Gastkommentar

Zur Konzernverantwortungsinitiative: Die Absicht ist gut, der Weg aber völlig falsch

Paul Bulcke, VR-Präsident von Nestlé

Paul Bulcke, VR-Präsident von Nestlé

Paul Bulcke, Präsident des Verwaltungsrats von Nestlé, zur Konzernverantwortungsinitiative

Nestlé ist ein weltweit tätiges Unternehmen: Die zur Abstimmung stehende Unternehmensverantwortungsinitiative betrifft uns direkt. Deshalb melde ich mich zu Wort. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger sollen unsere Meinung zu dieser Initiative kennen – aber auch unsere Haltung zur Unternehmensverantwortung grundsätzlich.

Die Menschenrechte achten und die Umwelt schützen sind für jedes Unternehmen höchste Pflicht. Langfristig können Unternehmen nur erfolgreich sein, wenn sie zum Gedeihen und zur Stabilität der Gesellschaft und zu einer gesunden Umwelt beitragen. Als Unternehmen müssen wir nachhaltig wirkende Werte schaffen – für die Landbevölkerung, die unsere Rohstoffe produziert, für unsere Geschäftspartner, Konsumenten, Mitarbeitenden und schliesslich für unsere Eigentümer.

Die Initiative schafft grosse Unsicherheit

Die Volksinitiative reduziert die unternehmerische Verantwortung leider auf juristische Fragen und enthält einen groben Denkfehler: Sie macht Schweizer Firmen für das Verhalten ihrer Geschäftspartner haftbar – selbst dann, wenn sie kein Verschulden trifft. Im Falle einer Klage gilt ein Unternehmen sogar als schuldig, bis es das Gegenteil bewiesen hat.

Damit schafft die Initiative grosse Unsicherheit. Firmen werden sich Investitionen in Risiko-Ländern zweimal überlegen und bisweilen darauf verzichten. Die Leidtragenden wären dann jene Menschen, die dank Schweizer Firmen in den letzten Jahren ihre Lebensbedingungen verbessern konnten.

Die rechtliche Unsicherheit widerspricht der Zielsetzung, offen und transparent tätig zu sein: Wir müssten eine massive Bürokratie aufbauen, um im Klage-Fall auf der sicheren Seite zu stehen. Mit mehr Juristenfutter wird sich die gesellschaftliche Situation für die Menschen in den Schwellenländern nicht verbessern.

Nestlé ist geblieben, auch in Kriegen und Krisen

Die Welt, in der wir arbeiten, ist nicht perfekt: Nestlé-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter sind in allen fünf Erdteilen mit Armut, Menschenrechtsverletzungen oder Umweltzerstörung konfrontiert. Sie stellen sich diesen Problemen und handeln überall – ob in Konolfingen, Orbe, Nigeria oder Vietnam – nach denselben Werten unseres Unternehmens. Als Exponenten einer Schweizer Firma übernehmen sie Tag für Tag praktische Verantwortung.

In den Schwellenländern leisten Nestlé-Mitarbeitende einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung. Sie wissen, dass die Probleme bei weitem nicht gelöst sind und es noch viel zu tun gibt, und sie gehen damit Risiken ein.

Es braucht für alle Unternehmen verbindliche Regeln, aber die Initiative propagiert einen Lösungsvorschlag, welcher der Wirklichkeit nicht standhält. Dieses Urteil fälle ich mit meiner Erfahrung aus Südamerika: Dort habe ich Bürgerkriege und schwere Wirtschaftskrisen miterlebt – aber immer blieb Nestlé vor Ort.

Mit der lokalen Bevölkerung zusammenarbeiten, nicht vor Gericht streiten

Diese Konstanz wird durch die Initiative gefährdet. Nestlé und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wollen auch in Zukunft vor Ort die Probleme langfristig und partnerschaftlich anpacken. Wir wollen mit der lokalen Bevölkerung, den lokalen Behörden und den Nichtregierungsorganisationen zusammenarbeiten und uns nicht im Gerichtssaal streiten. Das nützt weder dem Bauern in Nicaragua noch den Konsumenten in Bern.

Nestlé hat im Laufe seiner Geschichte auch gegen eigene kurzfristige Interessen in schwierigen Ländern ausgeharrt – wegen der dort lebenden, mit uns arbeitenden Menschen; ich denke an Venezuela, Syrien, Kongo oder Zimbabwe. Das für diese Menschen so wichtige Durchhalten wird gefährdet. Niemand will dem Risiko von langwierigen Rechtsstreitigkeiten ausgesetzt sein.

Es geht auch um eine Schweizer Tradition

In der Diskussion um diese Initiative müssen wir Klartext reden, weil eine Essenz der Schweiz auf dem Spiel steht: Die Fähigkeit, pragmatisch eine humanitäre und wirtschaftliche Tradition fortzusetzen. Erfolgreiche Unternehmen, die nachweisbar zu einer positiven Entwicklung vieler Länder beitragen, sind Teil dieser Schweizer Tradition.

Wir wollen nichts schönreden noch uns verteidigen. Es geht darum, welche Rolle die Schweiz künftig in der Welt spielen will. Wir sind aufgefordert, aus der Praxis und aus unserer Erfahrung zu berichten – aus 187 Ländern und vor dem Hintergrund von 154 Jahren Geschichte. Diese Erfahrung bestärkt uns, klar und deutlich gegen diese Initiative Stellung zu nehmen.

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