Games
Weshalb Ballerspiele vom Staat subventioniert werden

Das Ballerspiel «Dead Space 2» aus dem Hause Electronic Arts wurde mit staatlichen Forschungsgelder unterstützt. Kein Einzelfall: Kaum eine Branche ist in den USA so stark subventioniert wie die Videospiel-Produktion.

John Dyer, Boston
Drucken

Das winzige Becker College von Worcester im Bundesstaat Massachusetts ist in Europa nicht so bekannt wie Harvard oder die Yale University. Und dennoch kann so mancher Europäer mit Becker’s in Berührung gekommen sein. Zum Beispiel, wenn er Apples iTunes besucht hat und «Kanonenduell» oder «Bombardement» heruntergeladen hat – zwei Videospiele, die von den Studenten des Berker College mit einem Computer-Designprogramm erstellt worden sind, das als eines der besten in den USA gilt.

Im Rahmen der Anstrengungen, neue Jobs zu schaffen und die Exporte zu steigern, geben die US-Bundesregierung wie auch die Regierungen der Bundesstaaten beträchtliche und beträchtlich umstrittene Anreize für die Designer von Computerspielen: Präsident Obama hat vorgeschlagen, im kommenden Jahrzehnt rund 100 Milliarden Dollar an Steuervergünstigungen für die Videospiel-Produktion bereitzustellen. Kritiker bemängeln, dass diese Anreize an eine Industrie gehen, die sich nur auf Unterhaltung spezialisiert, statt die Steuergelder für die Schaffung qualitativ höherwertiger Arbeitsplätze auszugeben.

Mehr als Unterhaltung

Die Befürworter der staatlichen Hilfe argumentieren, dass die Schaffung von Videospielen eine Unzahl von Anwendungen in anderen Bereichen nach sich ziehen könne. Timothy Loew, Geschäftsführer des Massachusetts Digital Games Institute, einer halböffentlichen Einrichtung am Becker College, meint: «Die heutigen Videospiele reichen weit über die Unterhaltung hinaus und hinein in ein weites Feld anderer Branchen, von Simulationen fürs Militär bis zu Sprachenschulung, Visualisierungen in der Wissenschaft, Gesundheit und Medizin.»

Da Steuerakten vertraulich sind, weiss niemand, wie viel genau die Firmen bisher an Hilfe bekommen. Der US-Kongress hat allerdings Berichte vorliegen, dass 2010 insgesamt 123 Milliarden an Steueranreizen an Firmen geflossen sind. Bundes- und Staatsgesetze hätten die Videospiele zu einer der am massivsten subventionierten Branchen in den USA gemacht, erklärt Professor Calvin Johnson von der Universität von Texas in Austin im Gespräch mit der «New York Times». Johnson war früher Beamter des US-Finanzministeriums.

Mit 1,2 Milliarden Gewinn

Gemäss dem Bericht hat die Firma Electronic Arts (EA) in Kalifornien, eine der grössten des Sektors, fast ihr gesamtes Budget für Forschung und Entwicklung von 6 Milliarden Dollar aufgrund der gesetzlichen Regelungen von ihrer Steuerschuld abziehen können. Die Firma meldete Gewinne von 1,2 Milliarden Dollar, bezahlte aber nur 98 Millionen an Steuern, weit weniger als die eigentlich vorgesehene Steuerbelastung von 35 Prozent für Unternehmen.

Steuerexperte und Kritiker Michael Rashkin von Marvell Technology in Kalifornien meinte, es wäre besser, den amerikanischen Steuerzahlern dieses Geld direkt zu geben, als es für eine Branche auszugeben, die Spiele produziere, bei denen wenig mehr getan werde, als auf Zombies und andere Monster zu schiessen. EA-Sprecher Jeff Brown hielt dagegen, dass die Steuergelder ganz allgemein die Forschung stärkten. Die Entwicklung von Computerprogrammen sei sehr aufwendig. Und es gebe keine speziell auf Videospiele gerichtete Subventionierung.

Steuervergünstigungen

Loew meinte sogar, selbst wenn die Fördergelder direkt für Videospiele ausgegeben würden, sei das sinnvoll. Der amerikanische Markt dafür habe ein Jahresvolumen von 15 Milliarden und beschäftige 32000 Menschen. Der Weltmarkt werde sich 2014 auf 90 Milliarden belaufen, wobei das Wachstum insbesondere in China und Indien liege.

Loew macht sich dafür stark, in Massachusetts Gesetze durchzubringen, um den Staat wettbewerbsfähiger gegenüber der kanadischen Provinz Quebec zu machen. Denn dort gebe es eine Steuervergünstigung von 37,5 Prozent der Lohnkosten in dieser Branche.

Aktuelle Nachrichten