Interview

Wirtschaftsforscher zur Corona-Krise: «Die Wahrscheinlichkeit einer Rezession ist erheblich gestiegen»

Grossveranstaltungen wie die Boat Show in Amsterdam leiden derzeit besonders unter der Corona-Krise.

Grossveranstaltungen wie die Boat Show in Amsterdam leiden derzeit besonders unter der Corona-Krise.

Der Chef des deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Clemens Fuest, warnt vor einer gefährlichen Abwärtsspirale für die Wirtschaft. Von der Politik fordert er Liquiditätshilfen und grosszügige Regelungen für Kurzarbeit.

Der renommierte Ökonom Clemens Fuest äussert sich im Interview über die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise. Der Deutsche war diese Woche in Zürich anlässlich einer Veranstaltung der Politikberatungsgruppe European Economic Advisory Group, die er präsidiert.

Clemens Fuest ist Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München.

Clemens Fuest ist Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München.

Herr Fuest, vor acht Wochen war sich die European Economic Advisory Group noch einig, dass sich das zuletzt leicht positive Wachstumsmomentum in Europa fortsetzen sollte. Was hat sich seither geändert?

In unserer damaligen Prognose waren die wirtschaftlichen Folgen einer epidemischen Ausbreitung des Corona-Virus natürlich noch nicht enthalten. Die Reaktionen auf diese Epidemie führen uns nun in eine Krise, mit der wir jetzt umgehen müssen.

Wird es zu einer Rezession kommen in Europa?

Wir werden mit Sicherheit einen wirtschaftlichen Abschwung erleben. Damit wir einer Rezession entgehen können, müsste das Virus schätzungsweise in den nächsten vier Wochen verschwinden, und es dürfte nach den Sommermonaten auch nicht mehr zurückkommen.

Das tönt sehr optimistisch.

So ist es. Die Wahrscheinlichkeit einer Rezession ist erheblich gestiegen. Aber wir sind noch nicht so weit, dass wir sie mit Bestimmtheit voraussagen können.

In ganz Europa sehen sich Unternehmen mit scharfen Umsatzeinbrüchen konfrontiert. Sollen die Steuerzahler diesen Betrieben nun helfen?

Die grössten Probleme konzentrieren sich auf die Reisebranche, die Hotellerie, Messen und überall dort, wo es um Veranstaltungen geht. Die Politik sollte Liquiditätshilfen vorsehen und grosszügige Regelungen für Kurzarbeit treffen. Man könnte den Betrieben auch mit der Stundung von Steuerschulden entgegenkommen. Unternehmen, die im Prinzip ein solides Geschäftsmodell haben, sollten jetzt nicht in den Konkurs getrieben werden. Aber die Kosten der Produktionsausfälle wird man den Unternehmen nicht ersparen können.

Wird es trotzdem Konkurse geben?

Konkurse werden nicht zu vermeiden sein. Aber die Politik muss dafür sorgen, dass sie nicht überhandnehmen. Sonst gäbe es viele neue Arbeitslose, die Banken verlören Geld, Immobilien würden zu Schleuderpreisen auf den Markt geworfen, das alles würde eine gefährliche Abwärtsspirale in Gang bringen. Deshalb muss die Politik diese Dynamik stoppen.

Was passiert auf den europäischen Arbeitsmärkten?

Der Trend der vergangenen Jahre zu tieferen Arbeitslosenzahlen ist jetzt leider zu Ende. Das heisst aber noch nicht, dass die Arbeitslosenzahlen nun wieder explodieren müssen. Alles hängt von der Entwicklung des Corona-Virus ab.

Haben die Staaten genügend Ressourcen für Rettungsaktionen?

Wir sehen auf den Finanzmärkten gerade eine Flucht in sichere Häfen. Dazu gehören auch Staatsanleihen. Die Länder haben es also relativ leicht, sich Geld zu günstigen Bedingungen zu leihen. Teilweise sind die Zinsen ja sogar negativ. Wenn es also nur darum geht, Liquidität zu beschaffen, befinden sich die Staaten in einer guten Lage – nicht nur Deutschland.

Mehr Schulden ist also das Rezept.

Mehr Schulden, ja – oder mindestens Garantien, um Liquiditätsengpässe zu überbrücken. Wenn die Wirtschaftsaktivität schrumpft, wird es sicherlich so sein, dass viele Länder ihre Schulden hochfahren müssen. Für Deutschland ist das gut machbar, für Länder wie Italien ist es sicherlich eine zusätzliche Last. Nichtstun, um Schulden zu vermeiden, wäre allerdings noch schädlicher.

Was werden nun die Notenbanken wie die Europäische Zentralbank (EZB) tun?

Sie wird sich überlegen, ob sie die Zinsen noch tiefer in den negativen Bereich stossen kann. Aber wenn sie das tut, wird sie dafür sorgen müssen, dass die Banken nicht noch grössere Probleme bekommen. Sie wird wahrscheinlich die Zinsstaffelung verschärfen. Das heisst, sie wird die vom Negativzins befreiten Beträge erhöhen. So, wie dies im vergangenen Jahr auch die Schweizerische Nationalbank gemacht hat. Zudem kann die EZB die Bedingungen für gezielte, längerfristige Refinanzierungsgeschäfte lockern und für die Banken so Anreize schaffen, die Kreditvergabe anzukurbeln.

Rechnen Sie mit einer weiteren Zinssenkung der EZB?

Ich glaube nicht, dass diese Massnahme bei der EZB an erster Stelle steht.

Warum nicht?

Wenn die Zinsen allzu sehr in den negativen Bereich fallen, kann dies auch für Verunsicherung in den Märkten sorgen. Es gibt eine Diskussion in der Forschung über die kontraproduktiven Effekte von Negativzinsen.

Wie lange müssen wir noch mit Negativzinsen leben?

Der Zeitpunkt für den Beginn einer Normalisierung ist in weite Ferne gerückt. Im kommenden Jahr wird sich ganz sicher nichts ändern. Was danach sein wird, ist völlig offen.

Wie sehen Sie die Herausforderungen der Schweiz?

Das Land liegt mitten in Europa und ist sehr stark in die europäische Wirtschaft integriert. Wie wir gerade sehen, kann sie die italienischen Pendler nicht einfach aussperren, und sie benötigt ebenfalls medizinische Hilfsgüter aus EU-Ländern. Eine Lehre aus der Krise sollte es deshalb sein, dass man die Zusammenarbeit innerhalb Europas einschliesslich nicht EU-Ländern wie der Schweiz verstärken muss.

Die Schweiz stimmt Ende Mai über die Personenfreizügigkeit mit der EU ab. Was empfehlen Sie den Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern?

Ich kann verstehen, dass viele Leute in Ihrem Land das Thema skeptisch sehen, weil es auch dazu führt, gewisse europäische Pflichten und Zwänge akzeptieren zu müssen. Aber man darf nicht vergessen, dass der Wohlstand der Schweiz stark mit der Integration des Landes in die europäische Wirtschaft zusammenhängt. Diese Integration ist nur mit und nicht ohne Personenfreizügigkeit zu haben.

Autor

Daniel Zulauf

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