Reportage
Nationalrätin kämpft für Windkraft-Projekt: Das treibt Gegner und Befürworter an

Am Montag stimmt die Gemeindeversammlung über eine Initiative ab, die Windkraft-Anlagen auf dem Stierenberg verhindern will. Hinter dem Projekt steht die Mitte-Nationalrätin Priska Wismer. Ein Besuch in Rickenbach bei Gegnern und Befürwortern.

Dominik Weingartner 1 Kommentar
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Priska Wismer lebt in ihrem Haus am Stierenberg oberhalb von Rickenbach die perfekte Landidylle. Hunde und Katzen streunen über die kleine Hofsiedlung. Der Blick über die Landschaft geht weit. Bei guter Sicht könne sie von ihrem Küchenfenster aus den Schwarzwald sehen, sagt die Mitte-Nationalrätin. Doch auch der Kühlturm des Atomkraftwerks Gösgen mit seiner riesigen Dampfwolke ist sehr gut erkennbar. Ehemann Roland Wismer sagt:

«Die AKW sind auch sichtbar. Das vergessen die Gegner der Windkraft»,
Roland und Priska Wismer stehen genau dort, wo eins der Windräder gebaut werden soll.

Roland und Priska Wismer stehen genau dort, wo eins der Windräder gebaut werden soll.

Bild: Dominik Weingartner

2014 begann das Ehepaar die Windkraft-Anlagen auf dem Stierenberg zu planen. Unzählige Stunden hätten sie bereits in dieses Herzensprojekt gesteckt, zusammen mit zahlreichen privaten Darlehensgebern über 400'000 Franken für Abklärungen ausgegeben. Ihr Interesse sei geweckt worden, als für ein mittlerweile gescheitertes Projekt der CKW in Kulmerau die Windstärke gemessen worden sei, erzählt Roland Wismer. Kurzerhand hat das Ehepaar die Messstation auf den Stierenberg transportieren lassen. Die Ergebnisse waren positiv. Es lohnt sich, dort Windkraftanlagen zu bauen. Das hat auch der Kanton gemerkt, der den Stierenberg in seinem neuen Konzept Windenergie als einen von 22 potenziellen Standorten ausweist.

Wismers sind felsenfest überzeugt von ihrem Projekt. Sie wollen einen Beitrag leisten zur Energiewende. Die Zukunft ohne Atomkraft birgt nämlich vor allem ein Problem: die Stromlücke im Winter. Und da kommen die Windräder ins Spiel. Sie sollen dann Energie liefern, wenn der Solarstrom nicht fliesst. Geplant sind drei Anlagen mit einer Nabenhöhe von 120 Metern, die pro Jahr rund 20,7 Gigawattstunden Strom erzeugen sollen. Damit könnten ungefähr 4600 Haushalte versorgt werden.

Jahrelang sei die Planung ruhig verlaufen, erzählt Roland Wismer. «Wir haben Informationsveranstaltungen gemacht, zu denen kaum 30 Leute gekommen sind», sagt er. Doch dann formierte sich Widerstand. An einer Infoveranstaltung Anfang 2020 war die Rickenbacher Mehrzweckhalle Kubus prall gefüllt, Wismers mussten viele kritische Fragen zu ihrem Projekt beantworten.

«Stierenberg würde industrialisiert werden»

Hinter dem Widerstand steht eine Vereinigung mit dem Namen «Mullwiler Gegenwind». Mullwil ist ein kleiner Weiler unterhalb des Stierenbergs an der Strasse von Rickenbach nach Gontenschwil. Dort wohnt Samuel Hodel. In seinem Garten haben zwei weitere Gegner des Projekts Platz genommen: Pirmin Kammermann, ebenfalls Mullwiler, und der Pfeffiker Peter Furrer. Die Gegner plagen mehrere Sorgen, wenn sie an den Windpark denken: negative Auswirkungen auf die Grundwasserversorgung, Infraschall, Eiswurf von den Rotorblättern der Anlagen, tote Vögel, Wertverlust für ihre Immobilien, um nur ein paar zu nennen. Und selbst wenn die Befürworter versuchen, die Bedenken auszuräumen:

«Wer übernimmt die Verantwortung, wenn doch etwas passiert?»,

fragt Pirmin Kammermann.

Sie wollen das Projekt verhindern: Peter Furrer, Samuel Hodel und Pirmin Kammermann (von links).

Sie wollen das Projekt verhindern: Peter Furrer, Samuel Hodel und Pirmin Kammermann (von links).

Bild: Dominik Weingartner

Aber allen voran fürchten sie die Zerstörung ihres Naherholungsgebiets. «Ein Teil des Stierenbergs würde industrialisiert werden», sagt Samuel Hodel. Pirmin Kammermann wirft ein, vor allem seit Ausbruch der Coronapandemie suchten viel mehr Menschen die Ruhe auf dem Stierenberg. Auch für die Leute aus Pfeffikon, wo es viel Nebel habe, sei der Gang auf den Stierenberg wichtig, sagt Peter Furrer. Die Vorstellung, dass die bewaldete Kuppe des Hügels von drei riesigen Windrädern überragt wird, ist für sie ein Graus.

Gegen erneuerbare Energien hätten sie nichts, betonen die drei Männer. Samuel Hodel verweist auf eine Solaranlage, die er auf seinem Stall installiert hat. «In Rickenbach wird bereits jetzt erneuerbare Energie für 1850 Haushalte produziert», sagt er. Nur erachten die Gegner die Windkraft als ungeeignet für die Schweiz: zu hohe Subventionen, zu wenig Ertrag. Gleichwohl: «Das Hauptargument gegen das Projekt ist die drohende Verschandelung der Landschaft», sagt Hodel. Einmal gebaut, stünden die Windräder nur etwa 900 Meter von seinem Haus und zirka 1,4 Kilometer vom Dorfrand entfernt.

Gemeinderat lehnt die Initiative ab

Am Montag entscheidet die ausserordentliche Gemeindeversammlung über die Initiative der Gegner. Sie fordert ein Windkraft-Verbot für den Stierenberg. 549 Rickenbacherinnen und Rickenbacher haben die Initiative unterzeichnet. «Das ist immerhin ein Viertel der Stimmberechtigten», sagt Pirmin Kammermann. Dass die Gemeindeversammlung über die Initiative entscheiden soll, passt den Gegnern nicht. «Damit es zu einer fairen und unbefangenen Abstimmung kommen kann, werden wir alles dafür tun, dass über die Initiative in Form einer Urnenabstimmung nach der Gemeindeversammlung entschieden wird», sagt Samuel Hodel.

Eine geheime Abstimmung sei im Sinne der Windkraft-Gegner und
-Befürworter. Zwei Fünftel der Versammlung können laut Gemeindeordnung eine Abstimmung an der Urne veranlassen. «Wir wünschen uns, dass viele Stimmbürgerinnen und Stimmbürger den Weg an die Gemeindeversammlung finden», sagt Hodel. Die Initianten glauben, so ihrem Ziel «etwas näher» zu kommen.

Gemeindepräsident Adrian Häfeli (FDP).

Gemeindepräsident Adrian Häfeli (FDP).

Bild: PD

Der Rickenbacher Gemeinderat empfiehlt die Initiative aus verschiedenen Gründen zur Ablehnung. Inhaltlich positioniert er sich zum Thema Windenergie aber nicht. «Viele Leute meinen, sie könnten bei der Initiative über das Windkraft-Projekt abstimmen», sagt Gemeindepräsident Adrian Häfeli (FDP). Ein Ja zur Gemeindeinitiative würde aber nur die Ausarbeitung einer weiteren Teilrevision der Ortsplanung – und zwar zur Schaffung einer Schutzzone auf dem Stierenberg – auslösen. Am Schluss müsste der Regierungsrat dieser Teilrevision der Ortsplanung zustimmen ­– er könnte sie aber aufgrund von übergeordneten Interessen ablehnen.

Ein solches Interesse könnte die Energiestrategie des Bundes sein, die den Bau von Windkraftanlagen in der Schweiz vorsieht. Für die Gemeinde würde das heissen: viel Aufwand für ein ungewisses Resultat. Zudem, so Häfeli, müsste für den Bau der Windkraftanlage sowieso eine Einzonung vorgenommen werden. Das Verfahren für diese Teilrevision sei schon weit fortgeschritten und über diese Einzonung würden die Rickenbacher sowieso abstimmen können.

«Zwei Verfahren sind eines zu viel. Die Stimmbevölkerung soll bei der Einzonung über das Windkraft-Projekt entscheiden. Das ist für uns der zielführende Weg»,

sagt der Gemeindepräsident.

Realkorporation Pfeffikon stellt sich quer

Nicht nur deshalb halten die Wismers die Initiative für unnötig. Wenige Gehminuten von ihrem Hof entfernt befindet sich der Standort für eines der Windräder. «Wir sind selber am stärksten von den Windrädern betroffen», sagt Priska Wismer. Das Land gehört Nachbarn der Wismers, die das Projekt unterstützen. In der Nähe des geplanten Standorts des ersten Windrads verläuft ein Weg, den seit einem Monat Informationstafeln säumen. Aufgestellt hat sie der Förderverein Biomasse, Energie und Infrastruktur Michelsamt, der das Windkraft-Projekt unterstützt. Dort erfahren Spaziergänger unter anderem, dass Katzen viel mehr Vögel töten als Windräder. Der Verein wurde von drei jungen Landwirten aus der Region gegründet. Man wolle den «Vorbehalten mit Fakten gegenübertreten», wie es in einer Mitteilung heisst.

Die zwei anderen Windräder sollten auf Land der Realkorporation Pfeffikon erstellt werden. Doch die Korporation hat die diesen Sommer geplante Entscheidung für den Baurechtsvertrag vertagt. Von der Versammlung sind Wismers ausgeladen worden, «obwohl wir dort in der Vergangenheit immer sehr willkommene Gäste waren», wie Priska Wismer sagt. Man habe Ausweichstandorte für die zwei weiteren Windräder, diese würden dann aber nicht an den ertragreichsten Standorten stehen, ergänzt Roland Wismer. Eins ist klar: Wismers geben nicht auf, auch wenn der Gegenwind stärker wird.

1 Kommentar
Markus Schulz

5.1-5.3 m/s Wind an diesem Standort. Die Leistungsgraphiken der Anlagenhersteller die zur Berechnung herangezogen worden sind beginnen (!) bei 6 m/s. D.h. an einem anderen Standort erzeugen die Anlagen mehr Strom, das ist bei gleichem Mitteleinsatz viel effizienter. Und der ökologische Impact (Katzen töten keine Rotmilane, der Vergleich ist also albern) erfordert es doch, nur Anlagen mit hoher Effizienz zu bauen, die diesen Impact rechtfertigen. Finanziell hingegen lohnen die Anlagen an diesem Standort schon. U.a. mit 10.000 CHF pro Windrad und Jahr für die Eigentümer der gegründeten AG. Vielleicht weht der Wind ja aus einer anderen Richtung, denn das ist für die benötigten Grün- und Waldflächen ein guter Ertrag.

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