Interview

Unternehmer Michael Pieper ist überzeugt: «Die Schweiz als Gewinnerin aus der Coronakrise hervorgehen»

Michael Pieper, Verwaltungsrat und Besitzer von Franke.

Michael Pieper, Verwaltungsrat und Besitzer von Franke.

Der Inhaber der Artemis Group sagt, die Schweizer Wirtschaft werde die Coronakrise relativ rasch überstehen. Erstaunt hat den Milliardär allerdings der Mangel an Schutzmasken.

Erst seit Kurzem ist Michael Pieper wieder zurück aus dem Homeoffice. Wie viele der Angestellten seiner Artemis Group hat er zu Hause gearbeitet. Das wichtigste Unternehmen ist der Aargauer Küchenbauer Franke. Der 74-Jährige strotzt trotz wirtschaftlich schwieriger Lage vor Zuversicht und Energie.

Ihr Unternehmen hat vergangene Woche die Zahlen für die ersten drei Monate veröffentlicht. Noch ist nicht viel von Corona zu sehen. Das dürfte sicher ändern?

Michael Pieper: Wir haben bei der Artemis Group in den ersten drei Monaten 1 Prozent an Umsatz eingebüsst, sind aber organisch gewachsen. Ertragsmässig sind wir gar leicht über Vorjahr. Januar und Februar waren gute Monate. Die erste Märzhälfte auch noch. Dann kam Corona und es ging das Loch hinunter. Wir waren überall getroffen. Besonders aber in Südeuropa. Asien hat sich inzwischen erholt. Dafür war dort der Februar katastrophal.

Wie sieht der Ausblick aus?

Das zweite Quartal wird schlecht. Der April war der schlimmste Monat. Im Mai sieht es etwas besser aus, die Zahlen bleiben aber rot. Im Juni dürfte das so bleiben. Im dritten Quartal sind wir nach unseren Prognosen beim Umsatz 20 Prozent im Minus, ertragsmässig dürften wir da aber schon wieder leicht positiv sein. Im vierten Quartal erwarten wir eine weitere Verbesserung. Dieses Jahr ist zwar ein schwarzes Jahr, wir dürften dennoch schwarze Zahlen schreiben. Hauptverantwortlich für die guten Zahlen wird die Franke Gruppe sowie unsere Immobiliengruppe sein.

Weniger gut sieht es bei Feintool und ihren Beteiligungen im Automobilgeschäft aus.

Auf jeden Fall. Feintool leidet unter den Umwälzungen im Automobilgeschäft. Eine Studie beziffert den Rückgang bei den verkauften Autos in diesem Jahr von 90 auf 68 Millionen Stück. Das ist immens! Das muss man erst einmal verkraften. Corona hat da natürlich nicht geholfen. Der Ausblick ist schwierig. Die Unsicherheit ist gross. In den USA beispielsweise verschieben die Hersteller derzeit die Wiederaufnahme der Produktion immer weiter nach hinten. Es ist chaotisch.

Aber sie bleiben den Beteiligungen treu?

Ja, ich bin nach wie vor überzeugt von den Firmen, in die wir investiert haben – aber nichtsdestotrotz stehen diese Beteiligungen regelmässig auf dem Prüfstand. Feintool, Autoneum und Rieter werden überleben. Aber die Zahlen werden dieses Jahr schlecht sein, das hat man ja bei Autoneum gesehen.

Sehen Sie derzeit Chancen für neue Investitionen oder für den Ausbau Ihrer Beteiligungen?

Wir haben täglich Angebote von verschiedensten Firmen auf dem Tisch. Im Bereich Automotive gibt es zahlreiche Angebote; unter anderem auch grössere Firmen, die Liquiditätsengpässe und andere Probleme haben. Aber wir müssen zuerst bei einigen unserer Firmen sowie Beteiligungsfirmen die Hausaufgaben machen, deshalb sind wir da zurückhaltend. Anders wäre es bei Franke. Wenn wir da etwas Passendes angeboten bekämen, wie zum Beispiel einen Kaffeemaschinenhersteller, dann würden wir es sicher genau anschauen.

Die Konkurrenz von Franke im Kaffeegeschäft kommt vor allem aus der Schweiz. Weshalb dominieren hiesige Unternehmen den Markt der Kaffeemaschinen?

Es ist historisch gewachsen. In der Schweiz gab es schon immer eine stark ausgeprägte Kaffeekultur. Aus dieser Tradition heraus hat sich die Nachfrage für hochqualifizierte Kaffeemaschinen entwickelt und entsprechend auch die Branche in der Schweiz. Bei den Vollautomaten liegt der Marktanteil der Schweizer Firmen bei ungefähr 80 Prozent. Die grössten sind Thermoplan, Schaerer und Franke. Im Wallis gibt es noch Eversys und weitere Kleine in der ganzen Schweiz. Zudem ist die Firma Eugster/Frismag einer der grössten Hersteller für Haushalts-Kaffeemaschinen. Sie macht unter anderem Maschinen für Nespresso und Jura.

Michael Pieper während des Interviews. Im Hintergrund das Werk «Le Bâteau Ivre» von Roswitha Doerig.

Michael Pieper während des Interviews. Im Hintergrund das Werk «Le Bâteau Ivre» von Roswitha Doerig.

Gerade die Gastronomie ist schwer von den Auswirkungen der Pandemie getroffen. Was heisst das für das Geschäft von Franke?

Wir sind ja nicht mehr in der individuellen Planung und Fertigung von Grossküchen für Hotels und Restaurants tätig. Dieses Geschäft haben wir Anfang 2000 verkauft. Unsere Kunden sind Fastfoodketten wie unter anderem McDonalds, Burger King oder Kentucky Fried Chicken. In denen wir weltweit die Küchen ausstatten. Dieses Geschäft ist zwar auch eingebrochen, aber dank Drive-ins und Home Delivery nicht im selben Ausmass wie die klassische Gastronomie. Ebenfalls stark tätig sind wir bei den Convenience-Ketten, wie beispielsweise 7 Eleven. Diese waren auch während der Krise offen. Wir haben aber aufgrund der Corona-Pandemie schon weniger Kaffeemaschinen verkauft als üblich.

Kommt es zu Entlassungen?

Wir hatten keinen grossen Stellenabbau. Wir haben bei Franke gruppenweit rund 170 Temporärverträge beendet, Kurzarbeit eingeführt und Ferienkonti reduziert. Kurzarbeit ist ein gutes Instrument, das hilft uns durch die Delle. Denn danach werden wir die Angestellten wieder brauchen.

Sie glauben an eine schnelle Erholung?

Ich war schon immer ein Optimist. Ich bin überzeugt, dass das Nachholbedürfnis kommen wird und sich die Wirtschaft wieder erholt. Ich habe viele Anzeichen, dass es gegen Ende des Jahres wieder besser laufen wird. Vielleicht nicht ganz auf Vorjahresniveau, aber wieder ziemlich normal.

Das wäre das V-Szenario: Auf den starken Einbruch, folgt eine schnelle Erholung.

Ja, vielleicht ein etwas breiteres V. Ich bin einfach nicht so pessimistisch. Natürlich bin ich auch vorsichtig und hoffe, dass es zu keiner zweiten Welle kommt. Aber ich glaube nicht, dass nun ein Unternehmen nach dem anderen Konkurs geht. Ich bin positiv. Das zeigt mir auch die Situation bei Franke.

Woran liegt das?

Wir haben bei Franke keine Schulden, gute Reserven, sind gut aufgestellt und weltweit tätig. Hinzu kommt, dass das Kaffeegeschäft einfach ein boomendes Geschäftsfeld ist. Das hat man nicht zuletzt beim Börsengang der Kaffee-Holding JDE Peet’s gesehen, zu der unter anderem die Marke Jacobs gehört. Der Börsengang vor wenigen Tagen war sehr erfolgreich – trotz Corona.

Das Bürgschaftsprogramm des Bundes war für Sie also kein Thema.

Nein, das war bis jetzt kein Thema.

Dennoch: Die Schweiz, Europa, ja die Welt schlittert in eine Rezession, wie schwer wird sie?

Ja, die Krise gibt es, aber die Welt wird danach nicht vorbei sein. Die Schweiz wird nach der Krise als Gewinnerin dastehen. Die Voraussetzungen sind gut: Wir haben stabile politische Verhältnisse, einen sehr guten Branchenmix, eine gute Infrastruktur und eine tiefe Verschuldung. Die Schweiz wird schneller wieder auf den Füssen sein. Zusammen mit Deutschland und Österreich. Vorausgesetzt natürlich es gibt keine zweite Welle. Ein Impfstoff oder ein wirksames Medikament ist zentral.

Der Franken ist in der Coronakrise noch stärker geworden. Keine guten Voraussetzungen für die Industrie.

Der Franken ist in den letzten Tagen wieder leicht schwächer geworden. Ich weiss nicht, ob die Nationalbank interveniert, aber sie macht einen guten Job. Eine Basisfertigung von einfachen Produkten wird in der Schweiz langfristig wohl nicht mehr möglich sein. Die Schweiz ist stark in Pharma, Medizinaltechnik und bei Hightech-Maschinen. Diese Branchen werden immer überleben. Auch wir mussten einfachere Produkte, wie etwa die Fertigung von Fassadenteilen verlagern. Für unsere Kaffeemaschinen lassen wir zudem einige Komponenten im Ausland herstellen. Aber die Entwicklung, das Marketing, den Vertrieb und die Montage haben wir hier. Wir müssen uns zwar immer wieder anpassen, aber im Anpassungsprozess gibt es neue Möglichkeiten.

Woher rührt Ihr Optimismus?

Man muss als Unternehmer Optimist sein. Als Unternehmer hat man ständig Tiefschläge. Wer sich davon nicht erholt, liegt nur noch am Boden. Ich sehe aus jedem Krach, jedem Rückschlag eine neue Möglichkeit. Dieses Denken gebe ich auch meinen Kindern weiter.

Wie beurteilen Sie die Leistung des Bundesrats?

Im Grossen und Ganzen sehr gut. Er hat vielleicht etwas spät reagiert. Österreich etwa war viel konsequenter. Im Tessin kamen die Forderungen nach einer Grenzschliessung viel früher. Durch die Krise hat der Bundesrat dann gut geführt. Die Wiedereröffnung hätte nach meinem Geschmack hingegen etwas früher kommen können. Was ich als Unternehmer nicht verstanden habe, war der Mangel an gewissen Materialien wie etwa Schutzmasken. Das hätten der Bund und die Kantone im Griff haben müssen.

Es wurde im Nachhinein Kritik laut, die Schweiz habe die Wirtschaft zu stark eingeschränkt.

Der Schutz der Menschen ist zentral. Dass man alles offengelassen hätte, wie es etwa Trump oder Bolsonaro gemacht haben, das war keine Option. Das hätte in einer Katastrophe geendet. Schneller reagieren und konsequenter durchziehen, das ist meine einzige Kritik. Aber das ist im Nachhinein schnell gesagt. Als es in Wuhan losging, haben wir zum Beispiel unsere Pensionskasse auch nicht geraten, alle Aktien zu verkaufen. Wir haben damals auch noch keine Pandemie erwartet.

Sie sind selber in der Risikogruppe, wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Ich zähle doch nicht zu der Risikogruppe! (lacht) Ich hatte zu Beginn der Krise gar noch eine Operation in einem Kantonsspital. Das war absurd. Ich lag fast ganz alleine auf der Station und man hatte Zeit mich zu verwöhnen. Alle Angestellten waren auf Kurzarbeit. Aber sonst war ich Zuhause im Homeoffice. Zudem habe ich Pläne entworfen, um meine Küche umzubauen. Ich hatte so viel Zeit zum Kochen, da ist mir einiges aufgefallen, das man optimieren muss. Und das bei einer Franke-Küche!

Ihre Immobiliengruppe hat im vergangenen Jahr fast 300 Wohnungen fertiggestellt bzw. begonnen zu bauen. Derzeit stehen in der Schweiz rund 85000 Wohnungen frei. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Wir investieren jedes Jahr zwischen 30 und 60 Millionen Franken in Wohnimmobilien an guter Lage. Guter Standard. Kein Luxus, aber auch kein billiger Kram. Wir werden dieses und in den nächsten Jahren mehrere Hundert Wohnungen fertigstellen. Dabei haben wir einen tiefen Leerstand. Aktuell liegt er bei rund 2 Prozent. Von Überbauungen, die wir in diesem Jahr fertigstellen, ist ein Grossteil bereits vermietet. Und wir werden weiterbauen. Historisch bedingt hat Franke grosse Landreserven. Walter Franke, mein Vater und ich haben diese zusammengekauft. Wir hatten den Grundsatz: Kaufe pro Fabrik, die du eröffnest, mindestens zehnmal so viel Fläche dazu. Sonst muss man später im Erfolgsfall überteuert Land zukaufen. Wir haben immer sehr optimistisch geplant. Heute hat die Immobiliensparte einen Wert von rund 1 Milliarde Franken, mit den bestehenden Landreserven kann das auf 1,5 Milliarden ausgebaut werden.

Das Land ist auch eine Art Rückversicherung.

Auf jeden Fall. Wir haben nie Landreserven verkauft. Wenn bei uns jemand ein Stück Land verkauft, wird er fristlos entlassen (lacht). In der Schweiz gibt es immer weniger Platz und immer mehr Leute. Es liegt auf der Hand, dass der Landpreis stark ansteigt.

Der Platz soll nicht zu eng werden, fordert die Begrenzungsinitiative der SVP, über die wir im Herbst abstimmen. Was denken Sie dazu?

Die Schweiz braucht ausländische Fachkräfte. Als ich im Spital war, hatte ich mit praktisch keinem Schweizer zu tun. Die Chirurgen und das Pflegepersonal stammten vorwiegend aus dem Ausland. Zudem gab es auch einen Schweizer Spitalsoldaten, der musste mir eine Spritze geben. Allerdings war er nicht Arzt von Beruf, sondern Elektroniker. Spass beiseite: ich bin überzeugt, dass wir unsere Grenzen offenhalten müssen. Die Zuwanderung abzuwürgen, wäre für die Schweiz verkehrt.

Peter Spuhler, ein Weggefährte von Ihnen, ist zurück auf dem CEO-Posten. Juckt es Sie manchmal noch, wieder operativ tätig zu werden?

Peter Spuhler ist deutlich jünger und kräftiger als ich! Nein, ich bin zufrieden mit meiner Situation. Loslassen gelingt mir immer besser. Ich war bei Franke jahrzehntelang der erste, der ins Büro kam und der letzte der nach Hause ging. Ich war immer eine Stunde früher als der Büezer da. Das war mir wichtig. Aber die Mannschaft, die nun am Ruder ist, macht das gut.

Ihre Kinder übernehmen nun mehr und mehr Verantwortung.

Ja, das ist der Plan. Sie sind bereits stark involviert. Meine Tochter Nina ist Vizepräsidentin von Artemis, mein Sohn Alexander ist Vizepräsident von Franke. Er hat daneben aber noch eine eigene Firma.

Machen sie Druck, dass Sie etwas mehr Platz machen?

Ja, natürlich. Aber damit kann ich umgehen.

Autor

Roman Schenkel

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