Energie

Wind ernten: Weshalb Schweizer Stromkonzerne europäische Windparks kaufen

Schweizer Energiekonzerne investieren zunehmend in europäische Windparks.

Schweizer Energiekonzerne investieren zunehmend in europäische Windparks.

Schweizer Energiekonzerne investieren in deutsche, französische und italienische Windparks – aus gutem Grund.

Sechs Windräder drehen sich seit dieser Woche im Norden Frankreichs unter der Flagge der Schweizerischen BKW. Der Energiekonzern aus Bern hat den Windpark namens Fresnoy Brancourt gekauft und damit einen ersten Schritt auf französischen Boden gesetzt. Es soll nicht der einzige bleiben.

Vor der BKW sorgte der Badener Energieriese Axpo für Aufsehen, als er vor rund drei Wochen die deutsche Volkswind übernahm. Das Unternehmen ist einer der grössten Entwickler und Betreiber von Windparks in Deutschland.

Dass sich Schweizer Energiekonzerne an Windparks im europäischen Ausland beteiligen oder diese komplett übernehmen, ist nicht völlig neu. Seit Jahren bauen die Versorger Portfolios in Deutschland, Frankreich und Italien auf. Doch das Engagement im Ausland wird immer attraktiver. Das hat vor allem zwei Gründe.

Im Inland rentiert es nicht mehr

Zum einen lohnen sich Investitionen in Schweizer Grosskraftwerke nicht mehr. Die Energiekonzerne wollen weiterhin in die Stromproduktion investieren, doch grosse Wasserkraftwerke werfen aufgrund der dauerhaft niedrigen Börsenstrompreise kaum noch Profit ab. Für Gaskraftwerke gilt dasselbe. «Wollen die Energiekonzerne ihr Kerngeschäft behalten und weiterhin Strom produzieren, dann ist es derzeit oft attraktiver, im Ausland zu investieren», sagt Christian Schaffner, Leiter des Energy Science Center der ETH Zürich.

Für die Energiekonzerne sind die Engagements im Ausland denn auch in erster Linie lohnenswerte Finanzinvestments. Die Strommärkte in Deutschland, Frankreich und Italien sind reguliert, Strom aus Windkraftanlagen wird staatlich gefördert. Wer einen Windpark betreibt, erhält über 20 Jahre und mehr eine garantierte Rendite. Die Unternehmen schätzen diese abgesicherten Investitionen.

Hinzu kommt die Zukunftsfähigkeit der Stromerzeugung aus Windenergie. Die Technologie hat in den letzten Jahren grosse Sprünge gemacht – und sie entwickelt sich noch weiter. An guten Standorten ist Windstrom bereits günstiger zu produzieren als Strom aus fossilen Brennstoffen.

Reaktion auf politische Entscheide

Die rasante Entwicklung der Technik beeinflusst auch die Politik. In Deutschland reagiert man auf die immer marktreiferen Anlagen mit: mehr Markt. Bisher förderten unsere nördlichen Nachbarn alles, was sich im Wind dreht und Strom produziert, ähnlich stark – unabhängig davon, ob der Strom zum Zeitpunkt der Einspeisung überhaupt gebraucht wird. Spricht man mit Leuten aus der Branche, fällt im Bezug auf diese Art der Vergütung unweigerlich der Begriff: «Produce an forget» – Produzieren und Vergessen. Stromerzeuger mussten sich bis anhin nicht darum kümmern, was mit der Energie geschieht, die sie ins Netz einspeisen. Sie strichen stets die gleiche Prämie ein.

Mit der Einführung der sogenannten Direktvermarktung ist das nicht mehr so. Zwar bekommen die Betreiber von Windparks immer noch eine garantierte Vergütung für ihren Strom. Doch nun können sie aktiv am Markt teilnehmen und ihre Energie noch gewinnbringender verkaufen. Die Produzenten haben so einen Anreiz, Strom dann einzuspeisen, wenn er nachgefragt wird.

Urs Springer, der bei der BKW für diesen Bereich verantwortlich ist, nennt das unbeschwerte Produzieren und Vergessen bereits die «alte Energiewelt». Für ihn steht ausser Frage, dass sich die marktnahe Einspeisung im Bereich Windenergie in ganz Europa durchsetzen wird. Und das ist der zweite Grund für das zunehmende Auslandengagement der Schweizer Konzerne.

Vermarktungs-Spezialisten

Beispiel BKW: Beim Energiehandel des Unternehmens wurde in den letzten Jahren die Vermarktung von Windstrom aufgebaut und als wesentliches Geschäftsfeld etabliert. So erklärt sich das grösser werdende Interesse an den europäischen Windparks. «Zwar bieten wir die Dienstleistung auch Dritten an», sagt Urs Springer. Doch das Rückgrat, so der BKW-Manager, bildeten die eigenen Anlagen. «Es ist besser, wenn Sie in diesen Märkten auch selbst präsent sind.»

Dass die BKW nun mit ihrem neuen Windpark auf französischem Boden angekommen ist, ist alles andere als Zufall. Die Franzosen sind gerade dabei, ein Vergütungsmodell ähnlich der deutschen Direktvermarktung einzuführen. Ab 2016 soll es gelten. Das Windstrom-Management wird sich für die BKW dann auch in Frankreich auszahlen.

Die Vorteile des Engagements in europäischen Windkraftprojekten hat derweil nicht nur die BKW erkannt. Christian Schaffner von der ETH sagt: «Fast alle grossen Schweizer Versorger fahren diese Strategie – wenn auch mit leicht unterschiedlichen Mitteln.» In den Sinn kommt hier die Axpo. Sie hat sich nicht mit der Übernahme von bestehenden Windkraftwerken begnügt, sondern gleich eine ganze Firma gekauft, die solche Parks plant, baut und betreibt.

Meilenstein Volkswind-Übernahme

Im Geschäft mit der reinen Vermarktung von Windstrom ist die Axpo schon länger aktiv. Allein auf der Iberischen Halbinsel vermarktet das Unternehmen rund 12 000 Megawatt an Windenergie. Die Übernahme der deutschen Volkswind wertet Axpo nun selbst aber als «Meilenstein», denn Planung, Bau und Betrieb von Windparks sind für die Axpo neu. «Mit dem Erwerb der Projektpipeline von Volkswind bekommt Axpo viele zusätzliche, interessante Optionen», heisst es seitens des Unternehmens. Die Windenergie hat man in Baden zu einem zentralen Pfeiler der Strategie angehoben. Das Hauptaugenmerk liege dabei «auf Windanlagen an Land an geeigneten Standorten, vor allem in Deutschland und Frankreich.»

Auch bei der BKW liegt der Fokus auf der Windkraft. Ganz gezielt entscheide man sich für einzelne Länder und Projekte, sagt Urs Springer, denn: «Wir sind wählerisch in unseren Investments.»

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