Böögg-Reportage
Nach 12 Minuten und 57 Sekunden explodiert der Kopf – Corona sollte also bald passé sein

Der Böögg verbrannte am Montag auf der Urner Teufelsbrücke. Trotz eiskalten Windes fackelte die Schneemannfigur aus Zürich relativ schnell ab. Der Sommer scheint also gerettet. So ist auch das Coronavirus in Flammen aufgegangen.

Anian Heierli
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Video: Tele Züri/Silvy Kohler

Der Böögg ist immer 3,40 Meter hoch, immer 100 Kilo schwer und hat immer an die 140 Pyroknaller verbaut. Trotzdem wirkt er dieses Jahr kleiner als sonst. Denn normalerweise würde der Böögg auf dem weitläufigen Sechseläutenplatz in Zürich stehen. Doch nun wird er auf der Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht abgefackelt, und eingebettet zwischen den steilen, schneebedeckten Felshängen geht die weisse Schneemannfigur etwas unter.

Das ändert sich um 17.50 Uhr abends, als der Urner Landammann Urban Camenzind persönlich mit der Fackel den massiven Scheiterhaufen rund um den Böögg anzündet. Es ist zugig. Ein kalter Wind weht. Dennoch entzündet sich das mit Petrol getränkte Holz rasch. Immer grösser werden die Flammen. Innert Sekunden schlagen sie höher als der Landammann, der rasch das Weite sucht.

Es ist ihm eine Ehre: Landammann Urban Camenzind darf den Export-Böögg entzünden.

Es ist ihm eine Ehre: Landammann Urban Camenzind darf den Export-Böögg entzünden.

Bild: Urs Hanhart

Danach geht es nur wenige Minuten, bis der Böögg Feuer fängt. Dann kommt es plötzlich zu einer Überraschung. Die Bauchdecke des Schneemanns fliegt davon, und darunter kommt ein fieses, grünes Coronavirus zum Vorschein. Doch der Anblick dauert nur kurz. Schnell verbrennt das Monster und mit ihm der Schneemann. Nach 12 Minuten und 57 Sekunden ist es dann endlich so weit. Mit einem lauten Knall, der von den Felshängen widerhallt, fliegt der Kopf des Bööggs hinunter in die Schlucht.

Der Böögg brennt lichterloh.

Der Böögg brennt lichterloh.

Bild: Urs Hanhart

Knapp 13 Minuten sind ein guter Wert. Damit dürfte es ein warmer Sommer werden. Denn je schneller der Kopf des Bööggs explodiert, desto besser wird angeblich das Wetter. Momentan geht es aber offiziell auch darum, die Pandemie zu vertreiben. Bleibt zu hoffen, dass mit dem guten Omen Corona also bald passé ist.

Landammann Camenzind ist mehr als zufrieden

«Dass ich den Böögg anzünden durfte, ist eine Ehre», sagt Camenzind und lacht. Für ihn steht fest: «Der Anlass ist aus zwei Gründen eine gute Sache. Wir pflegen den Austausch mit Freunden aus Zürich, und der Kanton Uri erhält so eine wichtige Aufmerksamkeit.»

Schöllenenschlucht statt Sechseläutenplatz: Hier wird der Böögg aufgebaut.

Video: CHMedia

Böögg-Bauer Meier: «Abgebrannt ist abgebrannt»

Lukas Meier hat den Böögg gebaut und ihm vor Ort in der Schöllenen den Kopf montiert.

Lukas Meier hat den Böögg gebaut und ihm vor Ort in der Schöllenen den Kopf montiert.

Bild: Urs Hanhart (19. April 2021)

Aufgestellt wurden der Böögg und der Scheiterhaufen nur wenige Stunden zuvor: Am Morgen 6.30 Uhr stellen Arbeiter zuerst den Körper des überdimensional grossen Schneemanns auf. Anschliessend montiert Böögg-Bauer Lukas Meier den Kopf höchst persönlich. «Das ist Tradition», sagt er zu unserer Zeitung. In diesem Moment habe er die Anspannung gefühlt. Doch jetzt, nachdem die Figur steht, sei er «relaxed». Rund 50 Stunden hatte er in den letzten zwei Monaten in die Fertigung des Bööggs investiert. Schmerzt es nicht, wenn dann alles innert Minuten abbrennt? «Nein», sagt Meier. «Das gehört zu meiner Aufgabe dazu. Verbrannt ist verbrannt.» Die Montage des Kopfes ging aus seiner Sicht gut. Trotz Wind.

Chef-Gärtner Martin Bräker kümmert sich mit seinem Team jedes Jahr um den Scheiterhaufen.

Chef-Gärtner Martin Bräker kümmert sich mit seinem Team jedes Jahr um den Scheiterhaufen.

Bild: Urs Hanhart

Anschliessend stapeln sechs Männer das Holz auf dem Podest unterhalb der Figur. 8 Meter hoch türmen sich die Äste. Die Gärtner aus Zürich hängen dafür am Seil in schwindelerregender Höhe über der Teufelsbrücke. Sie wissen exakt, wie sie vorgehen müssen, damit der Haufen trotz Wind nicht in sich zusammenfällt. «Wir machen das jedes Jahr», sagt ihr Chef Martin Bräker, Leiter Bezirk Hotting Riesbach. Vom Prinzip her funktioniere ihre Aufgabe wie in Zürich. Nur der Durchmesser des Scheiterhaufens ist dieses Jahr etwas kleiner. «4,4 statt 5,2 Meter», sagt Bräker. Für ihn ist es nun bereits das achte Mal, dass er beim Aufbau mithilft.

Doch den Bezug zum Böögg hat der im Zürcher Unterland aufgewachsene Bräker schon seit seiner Kindheit. «Ich bin mit dem Volksfest aufgewachsen», sagt er. Dass er nun im Kanton Uri dabei ist, sei für ihn etwas ganz Spezielles. Gerade die tolle Bergkulisse hier oben würde ihn beeindrucken. Er ist sich sicher:

«Dieser Tag wird meinem Team und mir noch ganz lange in Erinnerung bleiben.»

Obwohl wegen der Pandemie keine Zuschauer erlaubt sind, wimmelt es in der Schöllenen von Helfern, Sicherheitskräften und Medienschaffenden. Auch Urner Vertreter sind vor Ort. Einer davon ist der kantonale Informationsbeauftragte Adi Zurfluh. Tagsüber überwacht er unter anderem, dass nicht mehrere Drohnen auf einmal fliegen, und er kümmert sich um die Journalisten vor Ort. Er ist bereits seit den frühen Morgenstunden in der Schöllenen und war auch in den letzten Tagen immer wieder bei der Teufelsbrücke auf der Baustelle. Er betont: «Wichtig ist, dass in den nächsten Tagen nach dem Abbau alles wieder so ist, wie zuvor.»

So darf die historische Teufelsbrücke keinen Schaden nehmen. Dazu wurde auf das Podest unter den Scheiterhaufen eine Glasschaumplatte montiert und darüber eine Schicht Quarzsand aufgehäuft. Das soll garantieren, dass die Brücke keinen hohen Temperaturen ausgesetzt wird. Ob wirklich nichts Schaden genommen hat, wird sich dann in den nächsten Tagen zeigen.

Vom Aufbau bis zur Explosion: Die besten Bilder aus der Schöllenen

Der Böögg explodierte nach 12 Minuten und 57 Sekunden.
23 Bilder
Der Kopf fliegt weg.
Der Böögg brennt lichterloh.
Der Teufel im Böögg speuzt Gift und Galle.
Der Urner Landammann Urban Camenzind zündet den Scheiterhaufen an.
Nur noch wenige Zentimeter.
Lukas Meier steht stolz vor seinem Werk. Er hat den Böögg gebaut.
Böögg-Aufbau in der Schöllenen. Martin Bräker (59), Leiter Bezirk Hotting Riesbach, Gärtner
Von oben betrachtet sieht man wie hoch der Scheiterhaufen schon ist.
Der Böögg-Aufbau in der Schöllenen.
Immer mehr Holz wird aufgestapelt.
Der Scheiterhaufen nimmt langsam Form an.
Von weitem erkennbar: Der Schneemann mit seinem Dreizack.
Die Holzbürdeli werden von Hand aufgeschichtet
Ausblick auf den Böögg von der Teufelsbrücke.
Der stolze Schneemann steht.
Von Schnee umgeben.
Der Böögg wird mit einem grossen Kran auf die Plattform über der Teufelsbrücke gesenkt.
Das wichtigste zum Schluss. Der Schneemann bekommt seinen Kopf aufgesetzt.
Der Böögg wird in einem Lastwagen angeliefert.
Mit Dreizack wird der Sechseläuten-Böögg 2021 in Uri auf den Scheiterhaufen verbrannt.
Das Urner OK und eine Zürcher Delegation besichtigten die Konstruktion zur Böögg-Verbrennung auf der Teufelsbrücke

Der Böögg explodierte nach 12 Minuten und 57 Sekunden.

Bild: Urs Hanhart

Die Sondersendung zum Nachschauen:

Video: Tele Züri

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