatten zum zweiten Mal seit 2018 eine Chance von den französischen Ermittlern zu hören, wo das Verfahren steht», sagte ein Holcim-Sprecher auf Anfrage. Und offenbar hat Holcim bei dem Treffen einige wichtige neue Erkenntnisse gewonnen.

Vorgänge um Lafarge SA wurden versteckt

Jedenfalls zeigte sich deren Präsident Beat Hess im Namen des Verwaltungsrates «schockiert und entsetzt» über die Vorwürfe gegen Lafarge SA und Hess sagt explizit, die Vorgänge um Lafarge SA seien dem Verwaltungsrat von Holcim «zum Zeitpunkt des Zusammenschlusses verschwiegen worden» In der englischsprachigen Medienmitteilung, die als Übersetzungsvorlage für den deutschen Text gedient hat, ist von «concealed» die Rede, was ein nicht nur ein passives Verschweigen, sondern ein aktives Verstecken impliziert, wie der Holcim-Sprecher einräumte.

Diese vielleicht spitzfindig anmutende Differenz könnte in einem allfälligen Prozess von Holcim gegen Lafont & Co. eine entscheidende Bedeutung erlangen. Denn die vormaligen Lafarge-Verantwortlichen würden sich wohl nicht zuletzt mit dem Argument gegen eine Holcim-Klage verteidigen, dass die Holcim-Führung das Problem in Syrien selbst nicht erkannt hatte und im Rahmen der Fusionsvorbereitung keine oder mindestens nicht die richtigen Fragen zum Geschäft in dem bürgerkriegsgeplagten Land gestellt hätten.

Die Risiken eines Schuldspruches sind erheblich

«Für Holcim geht es in dem Prozess auch darum, den guten Ruf der Firma zu bewahren», sagt der Firmensprecher. Doch hinter dieser Formulierung könnte auch erhebliche Risiken stehen. Sollte Holcim die erste Firma in Frankreich werden, die für eine Komplizenschaft in einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen würde, wären schmerzhafte Sanktionen von Regierungen auch in anderen Ländern mindestens nicht ausgeschlossen. Zunächst geht es für Holcim aber auch um die 30 Millionen Euro, die der Konzern 2018 in Frankreich als Kaution für den Prozess hinterlegen musste.

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Rosmarie Senn

 Daniel Senn :Was ist aus diesem ehemals stolzen Familienbetrieb mit seinen Wurzeln hier im Aargau geworden  Ihre Gründer würden sich wohl im Grab umdrehen wenn sie das noch erleben müssten.

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