Josef Ackermann

Warum Josef Ackermann Mitleid mit Bettlern hat

Ein Mann im Dienste des Dauerlächelns, Josef Ackermann, womöglich mächtigster Wirtschaftsführer Europas.

Josef Ackermann

Ein Mann im Dienste des Dauerlächelns, Josef Ackermann, womöglich mächtigster Wirtschaftsführer Europas.

Ein Filmemacher begleitete Josef Ackermann über Monate in der ganzen Welt. Gestern Abend wurde der Film auf ARD gezeigt. Josef Ackermann präsentierte sich als Mann, der für seine Deutsche Bank im Dauereinsatz steht. Ein Mann mit Teflonlächeln.

Claudia Landolt

Wie ist es wohl, das Leben eines Superbankers zu führen? Heute Frankfurt, morgen Berlin, übermorgen Shanghai? Josef Ackermann (62), so zeigte der preisgekrönte deutsche Filmemacher Hubert Seipel (Adolf Grimme-Preis), ist der Mann des kalten Kapitals. Ein Mann, glatt wie ein Aal und gnadenlos strategisch denkend, geboren im St. Galler Rheintal, Sohn eines Arztes, Absolvent einer Privatschule, Klassenkamerad von Hans Danuser, dem Dompteur von St. Moritz. Ein Mann, der es ganz nach oben geschafft hat. Das hat Folgen. Kleinere un dgrössere Realitätsverluste zum Beispiel.

Der Klassenprimus

Nein, Josef Ackermann kennt kein Heimweh. Er jettet um die Welt, im Dienste der Bank, seiner Bank. Es ist die Deutsche Bank, die getreu Ackermanns Credo «besser zu sein hat als alle anderen». In der Schule, im Militär, im Studium war Ackermann stets bestrebt, Klassenprimus («hell und schnell», sagten seine Klassenkameraden) zu sein. Auch im gnadenlosen Effizienz-Wettbewerb der Banken kämpfte sich der Schweizer nicht nur an die Spitze, sondern hält sich dort auch, Krisenzeiten hin, Tiefschläge her.

Insignien der Makellosität

Der Filmemacher der ARD begleitete den Schweizer Chef, auf seinen Reisen zu den mondialen Finanzplätzen und Auftritten bei den Mächtigen dieser Welt. Stets präsentiert sich der Schweizer als Mann mit Makellosität (und hartnäckigem Akzent). Sei es der akkurate Scheitel seines graumelierten Haares, sei es das wohl zerfurchte, aber nicht durchwegs kaputtgesorgte Gesicht, angesichts der Last, die auf seinen Schultern liegt und die er sich auch selbst gern erhöht: Josef «Joe» Ackermann gibt das Lächeln nicht auf. Kaum eine Sequenz im Film, in dem er nicht freundlich und jovial schaut. Freundlichkeit als Lebensmerkmal?

Die wandelnde Freundlichkeit

Freundlichkeit, gepaart mit Strategie und Effizienz. Denn Ackermann gibt gerne zu, dass ihm 10 Prozent Rendite nicht reicht. 25 Prozent müssen es sein für die Deutsche Bank. Dafür entlässt er auch mal 6000 Angestellte. Denn die Deutsche Bank, das ist er, Josef Ackermann. Dafür, so das Fazit, tut der einstige Speerwerfer alles. Heute Frankfurt, morgen Berlin, übermorgen Shanghai. So ist das ganz oben.

Nur manchmal wird Ackermann die Reiserei zuviel. Dann etwa, wenn er nicht weiss, welche Telefon-Vorwahl er einstellen muss: In welchem Land, in welcher Zeitzone befindet er sich gerade? Ackermann sagt: «Manchmal weiss ich nicht, wo der Lichtschalter über meinem Bett ist.» Aber auch das verlautbart er mit einem angenehmen, sensiblen Dauerlächeln, das zu seiner zweiten Haut geworden ist.Ein begnadeter Menschenfänger sei er, sagt Seipel im Interview.

Clinton macht ihn glücklich

Ein Mann, nicht ganz von dieser Welt. Aber auch er, so heisst es, ist nicht ganz frei von irdischem Gebaren. Zweimal im 45-minütigem Film sind Risse in der Stein gemeisselten Freundlichkeit erkennbar. Einmal, als er von Bill Clinton einen Preis erhält. Da lächelt er mal so richtig, aus dem Bauch heraus, durchbricht die Makellosität. Und man hört ihn zu irgendwem ins Handy nuscheln. «Das war unglaublich. Bill Clinton hat die Deutsche Bank in der Rede merhmals erwähnt».

Und er hat Mitleid mit den Bettlern

Beim zweiten Mal, und es ist keine Koketterie, offenbart er seine doch vorhandene menschliche Ader jenseits von Wallstreet und Börsen-Indices, und dahinter der Wunsch, geliebt zu werden. So sagt Ackermann: «Ich kann heute noch schlecht um jemanden herumgehen, der um Geld bittet.»

Was der Filmemacher kritisch kommentiert: Das Problem ist nur, dass Ackermann kaum mehr geht. Denn Ackermann wird gefahren, in einer schwarzen Luxuslimousine, mit getönten Scheiben. Ein hiflloser Versuch womöglich, doch ein ganz normaler Mensch sein zu wollen.

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