Luzerner Samariter tätigen den Notruf – oft ist die Fusion der letzte Ausweg

Innert gut zehn Jahren hat sich die Zahl der Luzerner Samariter mehr als halbiert. Die Vereine kämpfen mit Mitgliederschwund – und geraten aufgrund neuer Richtlinien ins Straucheln.

Evelyne Fischer
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Samariter üben die Betreuung von gestürzten Personen. (Bild: Gaetan Bally/Keystone, Sursee, 2. Oktober 2018)

Samariter üben die Betreuung von gestürzten Personen. (Bild: Gaetan Bally/Keystone, Sursee, 2. Oktober 2018)

Das Aus kommt nicht im verflixten 7. Jahr, sondern nach einem halben Jahrhundert: An der Jubiläumsversammlung vom 18. Januar 2020 wird der Samariterverein Gettnau den Schlussstrich ziehen. Wegen Mitgliederschwunds. Wegen Überalterung. «Die meisten sind um die 70, einige in den 50ern, es fehlen die Jungen», sagt Präsident Niklaus Arnold. Zwar zähle man noch 28 Aktivmitglieder, von denen meist 20 an den Übungen teilnehmen. Arnold sagt:

«Geht es aber um Einsätze an Anlässen, passen die älteren Mitglieder, weil sie nichts riskieren wollen.»

Kurz vor der Auflösung stand der Samariterverein Gettnau schon vor vier Jahren. Arnold als damals neuer Präsident glaubte, das Ruder herumreissen zu können. «Doch es wurde zusehends schwieriger, den Vorstand zu besetzen.» Auch eine Fusion mit umliegenden Vereinen sei nicht in Frage gekommen. «Dass ein Schlussstrich die richtige Lösung ist, war daher allen klar.»

Vereine kritisieren Professionalisierung

Gerade eben diesen Schritt gemacht hat der Samariterverein Wauwil-Egolzwil. Nach 28 Jahren. Mit elf aktiven Mitgliedern war es nicht mehr möglich, den Auftrag sicherzustellen. Im «Egolzwiler Gemeindeblatt» heisst es: «Infolge der umfangreichen Umstrukturierung im schweizerischen Samariterbund betreffend Aus- und Weiterbildungen, steigen die Anforderungen und der Zeitaufwand an unsere Samariter-Lehrpersonen und Mitglieder.»

Ins gleiche Horn stösst Niklaus Arnold: «Der Schweizerische Samariterbund verlangt mittlerweile viel zu viel.» Die Professionalisierung erwische die Samariter auf dem falschen Fuss.

«Gettnau wird nicht der letzte Verein sein, der das Handtuch wirft.»

Vereine verschwinden von der Bildfläche

Dass sich das Netz der Samariter lichtet, bestätigt ein Blick in die Statistik: 2017 engagierten sich schweizweit gut 22'000 Samariter in 963 Vereinen. «2009 waren es noch 1150 Vereine mit gut 30'000 Mitgliedern», sagt Ingrid Oehen. Die Gunzwilerin präsidiert seit letztem Sommer den Schweizerischen Samariterbund (SSB). Zuvor stand sie dem Luzerner Kantonalverband vor. Dort musste sie mit ansehen, wie zahlreiche Vereine von der Bildfläche verschwanden: 2006, als Oehen das Präsidium übernahm, waren 3700 Mitglieder in 69 Vereinen aktiv. Heute sind es noch 1550 Samariter in 56 Vereinen.

Dass sich diese mit veränderten Rahmenbedingungen konfrontiert sehen, weist Ingrid Oehen nicht von der Hand. «Auch der Schweizerische Samariterbund musste Veränderungen feststellen», sagt sie. So sei etwa festgelegt, dass Samariter im Sanitätsdienst eine Reanimation durchführen können und wissen, wann es die Ambulanz brauche. «Jeder, der einmal auf Hilfe angewiesen ist, wünscht sich, dann kompetente Helfer anzutreffen», sagt Oehen.

«Und in vielen Vereinen hat dies bereits dem Status quo entsprochen und ist nun noch aufs Papier gebracht worden.»

Hohes Tempo hat gewisse Vereine überfordert

Weiter müssen neu alle Samariter auf einer Plattform des Interverbands für Rettungswesen erfasst werden, damit Weiterbildungsstunden hinterlegt und ausgewiesen werden können. So wird sichergestellt, dass die Vorgaben des Interverbands als Dachorganisation des medizinischen Rettungswesens erfüllt werden und Samariter weiterhin beispielsweise Sanitätsdienst bei Veranstaltungen leisten können. Oehen räumt ein: Der Interverband und der SSB haben bei der Umsetzung «ein hohes Tempo» angeschlagen.

«Bei einem oder anderen Verein hat dies vielleicht zur Überforderung geführt.»

Oehen wehrt sich allerdings gegen den Vorwurf, der Rückgang der Samaritervereine sei einzig den steigenden Anforderungen geschuldet. «Alle auf Freiwilligkeit basierenden Organisationen bekunden Mühe, neue Mitglieder zu gewinnen und Leute zu finden, die etwa in einem Vorstand Verantwortung übernehmen.» Viele liessen sich nur noch für ein zeitlich beschränktes Engagement begeistern. Oehen verweist auf die letztjährige Studie zur Freiwilligenarbeit des Gottlieb-Duttweiler-Instituts: Gemäss dem Freiwilligenmonitor 2016 geht die Zahl der Menschen, die formelle Freiwilligenarbeit – etwa in Vereinen – leisten, tatsächlich zurück. Werden aber andere Formen der Partizipation berücksichtigt – etwa wenn jemand im Internet eine Restaurantkritik abgibt oder einen Flohmarkt organisiert – ist das Engagement der Bevölkerung noch immer gross.

«Nach Möglichkeit wird Fusion in die Wege geleitet»

Gabriela Engeler, Präsidentin des Luzerner Kantonalverbands, sagt: «Wir haben viele sehr gesunde Samaritervereine im Kanton.» Aber die Konkurrenz von anderen Freizeitangeboten lasse sich nicht wegdiskutieren. Mit Vereinen, die sich aufzulösen drohen, suche man das Gespräch. «Nach Möglichkeit wird eine Fusion in die Wege geleitet.»

Engeler ist überzeugt: Sanitätsdiensteinsätze an Sportanlässen oder Dorffesten – Einsätze, die zunehmen – können auch in Zukunft abgedeckt werden, indem Vereine ihr Gebiet erweitern. «Hier sind wir sehr gut organisiert.» Gettnau liefert den Beweis: Das Gebiet wird künftig vom Samariterverein Ettiswil abgedeckt. Engeler sagt:

«Schwierig könnte es höchstens in Berggebieten werden, die sehr weitläufig sind.»

Auch Oehen glaubt, dass es bei den Samaritern langfristig nur mit Fusionen geht. Aktuellstes Beispiel: der Zusammenschluss der Samaritervereine von Kriens und Horw per 2019. «Die Samariter müssen sich nicht neu erfinden», sagt Oehen. Der Samariterbund müsse aber mit den Kantonalverbänden und Vereinen den Veränderungen Rechnung tragen. Es brauche zudem eine neue Finanzierung. «Denn mit jedem Verein, der sich auflöst, fallen Mitgliederbeiträge weg.» Um sich zu rüsten, entwickelt der Zentralvorstand mit seinen Mitgliedern die Strategie für die «Samariter der Zukunft». Im Sommer werden hierzu richtungsweisende Entscheide gefällt.

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