Angekratzes Image
Wie uns Metzger wieder zu Fleischessern machen wollen

Die Lebensmittelskandale haben auch Auswirkungen auf unsere Essgewohnheiten. Eine Ombudsstelle soll nun das Vertrauen und die Sicherheit der Schweizer beim Fleischeinkauf stärken.

Carla Stampfli
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Trotz Skandalen und Trend zum Fleischverzicht wird mehr Fleisch gegessen – vor allem Poulet.Christian Beutler/Keystone

Trotz Skandalen und Trend zum Fleischverzicht wird mehr Fleisch gegessen – vor allem Poulet.Christian Beutler/Keystone

Filet, Plätzli und Hackbraten statt Tofuburger und Gemüselasagne: Fleischessen ist hierzulande in. 52,4 Kilo landeten im vergangenen Jahr pro Person auf dem Teller. Das sind zirka 460 Gramm – also ein Entrecote – mehr als noch im Jahr zuvor. Das zeigen die Zahlen, die der Schweizer Fleischfachverband (SSF) gestern präsentiert hat. «Trotz schwieriger Umstände hat der Konsum zugenommen», sagte Rolf Büttiker, Präsident des SSF, vor den Medien.

Das «Güggeli» überflügelt das Rind

Der Gesamtkonsum an verkaufsfertigem Fleisch in der Schweiz belief sich im vergangenen Jahr auf 435 268 Tonnen. Verglichen mit dem Vorjahr ist das eine Zunahme von 2 Prozent. Auf den ersten drei Rängen der Beliebtheitsskala befinden sich Schweine-, Geflügel- und Rindfleisch: Pro Kopf wurden 2014 insgesamt 23,66 Kilogramm Schweine-, 11,92 Kilogramm Geflügel- und 11,47 Kilogramm Rindfleisch verzehrt. Damit hat der Geflügelfleischkonsum (+4,3 %) nach 2012 den nahezu konstant bleibenden Rindfleischkonsum (–0,3 %) wieder überholt. An Beliebtheit verloren hat hingegen das Kalb- und Pferdefleisch: Wurden 2013 Pro Kopf 3 beziehungsweise 0,6 Kilo gegessen, waren es im vergangenen Jahr nur noch 2,9 (–3,4 %) respektive 0,5 (–18.1 %). (Ces)

Branche will Image säubern

Obwohl die Zahlen für den Verband erfreulich sind, muss er auf den Imageschaden reagieren: Die Branchen- und Arbeitgeberorganisation hat deshalb Verhaltensregeln für ihre Mitglieder in einer Charta niedergeschrieben und eine Ombudsstelle geschaffen – Letztere ist aus Gründen der Glaubwürdigkeit ausserhalb des Verbands beim Konsumentenforum angesiedelt.

Ziel der Ombudsstelle ist es, einerseits Sicherheit und Vertrauen der Konsumenten beim Fleischeinkauf zu stärken. Andererseits soll sie auch Whistleblowern die Möglichkeit geben, auf Missstände, Probleme im Betrieb hinzuweisen. «Die Ombudsstelle ist niederschwellig, kostengünstig und effizient», sagt Michel Rudin, Geschäftsführer des Konsumentenforums.

Genau wie die Ombudsstelle hat auch die neu vorgestellte Charta das Ziel, das Vertrauen der Konsumenten in die Fleischbranche zu stärken. Die Verhaltensregeln, die in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Nordwestschweiz darin festgeschrieben wurden, enthalten unter anderem Grundsätze zum Tierschutz, zur Fleischproduktion oder zu den Arbeitsbedingungen.

Dank der Charta hat der Verband nun die Möglichkeit, gegen Mitglieder Sanktionen zu verhängen. Bisher konnte der SFF lediglich ein Mitglied aus dem Verband ausschliessen, wenn dieses die Interessen verletzte oder gegen dessen Vorschriften und Beschlüsse verstiess. Die Charta und die Ombudsstelle sind vom Verband einstimmig verabschiedet worden: Konsumenten können sich seit gestern an die Anlaufstelle wenden. «Wir freuen uns, dass es vorwärtsgeht», so SFF-Präsident Rolf Büttiker.

Lehrlinge sind kaum interessiert

Obwohl der Fleischfachverband bemüht ist, das Vertrauen der Konsumenten in die Branche zu stärken, bleibt ein wunder Punkt: der Lehrlingsmangel. «Wir haben Mühe, Nachwuchs zu finden. Das ist für mich die grösste Sorge», sagt Büttiker. Die Zahl der neu beginnenden Lernenden befindet sich in den letzten Jahren im freien Fall: Während es 2010 320 waren, begannen im vergangenen Jahr nur 260 Jugendliche eine Lehre in der Fleischbranche. Gründe seien unter anderem die geburtenschwachen Jahrgänge, die grosse Auswahl an potenziellen Lehrstellen, aber auch das Bild des Metzgers als «Schlächter» mit der blutigen Schürze.

Auch Unwissenheit schrecke von einem Einstieg ab, sagt Ruedi Hadorn, Direktor des SFF: «Die Leute können sich nur schlecht vorstellen, was dahintersteckt.» Würden sie die Branche näher kennen lernen, zum Beispiel an einem Tag der offenen Tür, seien sie vielfach sehr erstaunt, wie spannend und vielseitig das Metier sei: «Wir müssen die Leute deshalb mehr aufklären.»

Erreichen will dies der oberste Metzger unter anderem durch Auftritte an Berufsbildungsmessen, mit Angeboten für Primarschulen, durch Sponsoring von Jungschwingeranlässen oder mit der Präsenz im Internet sowie in den sozialen Medien. Mit den Massnahmen will der SFF die Zahl der neu beginnenden Lernenden auf jährlich 350 erhöhen.

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