Wirtschaft

Warum die Luzerner Krankenkasse CSS 50 Millionen Franken in Start-ups investieren will

Der Krankenversicherer CSS positioniert sich als Investor für Start-ups. Es ist ein Novum für die Branche.

«Wir nehmen im Schweizer Markt eine Pionierrolle ein», sagt CSS-CEO Philomena Colatrella. Die Konzernchefin des grössten Schweizer Grundversicherers bezieht sich mit dieser Aussage auf die kürzlich erfolgte Gründung eines eigenen Venture-Fonds im Umfang von 50 Millionen Franken. Konkret hat der Luzerner Versicherer die Tochtergesellschaft SwissHealth Ventures AG ins Leben gerufen, die gezielt in Start-ups investieren soll.

Die CSS sei die erste Krankenversicherung mit einem eigenen Venture-Fonds, heisst es in einer Mitteilung. Nach Einschätzung von Branchenvertretern dürfte es sich bei dieser Initiative tatsächlich um eine Premiere im Krankenkassensektor handeln, sowohl was Struktur als auch was die Grösse des Investmentvehikels betrifft. Zwar investieren auch andere Krankenversicherer direkt in Start-ups, aber nicht über einen eigenen Venture-Fonds.

Hauptsitz der CSS in Luzern: Der Krankenversicherer investiert neuerdings in Jungunternehmen.

Hauptsitz der CSS in Luzern: Der Krankenversicherer investiert neuerdings in Jungunternehmen.

Der CSS-Fonds wird mit Überschüssen aus dem Zusatzversicherungsgeschäft aufgebaut. Zur Umsetzung der Investitionsaktivitäten ist die CSS eine Partnerschaft mit der Schweizer Niederlassung des deutschen Venture-Capital-Spezialisten Redstone eingegangen. Redstone unterstützt Firmen im Aufbau und Betrieb ihrer Venturing-Aktivitäten.

Eine halbe Million bis 4 Millionen Franken

Welche Ziele verfolgt die CSS? Die SwissHealth Ventures AG soll digitale Gesundheits-Start-ups unterstützen, die das Gesundheitswesen durch neue und digitale Technologien im Bereich der Prävention, Genesung, Betreuung und Spezialversorgung weiterbringen, erklärt der Versicherer. Durch innovative Angebote soll den Versicherten die medizinische Versorgung von morgen zugänglich gemacht werden. «Unser Ziel ist es, Mehrwert für unsere Kundinnen und Kunden zu schaffen und deren Bedürfnisse noch besser zu antizipieren und abzuholen», erklärt Colatrella. Im Fokus stehen Telemedizin, Früherkennungsdiagnostik sowie digitale Therapien und Tools für chronisch Kranke.

Ein erstes Investment wurde bereits getätigt: Die CSS unterstützt das ETH-Spin-off Pregnolia, das Ende Juni eine Finanzierung in der Höhe von über 4 Millionen Franken abgeschlossen hat. Das Start-up hat ein Messverfahren entwickelt zur besseren Abschätzung des Frühgeburtsrisikos. Wie viel Geld die CSS in Pregnolia investiert hat, macht der Luzerner Versicherer nicht öffentlich.

Jonathan Fraser, der das Venture-Geschäft der CSS leitet, sagt: «Wir investieren in der Regel eine halbe Million bis 4 Millionen Franken pro Investmentrunde.» Die CSS will Investitionsrunden immer gemeinsam mit erfahrenen Investoren durchführen; maximal 60 Prozent des eingesammelten Kapitals wolle man dabei zur Verfügung stellen. Die SwissHealth Ventures AG selbst soll vollständig im Besitz der CSS bleiben. Es sei im Moment nicht vorgesehen, dass sich Mitbewerber daran beteiligen.

Versicherungsbranche mit Aufholpotenzial

Das Vorgehen der CSS ist zwar neu für die Krankenkassenbranche, aber Schweizer Konzerne betreiben zum Teil schon seit vielen Jahren eigene Venture-Capital-Abteilungen, die finanziell gut dotiert sind. Man spricht dabei von Corporate Venturing. «Die Initiative der CSS ist ein gutes Beispiel dafür, dass immer mehr Grosskonzerne eigene Investmentvehikel lancieren, generell Aktivitäten starten oder ausbauen», sagt der Start-up-Kenner Thomas Heimann von der Rotkreuzer Investorenvereinigung Seca. «Vom gesamthaft in Schweizer Start-ups investierten Geld kommen aktuell rund 20 Prozent von Schweizer oder internationalen Grosskonzernen  – Tendenz steigend», erklärt er. Heimann sieht in der Versicherungs- und Finanzbranche Aufholpotenzial. «Während Konzerne wie ABB, Novartis, Roche, Ringier, Swisscom oder Post schon länger eigene Venture-Capital-Aktivitäten unterhalten, sind Banken und Versicherer eher im Hintertreffen», so Heimann.

Seiner Meinung nach ist es wichtig, dass Firmen aus der Finanzbranche direkt in digitale Technologien investieren, um innovativer und effizienter zu werden. «Eigene Investments sind ein gutes Mittel, um an innovative Firmen oder neue Geschäftsmodelle heranzukommen – und später kann man das Start-up vielleicht sogar übernehmen», sagt Heimann. Fraser von der CSS betont allerdings, dass man sich vorerst höchstens mit 20 Prozent an Start-ups beteilige. Es sei aber möglich, dass ein Jungunternehmen in einer späteren Phase auch vollständig übernommen werde.

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