Steigende Preise
Vorsicht Geldentwertung! Die Inflation steigt weltweit immer schneller

In den USA hat die Teuerungsrate im Oktober den höchsten Stand seit 30 Jahren erreicht. Ist das eine Blase oder ein Grund zur Sorge? Das sind die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Daniel Zulauf
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Ein Beispiel für die steigenden Preise: In den USA sind die Preise für Occasionsautos um über 26 Prozent höher als vor einem Jahr.

Ein Beispiel für die steigenden Preise: In den USA sind die Preise für Occasionsautos um über 26 Prozent höher als vor einem Jahr.

Jim Watson / AFP

In den USA hat die Jahresteuerung im Oktober 6,2 Prozent erreicht. Im September lag sie noch bei 5,4 Prozent. Sie steigt somit weit schneller als dies die amerikanische Notenbank erwartet hatte. Die Inflation galoppiert aber nicht nur in den USA. Die Preise legen weltweit stark zu, auch in Schwellenländern wie Brasilien, wo die Teuerung bereits im zweistelligen Prozentbereich angekommen ist. Im Euroraum erreichte die Inflationsrate im Oktober ebenfalls einen historischen Höchstwert von 4,1 Prozent. Das sind die Antworten auf die derzeit drängendsten Fragen zum Thema:

Welche Probleme ergeben sich aus der Inflation?

Ein anderes Wort für Inflation ist Geldentwertung. Diese trifft Menschen aus tieferen Einkommensklassen typischerweise besonders hart. Inflation kann zum Beispiel Finanzvermögen aufzehren, vor allem wenn diese nur auf einem gering verzinsten Sparkonto liegen. Wer aber Sachwerte wie ein eigenes Haus, einen Goldschatz oder ein zeitloses Kunstobjekt besitzt, kann sich einigermassen schadlos halten.

Diese Güter werden in Zeiten von Inflation stärker nachgefragt und gewinnen deshalb an Wert. Damit ist auch ein anderes Problem der Teuerung angesprochen: Es verzerrt die Preisrelationen zwischen den Gütern und sorgt für Blasen, die später zu schmerzhaften Korrekturen beispielsweise in Form von Arbeitslosigkeit im Bausektor führen.

Wird uns die Inflation in den nächsten Jahren plagen?

Eine solche Voraussage lässt sich im Moment nicht zuverlässig machen. Die derzeitigen Preissteigerungen sind stark getrieben von der erfreulich raschen Konjunkturerholung nach der Pandemie. Viele Güter, die wir uns im vergangenen Jahr aufgrund behördlicher Restriktionen nicht oder nur bedingt kaufen konnten, sind jetzt wieder erhältlich. Es hat sich ein Nachfragestau gebildet, der die Preise in die Höhe treibt.

Deshalb gehen die meisten Beobachter immer noch davon aus, dass die Teuerung im nächsten Jahr wieder deutlich zurückgehen wird. So hoffen insbesondere auch die Chefs der grossen Notenbanken. Sie haben mit der Nullzinspolitik geholfen, die Wirtschaft zu stützen. Doch das viele Gratisgeld bildet nun auch den Boden, auf dem sich eine stärkere Inflation entwickeln kann. Diese Angst ist wohl mit ein Grund dafür, dass sich die Notenbanker derzeit ostentativ gelassen zeigen.

Wie kann man die Inflation bremsen?

Das ist die Hauptaufgabe der Notenbanken. Ihr wichtigstes Mandat besteht darin, die Preisstabilität zu wahren. Dafür geniessen die Notenbanken ein hohes Mass an politischer Unabhängigkeit, denn wenn eine Notenbank Inflation bekämpfen muss, entstehen Kosten, welche die politischen Akteure auf den Plan rufen, um zu versuchen, ihre Klientel vor diesen Kosten zu bewahren.

Die wichtigste Waffe einer Notenbank zur Inflationsbekämpfung ist der Leitzins. Ein Zinsanstieg führt zu einer wirtschaftlichen Abschwächung und so zu einer Dämpfung der Preisentwicklung. Allerdings sinken die Preise erfahrungsgemäss erst, nachdem die Zinsen eine Zeit lang hoch geblieben sind. Je nach Situation kann ein solches geldpolitisches Programm zu Rezession und hoher Arbeitslosigkeit führen.

In der Schweiz steht der Leitzins noch bei -0,75 Prozent, in anderen Ländern bei 0 Prozent. Wie schnell könnte die Bremse aktiviert werden?

Bis die amerikanische und die europäische Notenbank ihre Leitzinsen erhöhen können, wird es wohl noch eine Weile dauern. Zuerst müssen sie die Programme zum Aufkauf von Anleihen herunterfahren, mit denen sie die Zinsen in Kapitalmärkten dämpfen. Im Fall der USA dürfte dies nach den bisherigen Projektionen bis Ende 2022 dauern. Erst dann können Zinserhöhungen ins Auge gefasst werden. In Europa wird dieser Prozess vermutlich noch länger dauern.

Was heisst das für die Schweiz?

Die Nationalbank kann sich nur sehr beschränkt vom Kurs der Europäischen Zentralbank abkoppeln. Wenn die Investoren erwarten, dass die Zinsen in der Schweiz schneller steigen als im Euroraum, werden sie sich mit Franken eindecken und zu einer weiteren Höherbewertung unserer Währung gegenüber dem Euro beitragen. Die Nationalbank kann und darf den Wechselkurs nicht aus den Augen lassen, denn eine zu rasche und heftige Aufwertung des Frankens kann in der exportorientierten Schweizer Wirtschaft grossen Schaden anrichten.

Aber so weit sind wir ja nicht. Warum beträgt die Inflation in der Schweiz aktuell nur 1,2 Prozent?

Wir starten von einem viel tieferen Niveau aus als die meisten anderen Länder. Auch das hat viel mit dem Franken zu tun. Dieser hat sich im Coronajahr 2020 gegenüber dem Dollar um mehr als acht Prozent aufgewertet. So hat die Schweiz die für den jüngsten Preisschub mitverantwortlichen Energieträger wie Erdöl, Kohle oder Gas im internationalen Markt stets billiger einkaufen können, was die inländische Teuerung tief ins Minus drückte.

Warum steigt die Inflation in den USA stärker an als in Europa?

Die USA sind Europa im Konjunkturzyklus immer eine Nasenlänge voraus. Deshalb sind die beschriebenen Prozesse dort auch weiter fortgeschritten. Aber die USA haben unter dem neuen Präsidenten Joe Biden auch gewaltige Investitionen angekündigt, mit denen sie die Infrastruktur und das Sozialsystem erneuern möchten. Es wird vermutet, dass diese Investitionen den derzeitigen Preisanstieg begünstigen. Firmen, die für die erwarteten Aufträge bereit sein wollen, brauchen jetzt schon die richtigen Fachleute. In vielen Bereichen der US-Wirtschaft herrscht bereits eine ausgeprägte Personalknappheit, was natürlich auch die Löhne in die Höhe treibt.

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