Stadt Luzern
Zwei Festnahmen und zahlreiche Wortgefechte: Die beiden Demonstrationen in Luzern riefen 400 Massnahmengegner und Linke auf den Plan

Zwei Demonstrationen, die am Samstag in Luzern stattfanden, hatten keine Bewilligung von der Stadt erhalten. Die Polizei war dennoch vor Ort - und alle gerieten einander in die Haare.

Chiara Z'Graggen
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Zwei Demonstrationen, zwei verschiedene Meinungen, eine Stadt: 400 Personen haben am Samstag in Luzern demonstriert.

Zwei Demonstrationen, zwei verschiedene Meinungen, eine Stadt: 400 Personen haben am Samstag in Luzern demonstriert.

Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 12. Juni 2021)

Am Bahnhof Luzern haben junge Menschen Joghurts eines bekannten Zentralschweizer Milchverarbeiters verteilt, die Velopolizei radelte auf der Bahnhofstrasse, die Marktstände wurden zusammengeräumt. Es wirkte wie die Ruhe vor dem Sturm - was es gewissermassen auch war, denn:
Am Samstagnachmittag haben in der Stadt Luzern gleich zwei unbewilligte Demonstrationen stattgefunden. Die Veranstaltung glich, zumindest im Grössenverhältnis, einem Spiel David gegen Goliath - auf der Corona-Massnahmengegner-Seite standen laut Angaben der Luzerner Polizei 400 Personen, auf der Seite der ausserparlamentarischen linken Gruppe Resolut und der Antifa Luzern gerade eine Handvoll.

Was auffiel: Die Polizeipräsenz war bereits eine Stunde vor dem angekündigten Startschuss immens. Auf den Strassen und auch in viele kleineren Gässchen stand mindestens ein Polizistenpaar. Doch bevor alles begann, lenkte die Zunft zu Safran die Aufmerksamkeit der Schaulustigen auf sich: Trommelnd liefen die Zünftler vom Kapellplatz in die Kapellgasse.

«Es ist legitim, auch ohne Bewilligung für die Grundrechte zu kämpfen»

Doch zurück zu den Demonstranten. Einige Minuten nach den Zünftlern marschierte der Zug aus Massnahmengegnern in Richtung Altstadt, umrahmt von Polizisten, begleitet durch Schweizer Fahnen und Liberté-Rufe. Würde man letztere nicht hören, könnten Unbeteiligte denken, es handelte sich um Fans der Schweizer Nationalmannschaft, die mit der Polizei über die Seebrücke marschieren und von einigen Passanten mit Zurufen beglückt weiter in die Luzerner Altstadt zogen.

Doch: Nicht von allen Seiten gab es Zuspruch, viele schütteln die Köpfe. Eine Handvoll Gegendemonstranten überschütten die Coronaskeptiker mit Beschimpfungen, diese gingen jedoch inmitten des Kuhglockengeläuts unter, auch wenn es immer mal wieder zu verbalen Wortgefechten zwischen Maskenträgern und Massnahmenkritikern kam. Inmitten der Masse sticht einer heraus: Nicolas A. Rimoldi, Gründer von «MASS-VOLL!», einer «Jugendbewegung für verhältnismässige, friedliche und zukunftsorientierte Coronapolitik», wie sich die Gruppierung selbst beschreibt.

Die Massnahmengegner demonstrierten ohne Maske.

Die Massnahmengegner demonstrierten ohne Maske.

Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 12. Juni 2021)

Diese Gruppe hatte vor der Demonstration im April in Altdorf dazu aufgerufen, da die Demonstration nicht bewilligt war, nicht daran teilzunehmen. Doch weshalb war der Co-Präsident am Samstag in Luzern anwesend? Er sagt auf Anfrage, er hätte gar nicht geplant, an der Veranstaltung teilzunehmen. Aber: «Ich war in der Stadt unterwegs, um mein Abstimmungscouvert einzuwerfen. Als ich die Treicheln gehört habe, entschied ich mich spontan für die Teilnahme.» Dass die Demonstrierenden keine Bewilligung eingeholt haben, sieht er nicht kritisch: «Immer mehr Kundgebungen wurde die Bewilligung kurzfristig entzogen.» Deshalb scheine es legitim, auch ohne Bewilligung für seine Grundrechte zu kämpfen. Er ergänzt:

«Wenn der Bundesrat unsere Rechte nimmt, dann werden wir sie erst recht zurückholen.»

Nicolas A. Rimoldi erhebt schwere Vorwürfe gegenüber den Gegendemonstranten der Antifa Luzern. Sie hätten wüste Beschimpfungen geäussert und sich nicht auf einen Dialog mit den Massnahmengegnern eingelassen. Die Antifa Luzern dazu in einer schriftlichen Antwort: «Mit Faschisten, unter anderem Nazis der PNOS und Rechtsextremen aus Deutschland, darf und kann kein Dialog geführt werden. Die Gewalt ging klar von ihnen aus.» Weshalb auch sie keine Bewilligung eingeholt haben, beantwortet die Gruppe mit einer Gegenfrage: Ob diese Frage auch den Mass-voll-Mitgliedern gestellt werde. Und:

«Demonstrieren ist ein Grundrecht.»
Meist blieb es zwischen den Parteien beim Wortgefecht.

Meist blieb es zwischen den Parteien beim Wortgefecht.

Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 12. Juni 2021)

Tatsächlich trugen vereinzelte Personen T-Shirts mit faschistischen Motiven respektive Aufschriften rechtsradikaler Gruppierungen. Rimoldi entgegnet: «Die faschistische Antifa Luzern besitzt keine Glaubwürdigkeit. Sie fällt auf durch Hassparolen, Gewalt gegen friedliche Menschen und Lügen.»

Polizei nimmt zwei Personen fest

Laut Medienmitteilung der Luzerner Polizei konnten die Einsatzkräfte eine Konfrontation der beiden Gruppierungen verhindern. An der Bahnhofstrasse habe ein 36-jähriger Schweizer den Massnahmengegnerzug tätlich angegriffen, woraufhin er festgenommen wurde. Ein 54-Jähriger, welcher die Einsatzkräfte tätlich anging, wurde darüber hinaus vorläufig festgenommen.

Im Vorfeld der Kundgebung sprach die Polizei über 30 Wegweisungen aus. Da die Kundgebungen nicht bewilligt waren, wird das Bildmaterial der Luzerner Polizei nun ausgewertet und identifizierte Personen durch die Stadt Luzern verzeigt.

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