Arbeitsüberlastung
Zu viel Stress: Firmen schränken Mailverkehr für Mitarbeiter ein

Die Mitarbeiter von Daimler sollen ab 2013 an Wochenden und nach Feierabend nicht mehr mit Mails belästigt werden. Eine Software legt den stressenden Verkehr dann lahm. Schweizer Firmen reagieren auf den Vorstoss im Nachbarland skeptisch.

Michael Hugentobler
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Die Menschen erfinden Maschinen, die sie überfordern. Dann müssen sie eine zweite Maschine erfinden, die die erste Maschine kontrolliert. Ein Beispiel für die Überforderung ist das Burnout bei einer Politikerin wie Natalie Rickli, ein Beispiel für die Kontrollmaschine ist die Software «Quiet Time» der Zürcher Firma Retarus. «Quiet Time» soll den Stress reduzieren, der durch permanente Erreichbarkeit per E-Mail auf mobilen Geräten und Smartphones entsteht. Die Software kann gewisse Mitarbeiter festlegen, die zu bestimmten Zeiten keine Mails mehr bekommen sollen, also nach Feierabend und an Wochenenden.

Volkswagen Deutschland hat bei rund 1200 ihrer Mitarbeiter eine solche Software installiert. Bei Daimler sollen Mitarbeiter von 2013 an entscheiden dürfen, eingehende Mails in ihrer Abwesenheit automatisch löschen zu lassen, wie die «Süddeutsche Zeitung» schreibt.

So weit ist man in der Schweiz noch nicht. Florian Stotz, Geschäftsführer der Firma Retarus in Zürich sagt: «Gespräche mit potentiellen Kunden führen wir zwar, aber eine konkrete Einführung des Programms ist noch nicht erfolgt.»

Schweizer Firmen setzen auf Eigenverantwortung

Amag, die Vertretung von Volkswagen in der Schweiz, kennt keine Einschränkung des Mailverkehrs. «Es gilt die ungeschriebene Erwartungshaltung, dass die Mitarbeitenden nach Feierabend keine Mails oder Telefonate mehr beantworten», so die offizielle Stellungnahme. Oliver Peter, Pressesprecher von BMW Schweiz sagt: «Ich persönlich fände es eine gute Idee, den Mailverkehr auszuschalten, bei BMW setzen wir aber auf die Eigenverantwortung der einzelnen Mitarbeiter.» Auf Eigenverantwortung setzen auch andere grosse Arbeitgeber wie Swisscom, Post und Nestlé.

Michael Gschwind ist Psychologe und Laufbahnberater in Basel. Es unterstützt Betroffene bei der Bewältigung von Stress und Burnout am Arbeitsplatz. Für Gschwind ist es nicht abwegig, in Bezug auf die Bearbeitung von E-Mails an die Eigenverantwortung der Mitarbeiter zu appellieren: «Man muss lernen, die Mails auch mal zu ignorieren.» Dabei ist ein gutes Selbstmanagement wichtig, ein System, das einen nicht überfordert. E-Mails sind also nicht generell schlecht, es kommt nur darauf an, wie man sie nützt. Zudem gibt es Menschen, die eine E-Mail-Flut bewältigen können ohne sich überfordert zu fühlen, während anderen dies nicht gelingt.

«Eine E-Mail löst eine Reaktion der Neugierde aus, man will sehen was darin steht, das ist ein natürlicher Trieb», sagt Gschwind. Damit müsse man umgehen können. Ein Mitglied der Geschäftsleitung könne sich schwerlich dagegen wehren und sollte auch am Sonntag erreichbar sein, bei vielen anderen Jobs sei es allerdings kaum nötig, ein Mail-Programm ständig im Hintergrund laufen zu lassen. «Man kann es auch wegklicken und nur drei Mal pro Tag nachschauen», so Gschwind.

Der Chef soll kein Vorbild sein

Die Mitteilungen eines Vorgesetzten, die man am Wochenende oder nach Feierabend bekommt, senden gemäss Gschwind ein ungünstiges Signal aus. «Man sollte sich den Chef nicht zum Vorbild nehmen.» Wer seine Arbeit während den regulären Bürozeiten gut mache und das Unternehmen unterstütze, dürfe seine Freizeit auch geniessen dürfen. «Von Mails in der Freizeit sollte man sich nicht unter Druck setzen lassen.»

Zum Abschalten empfiehlt Gschwind Sport zum Abbauen der Stresshormone. Auch die Lebenseinstellung sei wichtig. «Wer Herausforderungen optimistisch angeht, seine Ressourcen optimal einsetzt und mit Freude bei der Arbeit ist, geht weniger das Risiko ein, überfordert zu werden.»

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