Der heisse, trockene Sommer 2018 brachte Gewinner und Verlierer hervor. Die Winzer in der Schweiz gehören zu den Gewinnern. Das Weinjahr 2018 sei ein überdurchschnittlich gutes Weinjahr, war im Herbst aus verschiedenen Kantonen zu vernehmen. Laut dem Landwirtschaftlichen Informationsdienst LID fiel die Ernte vom Waadtland über Bern bis nach Schaffhausen und Graubünden hervorragend aus – teilweise sogar mit kantonalen Rekordwerten, etwa in den Kantonen Thurgau, Schaffhausen und Luzern.

Das mediterrane Wetter hatte gleich mehrere Vorteile. Zum einen gab es keine Probleme mit Pilzen und anderen Schädlingen, zum anderen wenig Schäden wegen Frost oder Hagel. Die Trockenheit war für viele Reben kein grosses Problem, weil die Wurzeln der Stöcke tief in den Boden reichen. Die Weinernte begann sehr früh, und die Weinbauern konnten nicht nur viele Trauben ernten, auch die Qualität der Früchte war gut. Unter anderem glänzte die letztjährige Ernte durch einen hohen Zuckergehalt. Dieser bewirkt, dass der Alkoholanteil im Wein etwas höher ist. Der Wein wird deshalb schwerer, der Geschmack ähnelt den Sorten aus Südeuropa. Dafür geht die für die Schweiz typische Frische etwas verloren.

2018 war nach 2003 und 2015 bereits der dritte Rekordsommer innert weniger Jahre. In Zukunft könnten solch heisse Sommer mit wenig Niederschlag laut verschiedenen Klimaprognosen Normalität werden. Ist das für die Schweizer Weinbauern also ein Vorteil? Ganz so eindeutig ist es nicht, findet Michael Wetzel, der Vizepräsident des Branchenverbands Aargauer Wein.

Der Aargau ist ein Beispiel dafür, dass warme und trockene Temperaturen nicht automatisch für alle Weinbauern ein Segen sind. So hatten die Weinbauern, deren Rebstöcke auf felsigem Boden stehen, im vergangenen Sommer keine Freude am Wetter. «Wer Reben auf felsigem Untergrund hat und nicht bewässern konnte, hatte massive Ausfälle», sagt Wetzel.

Witterungsschutz kostet

Der Klimawandel bewirkt ausserdem, dass Wetterextreme zunehmen. Zu solchen Extremen gehören unter anderem heftige Gewitter. Diese wiederum sind gefährlich für die Weinbauern. Denn starker Regen oder Hagel können die Trauben stark schädigen, wenn sie im falschen Moment vom Himmel prasseln. Hagel ist bei den Winzern besonders gefürchtet, weil er im Spätsommer auftritt, wenn die grösste Arbeit für die Ernte bereits getan ist.

Für die Weinbauern bedeutet das, dass sie vermehrt in den Witterungsschutz investieren müssen. Netze können die Reben gegen Hagel schützen, Schäden durch starken Regen zu verhindern, ist etwas schwieriger. Hilfreich ist etwa, wenn an den Reben viele Blätter sind. So sind die Früchte vor den Tropfen geschützt.

Besonders schädlich für die Reben sind auch plötzliche Kälteeinbrüche. Ausser Frostkerzen gibt es dagegen aber bisher keine Schutzmassnahmen. Und weil die Reben wegen der warmen Temperaturen im Frühling früher austreiben, sind sie auch früher empfindlich gegen tiefe Temperaturen. In den Jahren 2016 und 2017 ging ein Teil der Ernte wegen Frost verloren.

Neue Sorten möglich

Nichtsdestotrotz bieten Sommer, wie sie früher in südeuropäischen Ländern üblich waren, viele Chancen. Besonders für spätreifende Sorten, sagt Wetzel. «Falls langfristig ein Trend zu sehr warmen Sommern anhält, ist nicht auszuschliessen, dass frühreifende Traubensorten weniger angepflanzt werden.» Der Trend bewege sich im Aargau sogar bereits in diese Richtung. «Malbec und Merlot sind Beispiele für mittelspätreifende Sorten, die in den letzten Jahren vermehrt angebaut werden. Dies ist auf die Erwärmung zurückzuführen», so Wetzel.

Auch in anderen Teilen der Schweiz ist es heute möglich, andere Weinsorten anzubauen. Das sagt Robin Haug, der Geschäftsführer vom Branchenverband Deutschschweizer Wein. «In der Westschweiz und im Tessin gedeihen qualitative Cabernet Sauvignon oder Syrah. Vor 20 Jahren hätten die in den wenigsten Fällen einen überzeugenden Wein gegeben», sagt Haug.

Neue Weinsorten, im Geschmack weniger frisch – wie schmeckt also der Schweizer Wein der Zukunft? Die Frage geht an den Wein-Degustator Stephan Reinhardt, der für das führende Magazin «Wine Advocate» Weine testet. Wie genau der Wein in ein paar Jahren schmecken will, kann Reinhardt nicht mit Sicherheit sagen. Aber: «Jahrgänge wie 2015 und wahrscheinlich auch 2018 zeigen die Richtung, in die es wohl gehen wird.» Die Weine aus dem Jahr 2015 seien zwar kraftvoll und konzentriert, hätten aber noch immer Finesse. Das gelte sowohl für Weiss- als auch für Rotweine. Aber auch die frischen Weine werden der Schweiz laut Reinhardt nicht so bald ausgehen, auch wenn dafür auf spezifische Bedingungen geachtet werden muss. «Trotz der Erwärmung gibt es noch immer schlanke, elegante und finessenreiche, gastronomische Weine wie etwa die 2016er», schliesst Reinhardt.

Was den Weinstil angeht ergeben sich laut Peter Märki vom Weinbauzentrum Wädenswil mehr Möglichkeiten, um einen gewünschten Stil zu kreieren. Im Weinbauzentrum wird seit Jahrzehnten zum Weinbau in der Schweiz geforscht. So hätten Winzer etwa die Möglichkeit, weisse Trauben früher zu ernten, damit sie nicht zu schwer werden und ihre Spritzigkeit behalten.

Die Anbaufläche kann ebenfalls variiert werden, um den Geschmack zu beeinflussen. «Hauptsorten können auch in höheren Lagen oder auf der Fläche angebaut, werden, damit sie nicht zu früh reifen und zu aromalosen Alkoholbomben verkommen», sagt Robin Haug vom Branchenverband Deutschschweizer Wein. Im Wallis sei das etwa beim Pinot noir bereits der Fall, der mittlerweile auch in flachen Lagen und an Nordhängen gut gedeihe.