Bauboom

Zürcher Mieter haben bald mehr Auswahl – im Aargau nehmen Leerstände zu

Konkurrenz für Aargauer Vermieter? Neue Mietwohnungen in Zürich Albisrieden.

Konkurrenz für Aargauer Vermieter? Neue Mietwohnungen in Zürich Albisrieden.

In Grosszentren wie Zürich oder Genf bewegte der Bauboom lange Zeit wenig: Wohnungen blieben schwierig zu finden. Nun zeichnet sich eine Wende ab. «Spätestens ab 2020 könnte es zu einer weiteren Entspannung des Wohnungsmangels kommen», sagt Robert Weinert vom Immobilienberater Wüest und Partner. Die Mieter würden wieder mehr Auswahl haben. Und zwar nicht nur Topverdiener, auch Familien mit mittleren und kleineren Einkommen.

Damit schwächt sich ab, was bislang fest zum Bauboom gehörte. Es wurden zwar Unmengen an neuen Mietwohnungen erstellt, 53'000 allein in diesem Jahr. Aber tendenziell dort zu wenige, wo die Menschen leben wollen: in den Grosszentren wie Zürich und Genf, Basel oder Bern. Und zu viele Wohnungen in einiger Entfernung der Grosszentren: in Aarau oder Locarno, Sion oder im Berner Oberaargau. In diesen Regionen hat es laut Wüest und Partner «einen Wohnungsüberfluss grösser als zu Zeiten der Immobilienkrise in den 1990er Jahren.»

So viel wie seit 1954 nicht mehr

Die Entspannung in den Grosszentren hat einen simplen Grund: Der Bauboom scheint in Basel, Bern, Genf, Lausanne und Zürich erst jetzt so richtig loszugehen. 2018 erreichte die Zahl der Neubaugesuche für Mietwohnungen in diesen Grosszentren einen Rekordstand. «Noch nie seit Beginn der systematischen Beobachtung – ab dem Jahr 2000 – wurden mehr Neubaugesuche eingereicht», heisst es im neuen Immo-Monitor von Wüest und Partner. Die Stadt Zürich beispielsweise vermeldete jüngst gar die höchste Neubautätigkeit seit dem Jahr 1954.

Dass in den Grosszentren gerade jetzt Baurekorde gebrochen werden – das liegt an der hohen Nachfrage. Neue Wohnungen finden dort noch immer in kurzer Zeit ihren Mieter. Während an den Rändern kleinerer Städte mithilfe massiver Verbilligungen gelockt werden muss. Entsprechend flüchten Investoren lieber in die Grosszentren, um dem allgemeinen Anlagenotstand zu entkommen. So werfen 10-jährige Bundesanleihen derzeit nur negative Renditen ab. Ende 2018 unterschritten sie die Nullgrenze, nachdem es zuvor einige Monate nach einer Zinswende ausgesehen hatte.

Investiert wird in den Grossstädten auch deshalb eifrig, weil dort die Gebäude überdurchschnittlich alt sind. 57 Prozent aller Wohnungen wurden dort bereits vor 1961 erstellt, im Schweizer Durchschnitt hingegen sind es bloss 36 Prozent. Viele dieser alten Gebäude in den Grossstädten wurden nie richtig saniert.

Und dann ist da die öffentliche Hand, die in den Grossstädten den Bau von Mietwohnungen fördert. Damit sollen mehr «bezahlbare Mietwohnungen erstellt werden, als es die Privatwirtschaft täte. Die verschiedenen Fördermassnahmen zeigen bereits Wirkung: In Zürich etwa entstanden 2018 auf diese Weise rund 2900 Mietwohnungen, so viele wie seit 1960 nicht.

Hilfe zur falschen Zeit?

Die Analysten des Immobilienberaters Wüest und Partner sehen den staatlich geförderten Wohnungsbau durchaus kritisch. Dieser entfalte seine Wirkung just in einer Zeit, in der am Wohnungsmarkt die Stabilität bereits deutlich gelitten habe. Das Bevölkerungswachstum habe nachgelassen. Das Angebot an Wohnungen befinde sich auf beträchtlich hohem Niveau, auch in den Zentren. Es stünden schon 72 300 Wohnungen leer und der Neubau werde nochmals vorangetrieben.

In den Grosszentren würden zwar weiterhin kaum Wohnungen leer stehen. Daran werde auch der staatlich geförderte Wohnungsbau nichts ändern, dafür sei die Nachfrage zu gross. Doch habe er direkte Auswirkungen auf Regionen, in denen bereits ein Überfluss an Wohnungen vorhanden ist. Zum Beispiel Aarau, Brugg und Zurzach oder im Berner Oberaargau.

Der Zürcher Mieterverband hält jedoch wenig von diesen Argumenten. Sprecher Walter Angst sagt: «Soll die Stadt Zürich etwa den Bau von bezahlbaren Wohnungen unterlassen, um im Aargau fehlgeleiteten Investoren aus der Bredouille zu helfen? Das ist absurd.» Würden sie auch in Aarau bezahlbare Wohnungen bauen, hätten die Investoren weniger Leerstände.

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