Ellen Ringier
Verleger-Gattin wirft den Medien Antisemitismus vor

Letzte Woche ist der Rohstoffguru Marc Rich verstorben. Der mediale Nachruf auf den «King of Oil» fiel kritisch aus. Zu kritisch für Ellen Ringier: Die Verleger-Gattin wirft den Medien vor, vom Juden Rich ein «antisemitisches Zerrbild» zu zeichnen.

Thomas Schlittler
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Sind die Schweizer Medien antisemitisch? Dieser Meinung ist Ellen Ringier, die Frau des Schweizer Verlegers Michael Ringier – dem Herausgeber von Publikation wie dem «Blick», dem «SonntagsBlick» oder der «Schweizer Illustrierten». Für Letztere schrieb die Verlegergattin in der aktuellen Ausgabe einen Nachruf auf Marc Rich, den genauso erfolgreichen wie umstrittenen Rohstoffhändler jüdischer Abstammung. Ellen Ringier war mit Rich befreundet und stört sich an der kritischen Berichterstattung nach dessen Tod.

Ringier beklagt, dass die Medien folgendes Stereotyp des «King of Oil» bewusst pflegen: «eine Hakennase im Gesicht, die obligate Zigarre im Mund, die Augen hinter Sonnengläsern verdeckt.» Da passe das Adjektiv skrupellos nahtlos dazu, und konsequenterweise sei er ja auch reich gewesen, ein Multimillionär. «Ein typischer Jude eben!», schreibt Ringier. Sie wirft den Medien vor, Rich absichtlich in dieses Schema zu pressen. «Ich kann nicht anders, als dieses Zerrbild als antisemitisch zu benennen», so die Verlegergattin.

Zwar hält es die 61-jährige Juristin für «sehr wahrscheinlich», dass Rich keine Gelegenheit ausgelassen hat, ein Geschäft zu machen. «Die Attribute, die Marc stereotyp zugeschrieben wurden, lassen jedoch in keiner Art und Weise den Marc erkennen, den ich erlebt habe!», hält Riniger fest. Ihr Marc sei ein leiser und liebenswerter Mensch gewesen. Ein echter Freund.

In der Berichterstattung nach Richs Tod kamen solch positive Beschreibungen kaum vor. Zwar wurde der 78-jährige «King of Oil» wahlweise als «brillant», «vorausschauend» oder «Macher» bezeichnet. Mindestens genauso oft fielen aber Worte wie «aggressiv», «skrupellos» und «opportun».

Marc Rich im Jahr 1990
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Rohstoff-Händler Marc Rich ist tot
Geschäftsmann Marc Rich mit Gattin Denise Rich im Jahr 1985 in Davos
Sitz der damaligen Marc Rich Gruppe in Zug (Bild aus dem Jahr 2001)
Eine Delegation der amerikanischen Stahlarbeitergewerkschaft und Schweizer Gewerkschafter demonstrieren am 24. Juni1991 in Zug Schweiz gegen die Schliessung des Aluminiumwerks Ravenswood USA und die Geschaeftstaetigkeiten des Financiers Marc Rich
Eine Delegation amerikanischer Stahlarbeiter und Schweizer Gewerkschafter demonstrierten am 29. Januar 1992 in Zug gegen Marc Rich

Marc Rich im Jahr 1990

Keystone

Rich starb am letzten Mittwoch in einem Luzerner Spital an einem Hirnschlag. Bereits am Donnerstagnachmittag wurde er im Kibbuz Einat in der Nähe von Tel Aviv beerdigt. Marc Rich wurde unter dem Namen Marcell David Reich am 18. Dezember 1934 als Sohn polnisch-deutscher Juden in Antwerpen geboren. Nach dem Einmarsch der Nazis in Belgien floh die Familie 1941 in die USA, wo sie sich zunächst in New York niederliess. Dort amerikanisierte die Familie ihren Namen in Rich. Marcell wurde künftig Marc genannt.

1954 begann Marc Rich eine Lehre beim Handelshaus Philipp Brothers, wo er später zum Verantwortlichen für den Rohstoffhandel aufstieg. Legendär wurde Rich, nachdem er zusammen mit seinem Compagnon Pincus Green das Unternehmen Philipp Brothers wegen Streitigkeiten über die Höhe ihrer Boni verlassen hatte. 1974 gründeten sie in einer Vier-Zimmer-Wohnung in Zug die Rohstoffhandelsfirma Marc Rich + Co AG (heute Glencore).

Das in beengten Verhältnissen gegründete Unternehmen erlebte einen steilen Aufstieg und wuchs zu einem Rohstoffimperium an. Rich und seine Weggefährten verkauften Rohstoffe wie Öl, Aluminium oder Zink von heiklen Verkäufern an heikle Käufer. Dafür gerieten sie heftig in die Kritik, die ihnen Intransparenz, Ausbeutung und Verelendung der lokalen Bevölkerung vorwarf.

Rich profitierte vom Ölschock nach dem Jom-Kippur-Krieg zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn, wie Rich-Biograph Daniel Ammann in seinem Buch «King of Oil» schreibt. Ihm und seinen Händlern gelang es, das Oligopol der sieben grossen Ölkonzerne BP, Chevron, Esso, Gulf, Mobil, Shell und Texaco zu knacken, die den globalen Ölhandel dominierten. Rich lieferte iranisches Öl über Israel auf dem freien Markt nach Europa und die USA. Damit wurde der Boykott der Araber nach den Kriegen gegen Israel ausgehebelt.

Rich handelte unter anderem mit Fidel Castros Kuba, dem Apartheid-Regime in Südafrika und dem Iran, auch nach dem Sturz des Schahs durch Ayatollah Chomeini. Dadurch geriet Rich ins Visier der US-Justiz. 1983 wurden er und Pincus Green des «grössten Steuerbetrugs der Geschichte», der organisierten Kriminalität und des «Handels mit dem Feind» Iran angeklagt. Trotz des US-Embargos habe Rich mit iranischem Erdöl gehandelt, während Amerikaner in der US-Botschaft in Teheran als Geiseln gehalten worden seien, lautete der Vorwurf. Rich floh mit seiner Familie Hals über Kopf in die Schweiz.

Auf die US-Staatsbürgerschaft verzichtete er, nachdem er Spanier geworden war. Rich war während fast zwei Jahrzehnten auf der Fahndungsliste des FBI der meistgesuchten Personen. Die Affäre vergiftete jahrelang die Beziehungen der Schweiz zu den USA, welche die Auslieferung Richs verlangt hatten.

Doch im Gegensatz zu heute blieben die Schweizer Behörden gegen die amerikanischen Druckversuche hart: «Rechtshilfe und fremde Beugungsaktionen schliessen sich gegenseitig aus», schrieb der Bundesrat 1984 an die USA. Erst 2001 wurde Rich von US-Präsident Bill Clinton am letzten Tag von dessen Amtszeit begnadigt.

Marc Richs Stern begann Anfang der 1990er Jahre zu sinken. Ein Spekulationsgeschäft auf Zink verursachte einen Verlust von 172 Mio. Dollar, was die Firma an Rand des Ruins brachte. Nach einem verlorenen Machtkampf gegen seine rechte Hand Willy Strothotte, den er 1992 aus der Firma geworfen hatte, musste Rich sein Unternehmen verlassen. «Ich war schwach», sagte Rich dazu.

Seine Anteile verkaufte er bis 1994 ans Management und leitende Mitarbeiter. Die neuen Besitzer tauften die Firma in Glencore um. Glencore fusionierte vor einem Monat mit dem Bergbaukonzern Xstrata zu einem der grössten Rohstoffgiganten der Welt. Nach seinem Ausstieg bei Glencore versuchte Rich, erneut im Rohstoffhandel Fuss zu fassen – allerdings ohne Erfolg. Zuletzt verlor er in der Immobilienkrise in Spanien sehr viel Geld.

Neben seinen Geschäften widmete Rich sich auch philanthropischen Aktivitäten, wo er als grosszügiger Mäzen auftrat. So gründete er drei wohltätige Stiftungen, die viele Projekte in den USA, Spanien, der Schweiz und Israel unterstützten.

Rich heiratete zweimal. Schlagzeilen machte vor allem die millionenschwere Scheidung von seiner ersten Frau Denise, von der er 1996 nach einem Rosenkrieg geschieden wurde. Rich, der bis zuletzt in der luzernischen Gemeinde Meggen als Einwohner gemeldet war, hinterlässt die beiden Töchter Ilona Schachter-Rich und Danielle Kilstock-Rich. Die dritte Tochter Gabrielle starb an Krebs.

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