Bünzen
Babykleider für Rumänien – seit zehn Jahren ist diese Aargauerin (82) doppelt sozial

Einerseits strickt und näht Vreni Hilfiker jede Menge Kinderkleider und spendet sie an Bedürftige in Rumänien. Andererseits bringt sie seit zehn Jahren älteren Frauen aus der weiteren Region Wolle und Stoffe und gibt so deren Hobby einen Sinn. Eine doppelt soziale Arbeit.

Andrea Weibel
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Vreni Hilfiker aus Bünzen schickt seit zehn Jahren gestrickte und genähte Kinderkleider nach Rumänien – und gibt gleichzeitig dem Hobby älterer Frauen einen Sinn.

Vreni Hilfiker aus Bünzen schickt seit zehn Jahren gestrickte und genähte Kinderkleider nach Rumänien – und gibt gleichzeitig dem Hobby älterer Frauen einen Sinn.

Andrea Weibel

Vreni Hilfiker ist unermüdlich. Die AZ-Leser kennen die heute 82-Jährige spätestens seit Weihnachten 2013, als sie den AZ-Chrömli-Backwettbewerb mit ihren perfekten Chräbeli gewann. Doch neben dem Backen ist sie auch eine leidenschaftliche «Lismi-Tante», wie die AZ schon 2011 schrieb. Sie strickt und näht Kinderkleider, und das für einen guten Zweck. Ebenso wichtig wie die Hilfe, die sie für Rumänien leistet, ist dabei aber auch die Hilfe zur Selbsthilfe, die sie mit den Strickarbeiten älteren Frauen aus der Region gibt.

Sie gibt den Senioren wieder einen Sinn in ihrer Tätigkeit

Vreni Hilfiker 2011 mit ihren Stricksachen.

Vreni Hilfiker 2011 mit ihren Stricksachen.

Jörg Baumann

Schon immer hat Vreni Hilfiker versucht, ihrem Leben noch etwas mehr Sinn zu geben. Sie half in ihrer Wahlheimat Bünzen an verschiedenen Projekten mit. «Handarbeiten und Stricken gehören zu meinen liebsten Hobbys», berichtet sie. «So fand ich vor vielen Jahren, als unsere Kinder schon gross waren, dass ich die Stücke, die ich produzierte, gerne an Bedürftige abgeben würde.» So kam sie mit dem internationalen Hilfswerk Osteuropahilfe in Kontakt. Als die dortige Ansprechpartnerin aus dem Freiamt nach einigen Jahren dann ihr Amt abgeben wollte, stand Vreni Hilfiker bereit.

Die neueste Kollektion von Babyschuhen, die Vreni Hilfiker abends während des Fernsehens gestrickt hat, gehen bald nach Rumänien.

Die neueste Kollektion von Babyschuhen, die Vreni Hilfiker abends während des Fernsehens gestrickt hat, gehen bald nach Rumänien.

Andrea Weibel

Seit nun zehn Jahren strickt und näht sie nicht mehr nur, sondern ist mit ihrer Tätigkeit für Rumänien doppelt sozial. «Es gibt viele Frauen, besonders ältere, die sehr gerne stricken oder andere Handarbeiten ausführen. Aber sie haben oft niemanden mehr, dem sie diese Strickwaren schenken können. Es macht einen traurig, wenn man sich nicht mehr gebraucht fühlt», erzählt sie vom Schicksal vieler älterer Menschen.

«Aber wenn ich ihnen Wolle oder Stoff bringe, die sie zu hübschen Kinderkleidern für Bedürftige verarbeiten können, blühen sie oft richtig auf und sehen wieder einen Sinn in ihrer Tätigkeit», erklärt die rüstige Bünzerin in ihrem Baselbieter Dialekt und mit ihrem herzlichen Lachen.

Sie regt die Senioren geschickt zum Denken an

Rund 8000 paar Socken, 700 Decken, 480 Kinderpullis und 4000 Mützen, Schals und Handschuhe haben die Frauen in zehn Jahren gestrickt.

Rund 8000 paar Socken, 700 Decken, 480 Kinderpullis und 4000 Mützen, Schals und Handschuhe haben die Frauen in zehn Jahren gestrickt.

Andrea Weibel

Dabei macht es Vreni Hilfiker ihren Strickerinnen und Näherinnen aber nicht zu leicht. «Ich bringe den Frauen immer wieder Wolle oder Stoff vorbei. Oft schaue ich, dass auch Reste dabei sind, die nicht für ein ganzes Deckchen oder einen ganzen Pullover reichen. So müssen die Frauen überlegen, wie sie die Farben kombinieren, damit ein hübsches Stück daraus entsteht. Denn die meisten können das noch sehr gut, wenn es nicht anders geht», berichtet sie lachend und nicht ohne Stolz in der Stimme.

Unglaublich, aber wahr: In den vergangenen zehn Jahren haben die Frauen rund 8000 paar Socken, 700 Decken, 480 Kinderpullis sowie 4000 Mützen, Schals und Handschuhe gestrickt. Dazu kommen ungezählte genähte Kinderkleider. All das konnte an verschiedene Kinderheime in Osteuropa geschickt werden.

Sind wieder einige Schachteln gefüllt, kann Vreni Hilfiker die Vertretung der Osteuropahilfe in St.Gallen anrufen, die sie dann abholen und nach Rumänien weitergeben. Hat sie die Leute denn schon einmal besucht, für die sie all die Kleider strickt und stricken lässt? «Nein», antwortet sie. «Früher strickte ich auch für Menschen in Polen. Aber in beiden Ländern war ich noch nie.»

Vreni Hilfiker sucht Wollreste und Baumwollstoffe

Herzige, bunte Stücke warten auf ihre Reise nach Rumänien.

Herzige, bunte Stücke warten auf ihre Reise nach Rumänien.

Andrea Weibel

Immer wieder erhält Hilfiker ganze Ladungen an Wolle und Stoff geschenkt. Dabei konnte auch die AZ schon behilflich sein, wie sie berichtet. «Als die Artikel über meine Chräbeli in der Zeitung waren, erhielt ich von überall her Zuschriften und Anfragen. Dabei sind schöne Freundschaften entstanden. Eine meiner neuen Freundinnen kannte eine Ladenbesitzerin, die ihren Laden zumachen musste. Von dieser erhielt ich kistenweise Wolle und Knöpfe. Über 1000 Strang waren das.» Mittlerweile ist davon aber bereits nicht mehr viel übrig, die Wolle ist fast komplett verstrickt. Sie sagt:

«Falls jemand noch Wollreste oder schöne Baumwollstoffe daheim hat, die sie oder er nicht mehr braucht, dann nehmen wir die gerne.»

Erreichen kann man sie unter 056 666 17 44. Ausserdem ist sie langsam auf der Suche nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger. «Immer wieder denke ich darüber nach, mein Amt abzugeben, denn es braucht halt schon Zeit, die Wolle auszutragen. Und dann gibt es immer noch ein Käfeli», erzählt sie schmunzelnd. Früher waren es über 20 Lismerinnen, heute sind es noch acht bis neun.

«Ich bin auch nicht mehr so gut zu Fuss wie auch schon. Und als ich letztens fast über eine Kiste mit Kinderkleidern gestolpert wäre, fand ich, dass das eigentlich der richtige Moment wäre, um aufzuhören.» Das heisst aber auf keinen Fall, dass sie deswegen die Lismete weglegen würde.

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