Unternehmen
Europäische Chefs kuschen vor Regierung in Peking – und werden deshalb trotz politischen Spannungen umgarnt

Der Systemkonflikt zwischen China und der EU spitzt sich immer weiter zu. Für heimische Unternehmen läuft das Geschäft dennoch blendend.

Fabian Kretschmer aus Peking
Drucken
Teilen
Europäische Firmen werden in China umgarnt. Es sei denn sie spielen nicht nach den Regeln Pekings ­– so wie zuletzt die Modekette H&M.

Europäische Firmen werden in China umgarnt. Es sei denn sie spielen nicht nach den Regeln Pekings ­– so wie zuletzt die Modekette H&M.

Kevin Frayer /
Getty Images AsiaPac

Als Pekings Staatsführung am 23. April überraschend heftige Gegensanktionen gegen die europäische Union verhängt, befindet sich Jörg Wuttke gerade auf Delegationsreise in Wuhan. «Ich dachte, all meine geplanten Termine würden nun ins Wasser fallen», sagt der langjährige Präsident der europäischen Handelskammer in Peking. Stattdessen jedoch passierte genau das Gegenteil: Wuttke wurde unangekündigt vom Bürgermeister Wuhans empfangen und beim abendlichen Festessen sogar neben dem Parteisekretär der Provinz Hubei platziert. Während also die politische Grosswetterlage so stark eskalierte wie seit Jahrzehnten nicht mehr, wurden die europäischen Wirtschaftsvertreter mit einer bisher kaum dagewesenen «Charme-Offensive» umgarnt.

Jörg Wuttke, langjähriger Präsident der europäischen Handelskammer in Peking

Jörg Wuttke, langjähriger Präsident der europäischen Handelskammer in Peking

EPA / Keystone

Solch ambivalenten Signale machen es oftmals schwierig, die hochkomplexe Lage in dem oft fälschlicherweise als monolithisch wahrgenommenen Staat einzuschätzen. Denn aus der Vogelperspektive betrachtet geraten immer mehr westliche Unternehmen ganz unweigerlich zwischen die Fronten eines geopolitischen Konflikts. Vor wenigen Wochen erst wurde die schwedische Modemarkte H&M innerhalb weniger Stunden regelrecht aus dem chinesischen Online-Markt gedrängt, weil es aus Bedenken vor Zwangsarbeit keine Baumwolle mehr aus der westchinesischen Provinz Xinjiang bezieht. Nach einer staatlich orchestrierten Medienkampagne verschwand die digitale Präsenz des schwedischen Modeherstellers aus sämtlichen E-Commerce-Plattformen Chinas – und das nur, weil man europäische Compliance-Standards eingehalten hat.

Investitionsabkommen bisher nicht ratifiziert

Auch das ambitionierte EU-chinesische Investitionsabkommen, das heimischen Unternehmen in China bessere Wettbewerbsbedingungen sichern soll, ist aufgrund politischer Differenzen auf Eis gelegt. «Die Ratifizierung des Abkommens wird, denke ich, wird bis auf weiteres nicht passieren – solange die chinesischen Sanktionen nicht aufgehoben werden», sagt Handelskammerpräsident Wuttke. An dem Pakt haben beide Seiten immerhin sieben Jahre gearbeitet.

Immer wieder warnen kritische Stimmen davor, dass sich Europa nicht zu sehr in eine wirtschaftliche Abhängigkeit zu China begeben darf. Die deutsche Autowirtschaft etwa verkauft im Schnitt jedes dritte Fahrzeug in der Volksrepublik, und auch weitere Kernbranchen stehen und fallen zunehmend mit ihrer Geschäftsbilanz im Reich der Mitte.

Vor Ort ist von Diversifizierungsbestrebungen bislang wenig zu spüren und Abzugspläne aus China sind erst recht kein Thema. «Letztendlich war der chinesische Markt dafür verantwortlich, dass wir Profite in unsere Zentralen schicken konnten. 2020 haben viele von uns hier Gewinne im zweistelligen Bereich erwirtschaftet», sagt Wuttke. Und das könnte durchaus so bleiben: In der nächsten Dekade wird in China ein knappes Drittel des globalen Wirtschaftswachstums generiert – mehr als in sämtlichen OECD-Staaten zusammen.

Dennoch kann der reine Tunnelblick auf kurze Gewinnzahlen täuschen. In der Financial Times erschien kürzlich ein viel beachteter Kommentar, der westlichen Unternehmen in China vorwarf, unter dem sogenannten Stockholm-Syndrom zu leiden: Nach dieser Analogie seien auch europäische Firmen zunehmend politische Geiseln, die trotz «Diebstahl von geistigem Eigentum, willkürlichen politischen Entscheidungen und Überwachung durch die Geheimpolizei» Sympathien mit ihrem Kidnapper – der kommunistischen Partei Chinas – entwickelt hätten.

Leise Kritik an geschlossenen Grenzen

Bei vielen Firmenvorständen europäischer Unternehmen lässt sich mittlerweile feststellen, dass sie die in China notwendige Selbstzensur immer mehr verinnerlicht haben. Die Stimmung gegenüber westlichen Journalisten wird zunehmend verschlossener, während die öffentlichen Danksagungen an die Staatsführung immer blumiger ausfallen.

Dennoch gibt es Streitthemen, wenn auch diese nicht mit den politischen Minenfeldern zu tun haben. Am stärksten leiden die Firmen unter den nach wie vor geschlossenen Grenzen Chinas. Weiterhin ist es fast unmöglich für Familienangehörige von Expats, eine Einreisegenehmigung in die Volksrepublik zu bekommen. «Sie wollen unsere Technologie, unsere Steuern und unsere Investitionen. Aber es scheint, sie wollen uns nicht haben», sagt Carlo D’Andrea, der die europäische Handelskammer in Shanghai vertritt.

Aktuelle Nachrichten